Kinder von Nepal: Reise 9 und 10

9. Die nächste Schule, zu der wir wandern, ist bei Meranding – am Waldhang gegenüber. Sie heißt Ghunsa, liegt bei wenigen alten Häusern und sammelt Kinder von weither.

Wir steigen runter zum Fluss, trinken bei einer Frau etwas Büffelmilch und geht´s rauf nach Ghunsa. Auch hier: Ein neuer Weg ist steil in den bröckelnden Hang geschoben. Oben gibt es sogar eine brandneue Piste nach Salleri, in die Bezirkshauptstadt des Distrikts Solukhumbu, quer durch den Wald  gerissen. Als Alternative, falls die reguläre Straße auf der anderen Talseite mal abrutscht.

Kul erzählt unterwegs von Bären (einer ging gerade bei Salleri in eine Falle und kommt jetzt in den Nationalpark im Süden; ein Verwandter sah unlängst eine Bärin die Straße überqueren, die in jedem Arm ein Junges trug) und Schlangen. Es gibt eine Sorte, deren Biss so lähmt, dass später Teile der Arme oder Beine abfallen. „Sie steht wie aus einem Ring heraus aufrecht im Feld und greift als einzige unserer Schlangen an.“

Kul berichtet auch von unserer Büffelaktion (KvN kaufte armen Familien Büffelkühe, deren Kälber immer an andere Familien weitergegeben werden). Aus den elf sind schon 16 Tiere geworden. Aber klüger wäre es im Nachhinein gewesen, sagt er, eine Herde zu kaufen und von Hirten betreuen zu lassen, die KvN bezahlt. Wegen der Arbeitsplätze. Er will mehr Arbeit im Dorf.

In der Schule von Ghunsa  bekommen wir rote Thika-Tupfer auf die Stirn, viel zu groß, viel Farbstaub davon fällt aufs T-Shirt. Und wir treffen einen nur zu bewundernden Lehrer, der mit einem langen Stock  laufen muss – weil ein Bein gelähmt ist.

Franzosen aus St. Gervais halfen hier jahrelang, aber vor fünf Monaten schlief alles ein. Denn neue Leute sind in dem dortigen Verein „Ciel de Ghunsa“ (Himmel von Ghunsa). Im November wollen sie aber wieder  Kontakte knüpfen zu den 13 Lehrern und 215 Schülern.

Hier gibt es eine Bücherei (wovon Angpang träumt) und sogar einen Schulkassier. Zwei junge Lehrerinnen sehen aus wie in Paris, mit makelloser Schminke und modernen großen schwarzen Brillen. Sehr intellektuell.

Wir geben hier Geld für fünf Kinder weiter. Eines von ihnen müsste am Auge operiert werden. Vielleicht kann Marinas Hamburger Arzt hier helfen, der ihre Brillenaktion leitet.

Philipp und ich besuchen noch die einzelnen Klassenzimmer und erzählen den Kindern in Kurzform, wo Hamburg liegt und wo München – und dass Hamburg vielleicht auf einer Höhe von 2 m steht. Unvorstellbar für die Kinder hier im Himalaya, die auf 2500 m Höhe unterrichtet werden.


10. Am Rückweg erzählt Kul von den Plänen für seine Schule in Angpang. Er träumt von einem Aufenthaltsraum, von einer Bücherei und einem Wissenschaftslabor. Zwei von Hundert Einwohnern haben ein Herz und spenden für sowas, sagt er. „Wir bauen etwas Großes.“ Sollen es zwölf Klassen werden? „Ja.“ Momentan sind es acht. Zehn Klassen würden schon genügen, aber weil im nahen Kerung die zwölf Klassen seit Neuestem nicht mehr möglich sind, will Kul einspringen. „Man muss Pläne haben, Träume, sonst passiert nichts. Was haben wir in den letzten 19 Jahren viel erreicht: Strom, Trinkwasser, Brücke, Weberei, Bank, Schule. Aber wir brauchen oben im Dorf noch mehr Strom, noch mehr Kapazität, weil Mekh ja seine Möbelfirma aufgemacht hat.“ Kul seufzt. „Ich hab so viele Ideen. Wenn ich daheim bin, mach ich blitzschnell meinen Bauernhof, steh dafür um 4 Uhr auf und gehe mit der Stirnlampe aufs Feld. Dann mach ich all die anderen Sachen.“

Mekh hat schon fünf Angestellte. Auch die Bank gibt fünf Männern Lohn. Sie ist so reich, dass sie nicht mehr mit anderen Banken fusionieren muss. Könnte sie dann nicht Projekte im Dorf finanzieren, frage ich. Kul winkt ab: Was an Überschuss da ist, geht in Schulungen der frisch gebackenen Banker. Der Plan: Bishnu wird Kassenrevisor (Kul schult ihn gerade); Kul gibt dieses Amt  ab und macht den Vorsitzenden; Durga, der Bankgründer, wird angestellt. Ram ist der Manager und Raju führt die Kasse.

Ram und Bishnu sind Brüder und sehr kluge, kompetente Männer – die besten Freunde von Kul (und wie er unermüdliche Motoren der Entwicklung von Angpang). Raju – ein ganz stiller, guter Charakter –  ist der Schwiegersohn von Kul. Und der Gesamtkontrolleur der Bank, Rudra, ist Kuls Cousin. Aber er ist ein großes Problem, denn er tut nichts. Man könnte ihn entlassen, aber so etwas geht nicht innerhalb der Familie. Auch dass er den Job bekam, lag an seiner Familienzugehörigkeit. Kul konnte ihn nicht übergehen. Hätte er es getan, wäre eine ewige Feindschaft entstanden, ein Maulwurfsystem gegen ihn.

Am Rückweg von Ghunsa halten wir noch bei einer Familie, die in Trauer ist um den Tod der Mutter. Ihr Mann trägt deshalb weiße Kleidung. Die Söhne sind so herzlich um Philipp und mich bemüht, dass ich denke: Wenn man das Gute in Menschen sucht, dann findet man es hier.

Wir kehren auch bei Bishnu ein, was ein Schock ist: Er hat oben den alten Wohnraum komplett gepimpt, also aufgedonnert. Um Mekh zu helfen, kaufte er ihm ca. 10 m Sofa ab – die Polsterung umläuft alle Wände. Dazwischen liegt ein Teppich. Der Westen hat Einkehr gehalten. Kul: „Ich will auch einmal alle meine Zimmer mit Teppich haben.“ Aber bis dahin ist es noch lang hin, weil er es noch nicht einmal geschafft hat, den Betonboden in Wohnzimmer und Küche mit Holz zu verkleiden. „Ich muss das tun“, sagt er geknickt, „weil die Krankheit meiner Frau auch vom Betonboden kommt, sagt der Arzt. Und wir kriegen es ja auch nie richtig warm. Ich bau´, glaube ich, einen zweiten Ofen ins Wohnzimmer.“