Kinder von Nepal: Reise 1

Diesmal kommt erst am letzten Tag vor dem Abflug die Freude auf Nepal auf. Davor nicht, wahrscheinlich wegen meiner Erkrankung im vorigen Jahr. Sie muss so gravierend gewesen sein, dass ich innerlich alles von Nepal weggeschoben hatte. Das kommt mir bei der Ankunft, in den ersten Tagen: Ich sehe alles wie neu, als ob ich nie dagewesen wäre. Langsam erhebt  sich Nepal  wieder.

Auch der Flug ist wie neu, als ob es mein erster wäre. Ich bestaune in Arabien, bei der Zwischenlandung in Doha, die teure moderne Architektur, utopisch. Und vergleiche sie mit der einfachen Feuerstelle von Kalu, Kuls Ehefrau, in ihrer Küche in Angpang. So weit ist die Welt auseinander.

Am Flughafen von Kathmandu denke ich: Ich rieche die Tempel, ihre Düfte.

Kul empfängt mich mit einer extra prachtvollen Blumenkette. Er ist voll im Stress, hat aber auch den vollen Überblick und ist gut drauf. Er erzählt von seinen Sorgen wegen der Schule in Maidane, wo es für uns im Frühjahr so schwer gewesen war, das Geld für einige Lehrergehälter zusammenzubringen. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte er die Betreuung dieser Schule abgegeben.

Jetzt kommt noch dazu, dass die Regierung für die von ihr bezahlten Lehrer eine Gehaltserhöhung beschlossen hat, 20 Prozent. Also sollten die übrigen Lehrer auch mehr bekommen.  An den nepalesischen Schulen ist meistens die eine Hälfte der Lehrer vom Government eingestellt, die andere vom Dorf: Der Elternbeirat oder der Rektor muss dafür  bei den armen Bauern  betteln gehen. Oder er hat Glück und eine ausländische Organisation springt ein, wie es  „Kinder von Nepal“ macht. Wir übernehmen solche Gehälter in Angpang, Maidane, Pattle und Mude.

Kul war im Frühjahr wegen der Sorgen um Maidane so mitgenommen, dass er in eine gesundheitliche Krise geriet. Marina bekam es mit, als sie im Mai ihre Augentests machte. Sie sagte: „Thomas, sprech´ das an, ich hab mich nicht getraut.“ Ich hab´s gemacht, weil ich es am ersten Abend in Angpang gravierend mitbekam. Kul reagierte sofort und  machte sich wieder klar. Es hält seitdem.

Jetzt an Kathmandus Flughafen, nach wieder erhöhter Visagebühr (48 Euro für 30 Tage), steigen wir in ein klappriges Taxi, dessen Tür lange nicht aufgeht. Der Fahrer, ein freundlicher Mann mit Pferdeschwanz, bringt uns zur kleinen Familienpension „Souvenir Guesthouse“ am Rand von Thamel, dem Touristenviertel. Dort ist ein Weltwunder geschehen: Der Feldweg vor der Tür ist geteert. „Kein Staub mehr!“, strahlt Madan, der Eigentümer, und der Second-hand-Bookshop daneben muss seine Bücher nicht mehr einschweißen als Schutz.

Wir gehen in den winzigen Imbiss „Om Lumbini“ gleich daneben, ein super Restaurant im simpelsten Stil, wo Vater, Sohn, Onkel und Neffe kochen – im Schatten  eines riesigen neuen Hotelkomplexes, der noch  nicht fertig ist. Aber er hat schon vier Geldautomaten vor der Tür.

Kul erzählt hier mehr von Maidane. Die Schule hat inzwischen zu viele Lehrer. Es wird zu teuer für uns. Man könnte vielleicht zwei aus dem Grundschulbereich kündigen, sagt er. Wenn man ihnen eine Prämie gibt, ist das nicht so schlimm.

Später, in Maidane, sprechen wir mit dem Kollegium darüber. Die Lehrer argumentieren dagegen: Es geht nicht. Jeder Lehrer wird gebraucht.

Kul berichtet in dem kleinen Restaurant, durch dessen Tür man so schön die Menschen vorbeieilen sieht, auch von Angpang. Dort bekam er von der Regierung einen neuen Rektor bezahlt, Gayn. Aber dieser schmale, freundliche  Mann unterrichtet altmodisch und ging deshalb in Kollision mit dem jungen Lehrerteam. Dieses wird unmerklich angeführt von Deek, dem klugen, sympathischen Englisch- und Physik/Chemielehrer. Es kracht dauernd. Hunderte von  Krisengesprächen halfen nicht. Kul ist am Ende seiner Weisheit.

Ich lerne dabei: Die kleine Schule von Angpang ist kein Wald- und Wiesenidyll, wo man mal so lasch ein bisschen unterrichtet und ansonsten das Leben genießt, sondern es ist eine ambitionierte Schule wie bei uns, mit intelligenten Lehrern wie bei uns, die ihre Ziele haben. Und die – wie bei uns – in verschiedene Lager zerfallen können.

Kul würde Deek gern behalten und deshalb Gayn zurückgeben. Aber das geht nicht, weil Gayn ein Regierungslehrer ist und vier Jahre bleiben muss. Ähnlich ist es mit der neuen Lehrerin Orzona. Jeder klagt über ihre laxe Einstellung zum Unterricht. Sie sei zu faul. Aber sie muss vier Jahre lang ertragen werden.

Positiv ist immerhin, dass Kul die neue Schultoilette noch einmal verbessern konnte. Sie ist jetzt innen ordentlicher und bekam vor allem ein flaches Betondach – was die Zuschussgeber der Regierung, die an ein Spitzdach dachten,  nicht für möglich gehalten hatten. Aber Kul, der geborene Architekt, hat es einfach gemacht.