Kinder von Nepal: Reise 17

Wir laufen weiter  über irisch grüne, kahle  Wiesenhügel und stoßen unterhalb auf ein Hirtenhaus mit Papierproduktion. Die Rindestreifen hängen zum Trocknen auf einer Stange. Ich hab mal  gehört, dass sie weich geklopft werden müssen und mache das aus Spaß mit den Zähnen. Nie wieder: Hinten in meinem Hals beißt der Saft superscharf.

Wir kommen an einer einfachen Blech- und Bretterhütte vorbei, neben der ein Mädchen – vielleicht 15 Jahre alt – auf dem Boden mühsam  eine Matte flechtet. „Muss nicht jedes Kind in die Schule?“, fragt Philipp. Kul zuckt die Schultern. Eigentlich schon, aber bei solchen Bergfamilien vielleicht nicht. Das Mädchen hält mit den Zehen die Bambusstreifen in Form. Trotzdem wackelt alles. Drinnen unterhalten sich drei Frauen. Die jüngste lacht immer.

Philipp entdeckt etwas weiter eine kleine Holzbude, das Klo. „Is this the toilet?“, fragt er. Kul: “Yes, made in Hongkong.”

Wir laufen abwärts, über eine neue Brücke (Kul: “Viel zu teuer! Unnütz!“) auf Jhapre zu. Unser gewohntes kleines Gasthaus dort mit seinem Hotel hat zu. Leider, denn der Eigentümer hat gerade nagelneu kleine Hüttchen für die Touristen gebaut.

Wir kommen dafür in einem ganz alten, familiären Lodge unter. Mitten im Regen. Ich stapfe nach hinten, Schirm dabei, zum Klohäuschen. Kaum komme ich wieder raus, springt mich ein Blutegel an. Er hing in einem Meter Höhe an einem nassen Gartenpfosten. Kul erzählt, dass es auch schwarze Egel gibt, die vom Boden aus starten. Und früher benutzte man sie genau wie bei uns zu Heilzwecken.

Die Wirtsfamilie ist sehr freundlich. Wir lernen wieder viel vom Alltagsleben, allein durchs Zuschauen in der rauchgeschwängerten Küche, die nie warm wird, weil ewig die Tür offen ist.  Zum Beispiel muss die Tochter jeden Morgen in einem großen Steinmörser  Grünzeug für die Ziegen kleinstampfen. Auch im Regen. Das Badezimmer für uns: Neben ihr, ein dicker Schlauch. Auch im Regen.

Kurz können wir in den Tempel gegenüber schauen mit seinen prachtvollen Wandbildern (oft sexuelle Szenen dabei, in der Stimmung perfekt getroffen) und alten Schriften. Sie liegen in hoch hinaufreichenden schmalen Fächern. Sie vermitteln zum Beispiel ein klares, hebendes Wissen oder erläutern, wie man Wohlergehen erreicht: sich in sanfter Stimmung hinlegen und genießen.

Beim Frühstück zeigt Philipp, wie sein Großvater  immer die gekochten Eier aufschlug: Blitzartig gegen die Stirn rammen. Klappt. Jeder testet es.

Dann laufen wir weiter auf dem Feldweg nach Bagam, auf einem Höhenzug mit weitem Ausblick. Und Abgründen: Ein betrunkener Mann stürzte hier unlängst ab.

Wir halten bei der Schwester von Rektor Lakpa, die hierher heiratete – in ein übergroßes Betonhaus mitten in der Landschaft, dessen Hauptraum alles ist: Tante-Emma-Laden, Gaststube und Reishandel. Kul sieht den Betonboden und die Betonwände: „Ungesund“, sagt er. „Kriegst du nie trocken.“

Wir trinken etwas. Kul will Philipp den Vortritt lassen, weil er unser Gast ist. Aber Philipp protestiert: „I`m the assistant!“ Also nicht Gast, sondern der Unter-Boss.

Später auf dem Weg erkundigt sich Philipp, ob es irgendwo neue Hausschlappen zu kaufen gibt, weil seine weißen verschmutzen. Kul: „Nix! Du kaufst und kaufst und kaufst. Das  macht bloß Müll. Du kannst sie ordentlich waschen.“ Philipp: „I´m sorry! I excuse myself!“

Mühselig flicht das Mädchen Matten aus Bambusstreifen
So hängt ein Blutegel startklar im Gebüsch. Ein Sprung, und er klebt am Menschen