Kinder von Nepal: Reise 16

In Pattle waren wir nach dem Schulempfang auch kurz in einem kleinen Restaurant. Kul raucht. Philipp will es abstellen: „I see you!“ (Ich merke es!) Kul hatte schon einmal aufgehört, im April vor zwei Jahren.  Sein Stress brachte ihn aber zurück – ein ähnlicher Stress, wie er ihn vor 20 Jahren hatte, als er 30 war und  Touristen bei einem Trekking durch die Berge führte. Es wurde seine schwerste Tour, weil sie in Schnee gerieten, hoch bis zum Hals. Kul musste jeden einzelnen Gast  herausziehen in dieser Nacht, bis um ein Uhr morgens. Danach rief er seinen Chef in Kathmandu an: „Ich bin krank.“ Der glaubte ihm nicht. Kul musste sich hinschleppen und live zeigen – „ich war so dünn wie noch nie.“

Wir wandern jetzt zurück nach Angpang, wollen aber noch kurz davor in dem kleinen Dorf Bagam stoppen, weit entfernt. Wir laufen einen ausgefahrenen  Waldweg entlang, im Monsunregen gefurcht und zermatscht. Unser Handy-Höhenmesser zeigt um die 3200 Meter. Wir streifen kleine heilige Plätze, voll behangen mit weißen Schals. Einer von ihnen ist für Frauen gut. Ein anderer hat seinen besten Punkt mitten auf der Straße.

Kul führt uns aber auch abseits zu einem alten kleinen Stupa, deren untere Stufen wie Eisenringe wirken: Sie halten die Energie des Platzes für den Stupa zusammen.

Nicht weit davon laufen wir im Nieselregen durch ein verlassenes Mini-Kloster,  Donde. Ein kleineres Gebäude enthält eine riesige Gebetstrommel, uralt. Ein anderes, einst reich mit Stuck verziertes langes Haus  ist ohne Dach. In einem Eck der drei Zimmer hat sich ein Wanderschäfer eingerichtet. Das abgenutzte Hauptgebäude oberhalb  ist der Tempel. Hier wohnte lang ein hochgradiger Mönch in seiner siebten Inkarnation. Aber weil die heilige Stimmung des Platzes erst in 3 m Höhe beginnt, ist der erste Stock wichtig. Auch unter dem Dach ist es lichtvoll. Von hier oben zeigt ein Fenster in jene Richtung, die für Gedankenflüge  geeignet ist.

Wir erreichen später das kleine Dorf Jhapre, das auch einen großen Tempel hat, allerdings voll in Schuss und innen bunt bemalt. Ähnlich wie in Donde reicht hier die negative Erdstimmung weit aus dem Boden empor, die über sich immer als Ausgleich eine positive Stimmung bildet. Also startet  die gute, heilige Stimmung  erst unter der Decke. Und wird  im Dach fortgesetzt. (Bei uns lösten die Kelten dieses Problem, indem sie begehbare Holzgestelle bauten – über der negativen Energie. Somit standen sie dann oben in der guten Energie.)

Ziel des Tempels ist es, diese gute Stimmung zu fangen, zum Wohl der Mönche. Sie meditieren dann besser. Aber die Erbauer beachteten nicht, dass sie mit dem Hausbau das ganze Land beraubten – und den Himmel. Denn der lichtvolle, positive Strahl hinauf in den Himmel, der sich oben schirmartig über das Umland ergossen hatte, ist gekappt.

Das sehe ich später auch in Kerung, dem Nachbardorf von Angpang. Dort steht ein neues, übergroßes Tempelgebäude am Rand der einfachen Bauernhäuser. Die buddhistischen Mönche halten hier jedes Jahr ein Großtreffen ab, 15 Tage lang, weil der Platz so gut ist. Der Tempel schnappt sich aber die ganze gute Energie und lässt nur minimale Abstrahlungen von den Pagodenkanten heraus (als Dünger-Licht für die schmalen Klostergärten) und reduziert den lichtvollen Hauptstrom auf einen dünnen goldenen Faden, der von der Dachspitze aus kärglich in den Himmel führt. Alles andere des Lichts bleibt im Tempel.

Als ich viel später nach Pokhara komme, 220 km westlich von Kathmandu, erlebe ich noch größere Tempel. Einer steht hoch über dem berühmten See auf einem Waldzug. Japanische Zen-Mönche setzten ihn nach dem Zweiten Weltkrieg durch, gegen den jahrelangen Widerstand der hinduistischen Bevölkerung.  Dieser Riesenstupa soll dem Weltfrieden dienen – wie andere nach dem gleichen Muster  in aller Welt. Aber wer ein bisschen Sinn für die Energien hat, die diese weiße Kuppel unter ihrer vergoldeten Spitze birgt (sie enthält den 14. Teil der Asche Buddhas), wird skeptisch. Denn das Ganze ist eher ein spiritueller Beobachtungsposten als ein Heiligtum.

Pokhara hat unten im Tal, beim alten Dorfkern fern vom See, einen Doppel-Haupttempel auf einem Hügel, buddhistisch und hinduistisch. Der Hügel war vermutlich  einmal ein Vulkan. Dessen Negativität (der Schlot) verursacht oberhalb vom Boden viel Positives. Von hier ging  deshalb einst ein enormer Lichtstrom in den Himmel. Er tat dem ganzen Land (und dem Himmel) gut. Aber was ist davon geblieben? Wieder nur der dünne Faden über dem Tempeldach. Er führt in die Götterebene, die ihn als Transportschnur benutzt: Alle Opfergaben und Gebete rutschen an ihm entlang hoch und werden  oben genossen. Lockeres Partyleben: Nix tun und viel bekommen. Die Tempelgötter, die da so profitieren, sind komplett überaltert und haben eine schlechten Charakter.

PS: Kul erzählt, dass man manchmal den verstorbenen Abt/Mönch eines Klosters nicht findet, wenn er neu inkarniert ist. Wenn der Junge fünf Jahre lang nicht entdeckt wurde und er verletzt sich und verliert Blut, ist alle seine Erinnerung an das frühere Abtleben weg. Dann klappt es nicht mehr mit dem Zeigen alter Klostergegenstände, die ihn ausrufen lassen: „Das gehört mir!“

Im Kloster von Jomsom ist der Rinpoche extrem oft wiedergeboren und -gefunden worden. Einmal sah er als kleiner Junge in einem Saal weit hinten seine frühere alte Mutter und Schwester. „Sie ist meine richtige Mutter!“, rief er. Er kannte auch den Weg nach Jomsom, ohne je da gewesen zu sein.

Zerfallendes Kloster in Donde mit seinem Flug-Fenster im 1. Stock. Aber es liegen schon neue Bretter hinter dem Haus, um alles wieder aufzubauen
Der Tempel in Jhapre