Kinder von Nepal: Reise 8

Aber bevor es losgeht, werde ich erst einmal in der Schule von Angpang begrüßt. Mit einem Meer von Blumenketten. Philipp erwischte es bei seiner Ankunft ähnlich.  „Ich hab überhaupt nicht mehr rausschauen können.“ Ich hatte zwar vorgeschlagen, mir nur eine Blumenkette und sieben Schals zu überreichen, aber Kul zuckt mit den Schultern: „Hab ich so weitergegeben. Die Lehrer haben nicht drauf gehört.“

Bei diesem Festakt spricht auch der Schülersprecher Nishan Magar, ein fröhlicher, offener Junge. Als Kul dann Tage später klagt, dass er keinen Nachfolger hat in seinem Amt der Dorfleitung, sage ich: „Du brauchst nur durch die Klassenzimmer zu gehen. Du siehst da so viele begabte Kinder. Du brauchst sie nur zu fördern. Zum Beispiel Nishan.“

Bei dieser Begrüßung übergibt Kul auch die Brille aus Hamburg an ein Mädchen, die das einzige Ergebnis von Marinas ausführlichen Augenstests war. Ganz schüchtern lässt es das über sich ergehen.

Am Nachmittag laufen wir das kurze Stück zur Schule in Mude, oberhalb von Angpang. 14 Lehrer unterrichten hier 185 Kinder in zehn Klassenstufen. Dort bezahlt KvN das Gehalt eines Lehrers – von Kishor Shah (Mathe, Physik, Chemie) –  und unterstützt fünf Kinder. Für jedes übergebe ich also 130 Euro.

Kul hat für die Kinder kleine Bonbons mitgebracht, die Philipp und ich verteilen. Wir machen das später bei allen Schulen und sind froh drum. Denn so sehen uns die Schüler ganz nah. Philipp nimmt sich viel Zeit dafür und sieht jedes Kind herzlich an –  ich genauso.

Hier in Mude treffe ich auf Bipan, den so klugen und sportlichen Jungen aus Kuls Nachbarhaus. Er muss hier die neunte und zehnte Klasse besuchen, weil Angpang nur acht Stufen hat. Später sehen wir sein Lehrbuch, einen kleingedruckten Schinken von 4 cm Höhe, in dem alles hintereinander steht: Englisch, Chemie, Mathe, Erdkunde… Die Mathe-Aufgaben haben das Niveau unserer elften Klasse. Die Englischtexte mahnen zu Öko-Denken und Wald-Erhalt, sehr schwierig formuliert. Ich bemitleide Bipan, dass er sich da durchboxen muss – durch kein einziges Foto, keine Farbe aufgelockert.

Er fehlt jetzt auch beim Spielen auf dem Hof. Zu viel Lernen. Genau wie sein älterer Bruder Dipesh (15), der zwei Stunden entfernt zur höheren Schule geht, zu Fuß. Selten vom väterlichen Motorrad abgeholt.

Aber sein Vater Rudra nimmt ihn jetzt plötzlich zu einem revolutionären Trip mit: Nach Kathmandu. Dipesh strahlt. Kul meckert dagegen. „Was soll der Junge in Kathmandu? Das ist viel zu früh für ihn.“  14 Tage später laufen wir durch Kathmandu – und treffen Rudra und Dipesh! In einer kleinen Straße, zufällig. Dipesh strahlt wieder. Er lacht sowieso  fast immer.

Aber zurück zu Mude. Die Schule liegt fern von den zwei Dorfteilen, wo links die Sherpa wohnen und oberhalb die Magar. Kul: „Sherpa und Magar kommen selten in  Ämter. In den ganzen 19 Jahren, in denen die Schule von Angpang besteht, hat es noch kein Kind in einen guten Job geschafft.“ Gut = Regierung, Militär oder Polizei. Einmal dort, zieht man die ganze Verwandtschaft mit in die guten Positionen.

Vor dem Schulgebäude mit seinen ärmlichen Toiletten  dehnt sich eine triste Kleinebene. Kul hat schon einen Bagger geschickt, der planierte. „Damit man hier mehr machen kann, Fußball spielen.“

Ähnlich vorausschauend hat er in Angpang quer durch alle Terrassen schräg nach unten einen neuen Feldweg schieben lassen, fast bis zur Schule. Er endet  im Nirwana. Der Sinn dahinter: Die Schule soll auch einmal zehn Klassen haben. Dann muss angebaut werden. Dann spart er die Trägerkosten für Zement und Steine. Dann fährt ein Lastwagen alles runter.

Bilder: Eine Brille aus Hamburg für ein Mädchen in Angpang. Sie war die einzige, die schlechte Augen hatte – fand Marina im Mai heraus, als sie die Augentests machte. Alle anderen Kinder haben eine überdurchschnittlich gute Sehkraft.

Kul und Philipp auf dem Weg zur Schule von Mude. Alles ist einfacher als in Angpang, mit weniger Farbe. Aber vor einem Klassenzimmer pflanzte jemand einen kleinen Wacholderbaum.