Kinder von Nepal: Reise 20 und 21

20. Am nächsten Morgen kommt Kul ganz früh, um mich zum Bus nach Pokhara zu bringen. Ich hab zwar gesagt, ich schaff das allein, weil ich die Straße kenne, wo sie zu Hunderten stehen (übertrieben: ca. 15 Busse). Aber als wir im Regen dort sind und keiner passt, bin ich froh, dass Kul da ist und herausbekommt, dass alle Tickets meiner Kompanie umgelegt wurden auf einen anderen Bus.

Rucksack-Traveller hasten auch vorbei, die ersten, weil die Saison erst in zwei Wochen beginnt. Darunter ist eine junge blonde Frau, die strahlend zu den nepalesischen Männern am Gehsteig lacht, nur so im Vorübergehen. So gut, es macht so einen guten Eindruck. Es erinnert mich an das so herzliche Lächeln eines Mädchens im Dorf Thade gleich hinter Angpang, wo unser Jeep fürs Frühstücken gestoppt hatte. Sie bediente dort, kompetent und eilig und mit schön gebundenem Haar. Und lachte zu mir hin. Und sprach sehr gut Englisch.

Die Busfahrt beginnt mit Stunden im Stau, weil irgendwo ein Unfall war und das Aufräumen dauert. Neben mir sitzt eine chinesische Studentin, übermüdet. Immer  fällt ihr Kopf schlafend nach vorn. Ich krieg es hin, dass sie ihn an meine Schulter lehnt. Da schläft sie perfekt, ist aber beim Aufwachen komplett unzufrieden mit sich, weil sie sich das erlaubt hat. Macht man nicht in China.

In Pokhara finde ich dank hoher Ortsintelligenz problemlos den Weg zu Sunitas Eltern, obwohl der Busbahnhof in ein Sumpffeld verlegt worden ist (der alte Bahnhof ist im Umbau). Sunitas Mutter Laksmi begrüßt mich sehr herzlich, genauso die jüngere Schwester Sushma und ihr älterer Bruder Suman. Der Vater kommt später heim, erschöpft. Obwohl er nicht mehr arbeiten müsste, hängt er an seinem Stoffgeschäft und sitzt dort Tag für Tag auf der weißen Matratze, die auch der Tisch zum Herzeigen der Ware ist.

Mit Laksmi und Sushma fahren wir am nächsten Tag zum See, setzen mit einem Boot zum anderen Ufer über und steigen zur japanischen Friedensstupa hoch. Unterwegs treffen wir zwei alte Frauen, schmal und klein und traditionell gekleidet, die schwere Holzbündel tragen. Sie sagen, sie haben nix zu tun und rackern sich gern mal so ab.

Hinten laufen wir wieder bergab, besuchen eine große Höhle und dann die Mutter von Adesh (13), die stadteinwärts in einem kleinen Hinterhofzimmer wohnt: Maya Gurung. Adesh wird über KvN von Bärbel und Toni Eichenmüller aus Auerbach unterstützt, damit er eine gute, englischsprachige Schule besuchen kann.

Er fiel Laksmi vor einem halben Jahr auf, weil er sie ansprach, ob sie nicht einen Job für ihn weiß, damit er seine Mutter unterstützen kann. Diese hört sehr schwer und spricht deshalb auch schwer.

Sie überlebt mit dem Brauen von Hirsebier, mit dem Flechten von Maismatten  und mit dem Aushelfen bei großen Feiern. Ihr Mann ist nach Kathmandu verschwunden. Er ließ sie mit zwei Kindern zurück. Aber der ältere Sohn ertrank unglücklich im See von Pokhara.

Um Adesh eine ordentliche Schullaufbahn zu geben, schickte ihn Laksmi in eine Schule mit angeschlossenem Hostel (Internat). Dort ist er aber nicht allzu glücklich, weil alles so straff zugeht. Doch er glaubt seinen Lehrern, die ihm sagen: „Deine Mitschüler und wir, wir  sind wie eine Familie.“

Sushma, die Krankenschwestern unterrichtet, hat einen Blick für Kinder. Sie hält Adesh für hochbegabt. Sie hat das Gefühl, er wird ab 18 gut arbeiten und einmal reich werden. „Dann hat er immer sein Leiden der Kindheit in Erinnerung,  was seinen guten Charakter erhält.“

Sie fragt ihn nach seinen Noten, weshalb er sich wegdrückt ins hinterste Eck des kleinen Zimmers, wo Bett, Gasofen und Regal alles ist, was hineinpasst.

Sunita besuchte Adesh und seine Mutter Maya einige Wochen später, als ich schon lange daheim war und sie Urlaub hatte. Sie ergänzte meine Spontanaktion (die Miete für ein Jahr übernehmen) mit einer anderen Spontanaktion: Weiße Farbe kaufen zum Streichen der grauen Wände. Essen kaufen, weil sie krank war und sich nicht selbst etwas verdienen konnte, auch etwas Kleidung kaufen.

Adeshs Mutter hat Glück, dass die Vermieterin vorn im gut aussehenden Straßenhaus so freundlich ist. Sie lässt sie in ihrem Garten helfen und gibt ihr Gemüse.

Maya selbst ist ansonsten ohne Chancen, weil sie keine Schulbildung hat. Das war damals nicht üblich. Nur Männer durften lernen. Ihr Vater war zwar ein Priester der Brahmin-Kaste im Dorf weitab von Pokhara, aber seine hörbehinderte Tochter hatte nichts davon.

Seit ich ihr miserables Zimmer sah und die anderen miserablen Zimmer daneben, alle wie kleine Ställe für 18 Euro Monatsmiete, schau ich in Pokhara in die Gärten. Überall sind solche Billigzimmer eingebaut.

Pokhara hat seine Armut – obwohl Susman als Bankangestellter sagt: „Pokhara hat nur reiche Leute.“ Die Armen leben unter der Oberfläche. Ihre Rettung kommt nur, sagt Sushma, wenn es einer aus der Familie schafft, im Ausland zu arbeiten. Sein Geld unterstützt dann alle.


21. Laksmi nimmt mich weiter mit zu Yug (11), den zweiten Jungen, den KvN unterstützt – über Traudl und Günther Albrecht aus Pegnitz. Beide tun schon immer viel für indische Kinder und entschlossen sich, auch hier zu helfen. Damit er Schulgeld hat und versorgt ist.

Yugs Mutter Srijana Shah  lebt etwas besser als die Mutter von Adesh. Es ist ein ärmliches Mietshaus mit einem schmalen betonierten Hinterhof, zu dem alle Zimmertüren gehen – auch oben, über einen offenem Umgang. Es sind immerhin drei kleine Zimmer (für 9000 Rupi Miete im Monat = 78 Euro). Zeitungen dienen als Tapete. Der einfache Gasofen spiegelt die übrige Ärmlichkeit.

Yugs Mutter ist eine Schönheit. Und lacht immer. Aber durch die fehlende Schulbildung  ist alles schwer. Sie kann nur einfach rechnen und  nicht lesen.

Ihr Mann war lange  weg und kehrte erst vor Kurzem zurück. Er kauft auf einem Minimarkt billig Kleidung und verkauft sie wieder in der Stadt auf dem Gehsteig. Die Mutter hat auch ihren festen Platz auf einem Gehsteig, wo sie von morgens bis abends sitzt. Spät kommt sie mit ihrem Kleiderbündel heim, in der Nacht.

Beide stammen aus dem fernen Dorf Berinagar, das am Start des Wegs zum Annapurna liegt. Ihre Großeltern haben dort noch ein Haus.

Yug hat zwei Schwestern. Die älteste, 17, ist sehr begabt und konnte deshalb mit einem Stipendium aufs College gehen. Die andere Schwester, 16, ist wie Adesh in einer Schule mit Hostel.

Yug ist ein immer lachender Junge, der gut Englisch spricht. Auch Adesh hat in der kurzen Zeit auf seiner neuen Schule schon genug Englisch gelernt, um mit mir zu sprechen. Als wir durch die Stadt laufen, hält er immer meine Hand. Ich bin der Vaterersatz. Mutig, ohne ein Zucken, fragt er gestandene Männer nach dem Weg. Das ist er gewöhnt: Er muss ja immer für seine Mutter sprechen.

Wenn er einmal Geld hat, sagt er, spart er es. Sein großer Wunsch ist deshalb einem Spielzeugladen eine Spardose. Sunita kauft später beiden Jungs kleine Fahrräder. Sie sind ihr ganzes Glück. Adesh kann damit leichter vom Hostel nachhause kommen.

Yug (vorn) packt kleine Geschenke aus, die ich Sunita im November für ihn mitgab. Hinten Adesh, rechts Yugs Mutter