Kinder von Nepal: Reise 13

Wir sehen auch bei der Gesundheitsstation von Maidane vorbei. Sie hat einen alten Zahnarztstuhl aus Deutschland, der gerade leicht defekt ist. Kul verspricht der jungen Zahnärztin Samita Rai, sofort einen Monteur zu suchen. Sie und Assistentin Shrijana Magar verlangen 500 Rupi (4,50 E)  für eine Zahnreinigung. Manchmal sind es 800 R und bei einer Wurzelbehandlung 1200 (10 E). Viele Leute haben schlechte Zähne. „Der Zucker, das Junkfood, die Schokolade…“

Samita kam hierher, weil es ihr Vorgänger nicht mehr aushielt auf dem Dorf in diesem Höhenklima mit dem vielen Nebel und Regen.  Er muss mal seine Oma besuchen, sagte er und kehrte nicht mehr zurück.

Aber Samita geht es genauso. Sie ist ein ganz interessanter Mensch: Zart, schmal, feinfühlig und schüchtern, aber sofort umstellend auf eine souveräne Arzthaltung, sobald ein Patient da ist. Sie ist Mitte 20 und sagt mit traurigem Blick: „Ich werde hier depressiv. Weil nichts los ist. Ich vermisse junge Menschen und das Leben in Kathmandu.“

Philipp und ich besuchen sie am Abend. Sie ist begeistert von Philipp und zieht mit ihm los zur Lehrerin Uma. Diese ist seit Beginn in Maidane, viele Jahre, und auch wie gefangen: Wenn sie nachhause will, muss sie  zwei Stunden lang  zum nächsten Bus laufen.

Uma lebt in einer Bude so groß wie zwei Betten. Das einzige Fenster ist eine Luke. Sie kann sich gerade mal zwischen Kocher und Matratze  bewegen. Ihr einziger Hoffnungsstrahl  ist Facebook.

Bei Samita ist es genauso. Die Fotos auf  ihrem Facebook-Account  zeigen sie in einer ganz anderen Welt: Zusammen mit dem Schamanen ihres Dorfes (das Rai-Volk hat eine eigene Religion), dann festlich rot gekleidet mit goldenem Kopfschmuck beim größten Rai-Fest im Dezember in Kathmandu (sie scheint jetzt ein ganz anderes Mädchen zu sein, vollkommen traditionell und schön),  dann elegant gekleidet vor Shopping-Zentren.

Sie studierte drei Jahre Zahnmedizin und könnte noch ein Jahr ergänzen. Vielleicht in Deutschland? Sie träumt von Deutschland. Philipp und ich beschließen, sie einzuladen.  Irgendwie ist sie europäisch in ihrem Innern. Sie sollte Europa sehen.

Wir reden viel, Samita in bestem Englisch. Dann gehen wir auseinander in die Nacht, und am nächsten Morgen sagt Samita, dass sie träumte: Sie war traurig, ging durch eine Drehtür und plötzlich war sie froh.

„Ihr habt mich so glücklich gemacht“, sagt sie. „Allein durch das Reden gestern.“

Sie hat übrigens eine feste Lebensregel. Sie will Menschen glücklich machen. Egal wer zu ihr in die Gesundheitsstation kommt: Er soll fröhlich heimgehen.

Dass  ihr das gelingt, bestätigen die Dorfbewohner, als Kul fragt, wie Samita so ist als Zahnärztin.  „Sie ist jemand“, sagen sie, „der uns immer zum Lachen bringt.“

Samita und Kul in der Zahnarztpraxis