Kinder von Nepal: Reise 18 und 19

18. Kurz vor Bagam zieht Kul seine lehmbespritzte Wanderhose aus und eine neue an, ein Geschenk von Werner vom letzten Trekking. Wir müssen ein bisschen einen guten Eindruck geben bei den Lehrern der Schule.

Beim Weitergehen macht er eine ganz neuartige Bemerkung: „Es ist gut, dass wir die Müttergruppen unterstützen. Denn die Frauen hängen am Geld der Männer. So werden sie frei (durch ihre KvN-Projekte) und brauchen bei kleinen Ausgaben nicht mehr zu fragen.“ Früher hatte er kaum Sinn für Frauenwünsche.

In dieser kleinen Schule unterrichten acht Lehrer 90 Kinder. Rektor Ganga Ram Katel muss aber für drei von ihnen das Gehalt – je 3000 Euro im Jahr – selbst aufbringen. Wie üblich, lässt da die Regierung die Schulen hängen. Der Rektor soll bei den Bauern sammeln gehen. Nur haben die nichts. Also müssen Väter einspringen, die im Ausland arbeiten, oder ein Bergführer aus dem Dorf kann Trekkinggäste zu Spenden bewegen.

Wir unterstützen hier wieder arme Kinder, zum Beispiel das Mädchen Parbati. Seine Mutter  hat Krebs. Sie selbst hat einen gelähmten Arm. Trotzdem kämpft es, um Lehrerin zu werden oder in ein Regierungsamt zu kommen.

Kul vermisst in diesem idyllischen Dorf eine politisch aktive Männergruppe, wie er sie in Angpang hat. „Man braucht Ratgeber. Es ist ein gutes Dorf hier, aber es hat keine Ratgeber.“

Ohne jede Hilfe hat es aber der Gastwirt neben der Schule zu Wohlstand gebracht. Ihm gehört die nagelneue Billardhalle vor der Tür. Er hat auch ein Fenster in der Mauer, hinter dem er Süßigkeiten für die Kinder verkauft und verstaubte Schuhe und Zahnbürsten. Seine Hotelzimmer sind sauber und die Toilette ist europäisch: Sitzklo mit Spülung. Wir sind verblüfft. Es gibt sogar gute Pommesfrites.

„Nach einem Familiendrama hat das alles der Sohn übernommen“, sagt Kul.

Schülerinnen kaufen hier  noch Begrüßungsschals für uns, dann geht’s zum Pausenhof. Dort sitzen Philipp und ich und bestaunen die vielen Mütter und Omas und Opas im großen Rund, die in ihren malerischen Kleidern ein Bild wie im Märchen ergeben. Die Mädchen und Jungen hängen uns ihre Schals um, immer mit einem so herzlichen, lachenden Gesicht. Philipp ist da  wunderbar: Er hat die gleiche Herzlichkeit, wenn er sich bedankt. Für einen Europäer ist das eine Besonderheit. Weil die Europäer in ihrem Innern so technisiert sind. Sie können nicht mehr so glücklich und herzlich und bescheiden sein.


19. Kalu, die Frau von Kul, wuchs hier in Bagam auf. Der Ehemann ihrer zweiten Schwester, Man, führt uns jetzt ein Stück heimwärts – an jungen Ziegendrillingen vorbei und durch einen Fluss, wo wir begeistert unsere Füße waschen nach dem Durchgehen. Dann geht es hoch nach Kerung.

Dort hat der Dorfladen idyllisch alles, was das Herz begehrt: Er ist voll gestopft mit Metallsägen, Seife, Seilen, Essen, Kugelschreibern und Bonbons. Kul hat einen Jeep dorthin bestellt, der uns für neun Euro den Rest fahren soll. Acht Schulkinder erkennen ihre Chance und hüpfen auf die Rückbank, kreuz und quer und durcheinander. Sie lachen und testen ihr Englisch.

Daheim in Angpang hat Kul die Lehrer zum Tee eingeladen, weil er noch einmal versuchen will, den Streit zwischen dem neuen Rektor Gayn und den jungen Kollegen zu schlichten. Aber nur Gayn kommt. Kul ist ganz froh drum. Also ist es aus. Deek, der Sprecher der jungen Lehrer, hatte ihn vorher beim Vorbeigehen sogar beleidigt, sagte Kul getroffen. Wochen später entlässt Kul diesen so guten, immer lachenden, kompetenten Lehrer, um wieder Ruhe zu haben.

Ich werde von Chini ins Nachbarhaus eingeladen und bestaune die Bilder, die ihr Sohn Bipan abgemalt hat: Porträts vom Handybildschirm weg.

Und Kul lädt mich zur Hauptversammlung der Dorfbank ein. Es ist ein großes Event. Ich bin neben der Vizeabgeordneten des Verwaltungsbereichs der Ehrengast. Und kann  von der Bühne aus die vielen Genossenschaftsmitglieder betrachten: Mütter und Omas, Väter und Opas, alle in den schönen alten Gewändern.

Ein Regenguss kommt. Die Banker-Mannschaft klettert auf einen Bulldozer, der schon tagelang herumsteht, und spannt Planen. Die Notsitz-Bretter auf dem Boden  werden drunter gerückt. Es tropft und tropft, aber es geht.

Die Ehrengäste bekommen ein Extraessen im Bankgebäude, alle andern draußen. Irgendwie schnappe ich mir da Würmer auf, merke ich später. Wahrscheinlich, weil ich ein geschältes Ei bekam und am Ende statt Serviette meine Finger ableckte. Ein gutes Wurmrettungsmittel ist grüne Chilisauce aus Bhutan, aber auch scharfer Meerrettich. Immer mal einen Teelöffel voll auf nüchternen Magen nehmen, mit ein bisschen Wasser. Vier Wochen lang.

Dann naht schon der Abschied. Die sieben Männer um Kul, die tragend sind für Angpang und für die Bank, kommen am Abend, um mir Ade zu sagen. Ihr Dank für die Hilfe von „Kinder von Nepal“ über all die Jahre kommt aus tiefem Herzen. Ich denke immer, so viel machen wir gar nicht. Aber wir gaben der neuen Schule das Leben und der neuen Bank im entscheidenden Moment den Schwung.

Am nächsten Morgen geht es früh los, und alle, die rund um Kuls Haus wohnen, inklusive Philipp, sind aufgestanden zum Auf-Wiedersehen sagen. Dabei ist auch Fetmaya, die Ehefrau von Kuls ältestem Sohn Mekh. Sie hatte am späten Abend zuvor zusammen mit den Eltern von Janakil, Renuka, Anisha und Anub in deren Küche Momo für Philipp und mich gemacht. Es war so gut nepalesisch: Fetmaya rollte den Teig und stach aus, Manjita (Kuls Tochter) hackte Huhn, ihr Mann Raju formte die Momos. Alles auf dem Fußboden, vor dem Feuer des Lehmofens. Rain, ihr kleiner Junge, schlief daneben in einem schwarzen Tuch. Kul war im Eck genauso müde.

Unser Fahrer im Jeep nach Kathmandu ist jung, dünn und bewundernswert gelenkig – ein Echo des Sporttriebs der Jungs, die nie aufhören, Volleyball zu spielen. Er schnallt dicke Säcke und Kisten aufs Dach. Hinten auf dem Rückfenster des indischen Allradvehikels steht bunt: „Just married, don´t disturb because I am disturbed“ (frisch verheiratet; nicht stören, weil ich schon gestört bin).

Wir rollen bergab und bergab. Kul kauft unterwegs Bananen für mich. Ich teile sie langsam (innerlich viel zu zögernd, weil nicht gewöhnt)  mit den acht Mitfahrern, wie es sich eigentlich gehört. Und bekomme dafür glückliche Gesichter als Dank.

Unterwegs treffen wir auf Schülerinnen in wunderbaren Uniformen – weiße hauchdünne Schaltücher leuchten über hellblauen indischen Saris -, auf einen alten Mann in Segeltuchsachen unter einem Segeltuchschirm, auf einem Pfosten. Wir erleben ein Teer-Kommando, das Asphalt kocht, in einer dampfenden Tonne mit einem Traktor zum Schlagloch tuckert und mit Kies einfüllt. Und wir sehen das rotbraune biblische Land am Fluss: Strohhütten, Hitze und Einfachheit.

In Kathmandu setzen wir uns in den kleinen Imbiss „Om Lumbini“ gleich neben dem schönen Familienhotel „Souvenir-Guesthouse“. Durch die schmale Tür beobachte ich das Straßenleben und kapiere: Ich sollte es sein lassen, Nepal ergründen zu wollen. Einfach alles nehmen, wie es ist. Es ist eine andere Welt, eine eigene Welt. Und ich hab Glück und kann sie erleben.

Philipp bekommt in Bagam von vielen Kindern einen Begrüßungsschal