Kinder von Nepal: Reise 22

Damit ist mein Reisebericht am Ende, und ich füge nur noch kleine Notizen an. So begegnete ich der besten Freundin von Sushma, Durga. Sie ist das moderne Nepal: Hellwach, hochintelligent, frei. Obwohl erst Mitte 20, war sie schon als Journalistin beim Lokalradio. Im Moment ist sie aber ohne Arbeit, was man zwei Jahre lang durchhalten kann, sagt sie – weil in Nepal die Familie immer miternährt.

Sie kennt ausländische Literatur, erarbeitete sich den Traum vom Motorroller und will nicht heiraten. Denn dann fällt jede Frau unter die Herrschaft des Mannes, die er sich aus dem Hinduismus herlegitimiert, obwohl nichts davon in den Büchern steht.

Durga befürchtet auch, dass ihr Partner sie nicht versteht. Ohne Heirat, nur in Freundschaft, darf sie aber mit keinem Jungen gesehen werden. Dann heißt es, sie ist ein leichtes Mädchen, das ihn verführt hat.

Durgas Schwester studiert in Irland. Ihr Bruder ist das totale Gegenteil von ihr selbst, nämlich sehr schüchtern. Und Durga, die Kunst liebt,  liebt auch das Kino. Pokhara hat sechs oder sieben davon, und  genau wie Sushma (und viele junge Nepali) liebt sie Kriegs- und Horrorfilme.

Ich laufe aus Spaß alle Straßen von Zentralpokhara ab und lande dabei im alten Ursprungsdorf mit seinen schönen Ziegelsteinhäusern. Dort sagt ein Schild „Photomuseum“. Drinnen hütet ein früherer Lehrer die Aufnahmen seines Vaters vom Landleben damals. Daraus machte der Sohn ein phänomenales Buch: Pokhara einst und jetzt im genauen Vergleich. Ich lerne hier, dass es in Nepal so wie bei uns die klugen Stadthistoriker gibt. Dass aus dem Dorf in nur 65 Jahren eine Industrie- und Geschäfts-Boomtown wurde. Ich erfahre vom ersten Flugzeug und vom x-mal gebrochenen Staudamm und vom ersten elektrischen Licht. Vom Sturz der Rana-Herrscher und dem Aufstieg und Fall der Fotografie. Vom ersten Touristen aus Japan, einem Mönch,  der um 1900 sagte: So schön wie hier ist es nirgends.

Zurück in Kathmandu, strömt der Regen. Als unser Bus hält, schlägt ein unglaublicher Blitz mit einem gewaltigen Schlag ein. Männer zucken reaktionsschnell zurück zu den Hausmauern. Alles wartet starr. Aber es kommt nichts mehr.  Der Donner hat bestimmt seine Bedeutung.

Ich würde hier gern noch den Jungen  Samrakshak (10 Jahre alt; 3. Klasse)  besuchen, den Werner Narr über KvN schulisch unterstützt. Seine Mutter putzt bei einem Onkel von Sunita im Geschäft. Sunita unterstützt das zweite Kind. Aber es klappt nicht, weil der Vater Divas Raj Regmi vom Dengue-Fieber betroffen ist. Er ist krank. Diese Dengue-Fliege war bisher nur in Kambodscha eine Gefahr. Aber der Klimawandel brachte sie nach Nepal. Jeder passt seitdem auf und viele Geschäfte haben elektrische Fliegenfänger aufgehängt.

In einem Teeladen verkaufen zwei Brüder aus der östlichen Provinz Ilam  sehr guten „homemade tea“ von der eigenen Farm. Sie sehen aus wie Araber. Ja, sagt der eine, wir denken, dass unser Volk europäische Wurzeln hat, dass wir aus Russland oder Israel stammen. Kul meint, so etwas kann durch Kriege kommen. Denn er weiß von einem Mann aus seinem Volk der Magar, der im Zweiten Weltkrieg im fernen Ladakh mitten im Hochhimalya eingesetzt war und dort von einer Frau zurückgehalten wurde. 112 Menschen der Familie sind seitdem halbe Magar.

Später treffe ich in einem Kleinbus einen Nepalesen, der – vielleicht 35 – das Abbild des guten, herzlichen nepalesischen Mannes ist. Er hat es in ein Regierungsamt geschafft, mit weißem Hemd und grauer Anzugshose. Er berichtet von den 112 Völkern des Landes, den 123 Sprachen und zehn Religionen. „Diversity is our dignity“, sagt er. Das ist der Staatsspruch. „Die Verschiedenheit ist unsere Würde.“

Im nahen Zoo von Patan komme ich noch mehr als bei meinen Wanderungen durch die Straßen von Pokhara auf „den“ Nepalesen. Weil dort aus allen Schichten die Liebespaare und Familien unterwegs sind. Ich sehe die Vielfalt. Leute mit Weitblick. Andere mit Erdbezug. Jeder hat etwas anderes Besonderes.

Am Flughafen sitzt ein hipper junger Mann neben mir, Sportjacke, lässig, Schirmmütze, Sonnenbrille. Und Kamera. Ob er mich fotografieren kann, für seinen Blog. Dieser Student bekam die Chance, in Salt Lake City zu studieren. Vorher war er nie aus Kathmandu herausgekommen. Er studiert Informatik. Das erste Jahr in den USA war  hart, weil er in Nepal wegen der vielen Feiertage immer nur 120 Tage  Unterricht  hatte. Und es gab keine Computer in seiner Schule, so dass er nur die Theorie mitbekam.

In Salt Lake City leben ungefähr fünf  Nepalesen. Zwei davon kennt er. Wenn er fertig ist, will er  zurück und Nepals Internet gegen die Hacker schützen. Er hofft, dass Kathmandu bis dahin aus seinen Problemen raus ist mit dem Verkehr, dem Trinkwasser und dem immer zusammenbrechenden Stromnetz. Der Flughafen ist okay, sagt er, aber dahinter…

Sushma, die Schwester von Sunita, war in Pokhara meine mit unendlicher Freundlichkeit begabte Fremdenführerin. Hinter ihr ist das moderne Pokhara zu sehen