Kinder von Nepal: Reise 5

Am nächsten Morgen geht es um 4.30 Uhr los zur Fahrt nach Angpang, 280 Kilometer nach Osten, erst an einem großen Fluss entlang, dann rauf in die Berge. Alles sehr malerisch. Kul holt mich ab. Unser kleines Taxi fährt über leere Straßen zum Startplatz der 10-Sitzer-Jeeps. Hunde schlafen im toten Winkel von Kreuzungen, mitten drin. Einige Rollerfahrer sind unterwegs. 25 Meter von uns entfernt rutscht ein Junge damit aus, fällt  hin und schlittert mit seiner Freundin auf dem Sozius kurz über den Asphalt. Nichts passiert, denkt jeder. Und ich nehme es als ein gutes Zeichen für diese Reise, denn bei der Fahrt zuvor, 2018, waren wir auf einen blutenden Mann gestoßen, der in der Nacht regungslos im Staub lag. Die Reise damals war dann für meine Gesundheit dramatisch geworden.

Interessanterweise wiederholt sich so ein Rollerunfall bei der Rückkehr nach Kathmandu, zehn Tage später. Wir sehen rechts auf dem Gehsteig plötzlich Männer aus den Ladentüren schießen und als Gruppe gebannt nach vorn starren, lachend und fasziniert: Zwei Rollerfahrer sind dort zusammengestoßen. Wegen eines Vorfahrtproblems,  aber ohne Schaden.

Wir sitzen also jetzt im Jeep nach Angpang, und los geht’s in die weichende Nacht. Kul erzählt unterwegs von einem Groß-Plan, den er für Angpang hat. Irgendwo hat er nämlich eine Stadtplaner-Idee gesehen, die er umsetzen will: Die dorfeigene Bank errichtet ein neues Bankgebäude, das auch ein Lager für Kartoffeln enthält. Rundum gibt es acht neue Wohnhäuser, deren Wege (passend für Motorräder) sternförmig auf das Gebäude zulaufen, durch grünen Rasen. Was auf  ihren Feldern wächst, wird in dem Lager untergebracht, bis der Bank-eigene Lkw kommt und es zu Märkten fährt.

Das Ganze soll nicht irgendwo oben an der Straße in die Prärie gesetzt werden, sondern 150 m von Kuls Haus entfernt, in die schmalen Terrassen. Nur stimmt dort ein Grundbesitzer nicht dem Verkauf zu. Aber vielleicht wird es noch.

Ich hab´ ein bissl eine Vermutung, was Kul dabei denkt: Sein Sohn Mekh hat nämlich inzwischen eine florierende Polstermöbelproduktion aufgebaut, die typisch nepalesisch an Genialität grenzt. Das Know-How dafür brachte er aus Arabien mit, aus seinen Jahren in den Emiraten.

Die Werkstatt besteht im Moment nur aus Holzpfosten & Wellblech, auf eine Terrasse gequetscht. Von außen sieht sie windig aus, aber innen ist alles erstaunlich: Beste West-Maschinen stehen in Bergen von Hobelspänen, hölzerne Einzelteile bilden Haufen, ein Schneidermeister näht  Bezüge. Der Showroom für die Produkte ist 100 m weiter im Keller des Bankgebäudes.

Jetzt könnte Kul so denken: Mekh übernimmt die alte Bank (oben Büro, mittig Werkstatt, unten Showroom), geleitet von der jungen Manila, seiner Tochter (sie studiert gerade Wirtschaftsmanagement in Kathmandu), und die Bank zieht in das neue Gebäude.

Denn der Bank geht es gut. Ganz Nepal staunt, wie gut. Kul erzählt von den vier Männern an ihrer Spitze, die in ihrer einfachen Kleidung an geschniegelt-gebügelten Banktreffen in Kathmandu teilnehmen, wo die Geld-Elite pikiert sagt: „Was sind  denn das für Bauern?“ Dann hört sie von deren Umsatz und schweigt. Und schickt Neu-Dorfbänker aus Myanmar und Vietnam vorbei, damit sie von Angpang lernen.

Der Umsatz ist so groß, dass Kul als Revisor 20 Tage braucht, um alles nachzurechnen. Er liebt Mathematik, aber das ist Stress.

Jetzt organisiert er per Handy alles so, dass ich am letzten Tag in Angpang an der Hauptversammlung der Bank teilnehmen kann. Dann hat zwar der Chef der Dörfer-Verwaltungsgemeinschaft keine Zeit zu kommen, aber sein Vize hat zugesagt. Eine Frau.