Kinder von Nepal: Reise 2

. Ich bestätige Kul auch, dass wir dank Werners Initiative genug Spenden haben, um im abgelegenen Höhendorf Pattle künftig den Assistenzdoktor für eine Gesundheitsstation zu bezahlen. Kul strahlt und ruft sofort den Rektor dort an, Lakpa Sherpa. „Lakpa-Sir!“, sagt er, „es klappt.“ Was heißt: Wir kaufen gleich Notfallmedikamente. Es wird eine superschwere Kiste mit 100 Euro Inhalt, in einer abgelegenen Straße von Kathmandu erstanden, wo es nur Läden für Apothekenbedarf gibt.

Kul schleppt diesen Karton zunächst klaglos, aber ich kann ihn überreden, eine Rikscha zu nehmen. Die bricht fast zusammen. Aber Kul strahlt: Es ist so ein schönes Gefühl auf diesen wackligen Rädern.

Später wird diese Kiste auf den Großraumjeep nach Angpang geschnallt. Dann kommt sie in einen Jeep nach Maidane, der in der Schlammpiste fast untergeht. Anschließend trägt sie der 17-jährige Mingma, ein Schüler aus Pattle, in einem Rucksack stundenlang  auf 2700 m hoch zum Haus von Lakpa. Ich setze mir die Last dort auch mal auf: Bestimmt 27 Kilo. Aber Mingma winkt ab: Das wiegt doch nichts, locker zu tragen. Kein Problem.

Kul erzählt jetzt in Kathmandu bei einer Tasse wunderbaren Zimttees noch von seinen Bemühungen, einen Heilsaft zu destillieren, den man teuer verkaufen kann. Die Idee dazu bekam er im Vorjahr, als wir bei Lakpa waren, und der Schulrektor eine Flasche hervorzauberte, die so etwas wie Wodka in sich hatte. Ganz klar. Aber es war kein Schnaps, sondern  ein Heilmittel mit dem Geruch von Wick Vaporup – destilliert aus den Blättern eines bestimmten Busches.

Kul reagierte sofort, kaum heimgekehrt. Angpang hat jetzt auch eine rostige Destille. Fünf Leute sind angestellt. Frauen pflücken die Zweige. Die Büsche werden dadurch licht und können keine Bären mehr bergen. Männer schüren und brodeln und füllen ab. Jeder hat etwas Arbeit.

Aber die Idee zog Kreise. In Angpang traten Konkurrenten auf. Auch in Pattle sahen wir beim Hochmarschieren  vier neue rostige Destillen. Die Preise fallen entsprechend. Die Angpang-Destillateure taten sich schon zu einem Ring zusammen, um ihre Lage zu retten.

Ich ließ Kul ein Fläschchen da, damit er mir etwas von dem Wundermittel schickt. Ich werbe dann bei unseren deutschen Heilkräuterfirmen dafür.

Kul erzählt in dem kleinen Imbiss weiter von seiner Rente. Denn irgendwann, in einigen Jahren, ist er 60. Und dann will er nicht mehr ackern und organisieren, sondern ruhig dasitzen und vom Erlös seiner Papierbäume leben. 500 hat er schon gepflanzt. 3000 kommen dazu. Alle sechs Jahre kann man die Rinde für die Papierherstellung schälen. Hunderte von Frauen ernten sie. Die Rinde fliegt nach Japan. Das geht fünf Mal so, dann ist der Boden ausgelaugt. „Ich bin ein Investor“, sagt Kul. „Ich bringe Arbeit nach Angpang.“

Kul wollte ursprünglich Kräuter für den Export nach China anpflanzen. Aber dieser Markt ist weg, weil die Chinesen bei jeder Lieferung die Samen der Pflanzen aus den Paketen schüttelten und damit selber  Felder anlegten. Sie entkamen so auch den Tricks indischer Händler, die Steine in die Kräuterbündel steckten, um das Gewicht zu erhöhen.

Kul schwebt auch vor, dass die Regierung für alle ihre Projekte (Wasser, Strom) Anteilscheine auflegt, welche die Dorfbewohner kaufen können. „Dann ist jeder dabei.“ Er will so die Jugend reinholen. „Die haben Ideen. Die muss man umsetzen. Sonst sind sie weg, im Ausland. Und Nepal ist leer.“