Kinder von Nepal: Reise 14+15

14. Ich unterhalte mich näher mit Puspa Kafle, einem Lehrer aus Rampur weiter unten, fast im Tal, der auch in Maidane unterrichtet. Auf seinem Handy zeigt er Bilder seiner Stadt, wo nahezu alle der 900 Häuser vom Volk der Brahmin bewohnt sind, der höchsten Kaste. Rampur ist gut entwickelt, sagt er. Es gibt eine Polizeistation und eine Gesundheitsstation. Die Schule ist die beste weitum. Er selbst hat drei Häuser, teils geerbt. Seine Tochter ist auf den Fotos zu sehen, vielleicht 18 Jahre alt. Seinem Sohn leiht er manchmal sein Motorrad, mit dem er immer nach Maidane fährt. Dann ist es schlammbespritzt. Puspa Kafle bittet mich zum Abschied: „Maile mir, unbedingt.“

Unser Frühstück in Maidane macht ein junges Paar, das ein Kind hat. Der Vater ist ein einfacher junger Mann, fast noch ein Schüler. Aber er gibt uns so freundlich und ehrerbietig die Milch und den Milchreis in dieser simplen kleinen Küche voller Ruß.  Diese Haltung, so nepalesisch, macht ergriffen. Bei uns  im Westen ist sie verschwunden.

Wir laufen jetzt los nach Pattle, von fast allen Lehrern verabschiedet. Unterwegs treffen wir zwei Mädchen, die weit umher wandern, um kleine Dinge zu verkaufen. Herzlich wünschen sie uns eine gute Reise.

Wir streifen das Haus von Kalus Schwester, bekommen geröstete Maiskolben, Gurkenscheiben und Brot. Dann geht es bergauf durch schöne Wiesen und an Bächen vorbei. Wie in einem Idyll liegt plötzlich eine Minischule da, Nalidara, vollkommen im Grün, nur von alten Mani-Mauern unterbrochen. Hier unterrichten  zwei Lehrer 13 Kinder in den ersten vier Klassen. Kein Haus ist zu sehen. Die Kinder wohnen verstreut.

Unterwegs spüre ich im Schritt einen Blutegel, weil er zubeißt, und schnappe ihn. Kul erzählt, dass er einmal über seine Äcker lief, eine Tüte mit Salz in der Hand, und alle Blutegel, die er fand, hineinwarf. Denn Salz tötet sie. Seitdem hat er dort keinen mehr gesehen.

Wir steigen immer höher, an Waldflecken mit vielen Orchideen vorbei. Kul zeigt auf den Hang gegenüber, wo ein Erdrutsch ein Haus wegriss.  Die Mutter wollte noch zurück und Geld holen und wurde verschüttet.

15. Irgendwann erreichen wir das Haus von Rektor Lakpa Sherpa. Es liegt noch weit unterhalb der Schule und wird inzwischen von zwei scharfen Hunden bewacht. Lakpa hält sie wegen nächtlicher Diebe und auch, um Jungs abzuschrecken, die ihm von seinem Obstbaum die Äpfel stehlen.

Ein Motorrad steht jetzt vor der Tür. Lakpa spart sich damit teure Jeepfahrten in die Bezirksstadt Okhaldhunga. Dorthin hat er inzwischen seine Kinder gebracht. Denn der Sohn, etwa zehn Jahre alt,  hat die Angewohnheit, andere zu pieksen oder zu stechen. Weil das nicht abzustellen war, kam die Internatlösung. Seine ältere Schwester begleitet ihn, damit er nicht so allein ist.

Lakpa zeigt uns sein Wohnzimmer, das kaum bewohnt ist. Dort verblüfft ein neuer, wandbreiter buddhistischer Altar, bunt und gut bemalt. Zwei Männer im nächsten Dorf beherrschen diese Kunst.

Die Frau von Lakpa, Shima,  braucht keine Emanzipation. Sie ist angeboren selbstständig und selbstbewusst, sehr klug. Sie war bisher Ersatzlehrerin und wurde vor Kurzem fest angestellt. Bei unserer Begrüßung auf dem Schulhof am nächsten Morgen ist sie eine der wenigen Rednerinnen. Sie spricht ernst und entschieden.

Dieses Willkommen in Pattle ist sehr herzlich. Wir erleben erst die Morgengymnastik der Kinder zu Musik und bewundern ihre Elastizität, das Tanzgefühl – auch bei den Lehrerinnen, die alles vormachen. Dann kommen jene Mütter ins Lehrerzimmer, deren Kinder von KvN unterstützt werden. Es ist ein eindrucksvolles Bild. Rechts von ihnen sitzen Frauen der Müttergruppe. Eine hat ein Baby. Es wird gelacht. Ich bewundere die Gesichter. Eine Frau hat ein römisches Profil,  klar und schön.

Danach folgen die Reden auf dem Pausenhof. Kul, Philipp und ich versinken wieder in Blumenketten und Begrüßungsschals. Wir haben Zeit,  die Menschen vor uns zu betrachten: Bäuerliche Frauen, Sherpa-Mütter in ihrer  immer sauberen tibetischen Tracht, alte Leute. Es ist ein Märchenland, allein wegen der Kleider und Gesichter. Dann tanzen Mädchen. Und Rektor Lakpa ist glücklich, von der kommenden Gesundheitsstation zu berichten. Einen Assistenzarzt dafür hat er schon gefunden, Furba Sherpa.

Unter den Rednern ist ein sympathischer, lächelnder Mann mit Anzug, Hem Bahadur Sunuwar. Wir treffen ihn später wieder, weil Philipp beschließt: Es ist so ein schöner Tag, da  könnten wir noch etwas nach Westen laufen, über die Höhe. Unterwegs kehren wir bei zwei Frauen ein, die uns in ihrer dunklen Küche großzügig mit geröstetem Mais versorgen. Dann passieren wir einen kleinen Erdrusch, der nach nichts aussieht. Aber er verschüttete wieder ein ganzes Haus und seine Bewohner.

Wir betreten ein kleines, einfaches Dorf, wo die Dächer noch aus Steinplatten bestehen – Talkot. Dort leben nur wenige Familien. Sie gehören sechs Kasten an. Mit den umliegenden Bauern sind es 150 Menschen. Ihr zuständiger Politiker ist Hem Bahadur Sunuwar. Er war Trekkingführer wie Kul und gewann im Frühjahr 2017 die Wahl für diesen „Ward 7“ (Bereich 7), als Kul für seinen Ward 8 und 9 in Angpang knapp scheiterte.

Hätte Kul gewonnen, sagt er, dann hätte er ein Büro mit Sekretärin gehabt und einen Assistenten, der für ihn alle Probleme löst. Denn Kul wäre per Motorrad nur überall hingedüst, hätte mit den Menschen gesprochen und ihre Probleme angehört. Einen Tag in der Woche hätte er sich frei gehalten, ansonsten wäre er unendlich aktiv gewesen.

Und Hem? Hem zeigt uns sein Büro in Talkot. Es steckt in einem unscheinbaren Gebäude, oben im ersten Stock, und verblüfft mit schwarzen Ledersesseln, drehbar, mit Computer, Drucker und bunten Zetteln am Boden – Reste eines Workshops für eine Lehrerfortbildung.

Hem erzählt, dass ihm das Erdbeben von 2014 half, die Wahl zu gewinnen. Er lebt 1,5 Stunden Fußmarsch unterhalb, sah damals die zerstörten Häuser und bat PC-fitte Freunde, bittende Mails an alle ihm bekannten Trekkinggäste aus Australien und Japan zu schicken, damit sie Geld für den Aufbau schicken. Diese Aktion machte ihn bekannt.

Kaum gewählt, baute er eine Straße.  Straßen bauen ist „in“ in Nepal, sagt Kul. Es gibt einen richtigen Wettbewerb, wer es am schnellsten schafft, eine Straße an Land zu ziehen. Hem hatte nur den Nachteil, dass er kein Geld mehr für den Teer bekam. Ein Erdrutsch im Monsunregen und das Ding ist weg.

Hem würde auch gern Arbeitsplätze schaffen. „Aber wir kriegen keine Fabrik her.“

Von Talkot wandern wir zurück zu Lakpas Haus. Es wird immer dunkler und schöner: der Mond scheint, der Blick hinunter nach Rampur wird spektakulär durch die langen Nebelbahnen. Grillen zirpen und Fledermäuse fliegen.

Abend über den Bergen bei Pattle
Die von uns unterstützten Kinder mit ihren Müttern in der Schule von Pattle