Reisebericht Nepal 2017

Die Schneegipfel des Himalaya mit Mount Everest
Die Schneegipfel des Himalaya mit dem Mount Everest

Für acht Wochen war Thomas Knauber, der Vorsitzende von „Kinder von Nepal“, im Frühsommer in Nepal. Hier seine lebendigen Eindrücke von Kathmandu, dem Everestgebiet und Angpang. Er kehrte zurück mit mehr Aufgaben: KvN unterstützt jetzt auch in vier weiteren Dörfern. Th. Knauber gibt gern Reisetipps oder vermittelt Kul Dhoj als Trekkingführer. Er ist der Motor der Entwicklung von Angpang (meetkuldhoj@gmail.com).

Nach einer kurzen Zeit in Kathmandu fuhren Kul – der Quasi-Bürgermeister von Angpang – und ich nach Angpang, blieben aber nicht, weil Kul eine Wanderung zum Everest-Basecamp ausgedacht hatte. Er zwickte sie so in seinen Terminplan, dass er schnell noch kandidieren konnte für die Wahl ins erste Bezirksparlament Nepals. „Ich werde zu 98 Prozent gewählt“, sagte er. „Brauch gar nicht anwesend zu sein oder Wahlkampf zu machen. Jeder weiß, was ich für unser Dorf tue.“
Die Wahl wurde dann  glücklicherweise für seinen Distrikt Solu-Khumbu um vier Wochen verschoben, auf Mitte Juni. So konnten wir bei der Rückkehr nach Angpang entspannt noch einmal aufbrechen zu Schulen, die in der Nähe Hilfe brauchen: in Maidane (bekannt durch die Aufbauarbeit des Hamburger Vereins „Kinder von Okhaldhunga“), in Patle (auf einer windumwehten Bergspitze), in Meranding (im Wald gegenüber von Angpang, auf einem Hügel)  und in Bagam (gesprochen Bakum). Es liegt neben Kerung, einer größeren Siedlung bei Angpang. Kul: „Crazy Kerung.“ Weil die Leute dort jüngst ein Krankenhaus, das ihnen nur nützen konnte, ablehnten.

Daneben spornten wir viele Müttergruppen (18) an, sich Projekte auszudenken, die wir bezahlen können.
Ich bat auch um eine Aussprache mit den Müttergruppen von Angpang; mit den Frauen der stagnierenden Weberei-Gruppe; und mit dem Leiter der florierenden Spar- und Kredit-Selbsthilfe, Durga.
Ich interviewte zudem drei alte Männer des Dorfes und die aktivste Frau.

Durga bittet darum, dass möglichst viele von uns einmal nach Angpang kommen, um den Aufschwung zu sehen. Er ist dankbarst um unsere Hilfe und will das neue Marktzentrum, in dem sein Büro ist, nach mir benennen. Hab ich aber verboten. Bescheidenheit ist wichtig, hab ich gesagt, keine große Show. Und außerdem ich bin bloß der Überbringer der Spenden.

Zuvor hatte ich in Kathmandu per Zufall den Chef der „Nepali Congress Partei“ getroffen, mit seinem Sozialreferenten, der Projekte in abgelegenen Gebieten durchsetzen will. Ich dachte, vielleicht können wir auch dort irgendwo helfen. Aber beim Empfang für mich im Schulhof von Angpang ein paar Tage später wurde mir bewusst: Hier bei Angpang helfen, nicht verzetteln.

In den 14 Tagen am Schluss, wo ich im Dorf still leben konnte und mit den Kindern spielen, Hochzeiten und Erntefest erleben, lernte ich die Menschen noch einmal gut kennen. Und lernte auch über mich.

Am Ende besuchten Kul und ich das Geschäft einer Frauenrechts-Bewegung in Kathmandu (sehr interessante Diskussion) und eine Weberei-Fabrik in Bhaktapur, 15 km entfernt. Auch dort war es sehr aufschlussreich. Kul versuchte beide Male, die Stoffe seiner Weberei-Frauen unterzubringen. Vielleicht klappt es noch. Ich dachte, eines der spielenden Kinder von Angpang, Bipan, wäre als Gründer einer Angpang-Webfabrik geeignet. Er ist ein erstaunlich fähiger Künstler und gleichzeitig ein entschiedener Denker, obwohl erst zwölf. Auch ein super Sportler. Kul hat ihn beobachtet: „Er ist eigentlich der Chef der Familie.“

Für die Webfrauen entwarf ich zehn Schal-Designs, die sich bei uns besser verkaufen lassen als die traditionellen Muster. Einen solchen Designschal webte eine Frau in einer Nacht durchgehend, damit ich ihn mitnehmen konnte. Danach schlief sie erschöpft ein. Dieser Schal ist sehr schön geworden. Die anderen Designs folgen.

Folgende Unterstützungswünsche bekam ich mit auf den Weg:
Angpang:
Wir sollen das  Gehalt auch eines vierten Lehrers übernehmen (4000 Euro im Jahr; bisher bezahlen wir drei Lehrer und einen Verwalter des Gesundheitsstation, weiter Zuschüsse an Kinder armer Familien sowie die Schuluniformen; außerdem fürs Kuls Sohn Ashok die Ingenieursausbildung (1200 Euro heuer)). Die Gehälter aller Lehrer variieren so, dass eine geringe Summe sinnvoll ist, um alle auf den gleichen Stand zu bringen. Einen Beamer stiften. Pfosten für das Stromkabel.

Die Save & Credit AG braucht dringend mehr Geld, um Kleinkredite auszahlen zu können (10 000 Euro; diese Summe will die S&C später zurückzahlen). Das Dach ihres Marktgebäudes fehlt, weil zwar ein kleiner Staatszuschuss kam, aber nicht reicht (7000 Euro).

Meranding:
Drei arme Kinder bräuchten je 130 Euro jährlich als Unterstützung. Ein Lehrergehalt wird gewünscht. (In Nepal übernimmt die Regierung nur die Hälfte der Lehrer, für die andere Hälfte muss der Schulleiter bei den armen Bauern betteln oder ausländische Sponsoren finden).

Maidane:

Die Gehälter von zwei Lehrtern tragen wir schon. Aber der Schulhelfer sollte dringend besser bezahlt werden. Die Klassenzimmer könnte man nach und nach innen mit Holz  verkleiden. Bisher ist da nur unverputztes Mauerwerk. Der Science-Lehrer bräuchte Objekte für den Wissenschaftsunterricht. Die übrigen Lehrer wünschen sich einen Laptop mit Drucker, ein neues Harmonium, eine Gitarre, einen Soundtrack (CD-Anlage) und einen Beamer, der erlaubt, Filme vom Smartphone an die Wand zu projizieren.

Patle:
Eine Gesundheitsstation fehlt (ich spreche die deutsche Nepalmed eV darauf an). Fünf arme Kinder brauchen einen Zuschuss von je 130 Euro. Zwei Lehrergehälter müssten übernommen werden.

Bagam:
Sechs arme Kinder bräuchten einen Zuschuss. Die Gesundheitsstation fehlt. Ein Lehrergehalt wäre ideal. Drei uralte Zimmer neu zu bauen kostet 20 000 Euro.

Müttergruppen:
die 18 angesprochenen könnten Geld brauchen für Ziegenkauf, für Gemüseanbau (Gewächshaus), für Pilzzucht (dunkler Gewächstunnel).

Kul fand noch vier Jugendliche, die Unterstützung brauchen wegen Augenproblemen oder wegen eines tragischen Jeep-Unfalls. Er entdeckte auch eine bewundernswerte junge Frau, die wegen eines angeborenen Hüftschadens nicht laufen kann, nur kriechen. Auch bei ihr geht  es um die Ausbildung. Sie ist in Facebook. Eventuell können sich die Kinder eines Gymnasiums in Norddeutschland besonders um sie kümmern.

2.

Jetzt hab ich lange überlegt, wie fange ich meinen Reisebericht an. So: In Kathmandu gibt es am Rand des Touristenviertels einen Secondhand-Buchladen. Der Inhaber ist ein freundlicher schmaler Mann, ganz hoch gewachsen, mit Mundschutz unter der Nase. „Es gibt fast keinen mehr, der Bücher liest“, klagt er. „Auch die Touristen nicht mehr. Und sie kommen bloß im Oktober und November nach Nepal, im März und April. Wenn Sie mich das nächste Mal nicht mehr hier finden, bin ich auf die Hauptstraße gezogen, in die Nähe der Schule. Die Schüler sind die einzigen, die noch zu mir kommen.“

Er hat die Hälfte seiner 2000 Bücher in Plastiktüten gesteckt, weil der Staub des Feldwegs vor der Tür alles hellbeige belegt. Ich finde ein Tibet-Buch von Patrick French, auf dem steht, dass es „das“ Buch über Tibet ist, weil er dort wanderte. Und mit den Leuten sprach. French wuchs in England in einem katholischen Internat auf, voll herber Priester, und beschloss: ,Weg vom Katholizismus, und ja keinen Bürojob, sondern ich schlage mich so durch.‘ Er kniete sich als Autor in seine Themen – den Himalaya-Reisenden Francis Younghusband, Indien, eine hochgelobte Biographie zu V. S. Naipaul – und traf in Tibet einen alten Mann, der 18 Jahre in einem mörderischen Gefängnis gewesen war, nur weil er nach Indien gereist war, um seine dort in die Sicherheit geflüchtete Frau zu suchen.

Wieder daheim, fand ich auf dem Flohmarkt „Traumpfade“ von Bruce Chatwin, ein super Buch. Chatwin, ein nie lachender, ewiger Reisender, setzt sich darin auf die Spur der australischen Ureinwohner, zitiert aber auch aus seinen Tagebüchern von Afrika- und China-Reisen. In China traf er einen Mann, der wegen seiner Liebe zur klassischen deutschen Musik jahrelang im Gefängnis saß.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie gut es mir geht: Ich kann frei denken und frei reisen. Ich habe das Geld und die Gesundheit, nach Angpang zu kommen und dort im Klassenzimmer zu stehen, um über Deutschland zu sprechen. Vor den Siebtklässlern erzähle ich von zwei Menschen, die ich kenne: Von einer Waldorfschul-Lehrerin und einem Bio-Bauern. Das mit der Waldorfschule sage ich extra für den jungen Englischlehrer, damit er andere Wege von Unterricht kennenlernt.

In der Nacht darauf träume ich von einem der Mädchen, das zugehört hat. Es ist ein nepalesischer Traum: Karg, holperiges Nichts, rau. Daraus löst sich ein weißer Fleck und kommt auf mich zu. Gedeutet heißt das: „Wir leiden hier unter der Einfachheit des Landes. Uns bedrückt diese Kargheit, das Nicht-Schöne, Nicht-Freie. Gib uns Licht, Wissen.“

Meine Reise begann in München auf dem Konsulat, um das Visum für die acht Wochen zu bekommen. Es ist in der Kanzlei eines alten, freundlichen Rechtsanwalts. Er hat weiße Haare, lächelt, und sagt verträumt: „1965 war ich das erste Mal in Nepal. Da war es noch ganz anders.“

Ich war vor zehn Jahren das erste Mal dort, mit Wolfgang. Wir sahen bei der Everest-Wanderung ein einziges mutiges Mädchen, Yaks hütend, das schon Leggins anhatte. Heute sind Leggins üblich. Jedes Haus hat plötzlich Fernsehen und die Werbung zeigt nur westlich gestylte Mädchen. Entsprechend stehen bei einer Hochzeitsfeier im Nachbardorf von Angpang fünf Freundinnen (alle ca 16 Jahre alt) für sich in der Menge bunter Saris und schwarzer glänzender Haarpracht, die a) braun gefärbte Haare haben, b) westliche Kleidung, c) helle Haut: Nix mehr Sonne, nix mehr Feldarbeit, sondern absichtlich im Zimmer bleiben, um dem Reklame-Ideal nahe zu kommen.

Angpang hatte vor zehn Jahren drei blaue Zinkdächer, zwei Häuser mit Glasscheiben (alle anderen hatten Plastikfolie oder nichts im Fenster) und abends 20 Minuten Strom für eine Glühbirne. Jetzt gibt es überall blaue Zinkdächer, überall Glas und die Wasserkraft bringt so viel Strom, dass jeder ein Hoflicht hat, das die ganze Nacht brennt. Rudra, der Nachbar von Kul, schätzt, dass es zwischen 25 und 30 Laptops in den Häusern der 84 Familien gibt.

Er kaufte sich einen Flachbildfernseher, der oft bis Mitternacht läuft. Für Wrestling aus den USA, für Reklame für Fanta und teure Schulen in Kathmandu und für Smartphones. Entsprechend müde sind seine zwei Jungs jeden Tag.

Kul schimpft auf den Modernismus, den Kleiderwandel. Aber ich kam nach langem Beobachten drauf: Die Jugendlichen kopieren nicht aus Jux, sondern weil sie damit Freiheit verbinden. Sie wollen frei sein von der Enge des Hinduismus.

3.

Als ich in Kathmandu aus dem Flughafen kam und ins Meer der Taxis trat, begann das Kämpfen der Fahrer um mich. Aber ein Fahrer nahm sich die Zeit, zu lächeln und zu mir schnell die Verbeugung des Namaste (Grüß Gott) zu machen, obwohl er verloren hatte: Kul hatte sich schon für ein anderes Auto entschieden. So freundlich ist Nepal.

Ich fragte Kul zuerst nach Madan Lama, den jungen Mann, der nach dem Erdbeben – es tötete die Eltern – für seine Geschwister, für die Oma und den behinderten Onkel sorgen musste. Unser Verein hatte 2000 Euro gegeben, weil er einen Souvenirshop aufmachen wollte, am Weg zum heiligen Berg mit dem Affentempel.

Kul hatte ihn zweimal in dem neuen Laden besucht und gesehen, wie er Rosenkranzkugeln auffädelte, um die Schnüre zu verkaufen. Aber beim dritten Mal war er verschwunden und der Laden leer. „Das war mein größter Fehler“, sagte Kul geknickt, „ihm das ganze Geld auf einmal gegeben zu haben. Wahrscheinlich hat er sich ein Motorrad gekauft.“

Das Erdbeben war, im Nachhinein gesehen, für Teile Nepals ein Segen. Überall dort, wo keiner umkam. Denn es zerstörte eh Brüchiges, und die so kreativen Nepalesen bauten neue fantasievolle Häuser. Außerdem haben die Zimmerer und Maurer Hochkonjunktur.

Aber Kul brachte mir in Kathmandu einen Zeitungsbericht, der ihn aufregte. Denn dort sagte der Leiter der Nationalbank, dass die Regierung eigentlich keine Erdbebenzuschüsse mehr geben muss, weil ja alles zwei Jahre her ist und keiner mehr danach ruft. Kul: „Bisher kam nichts! Und jetzt wollen sie alles streichen. Unmöglich.“

Doch am Ende meiner Reise kam die Radionachricht: Jeder betroffene Haushalt bekommt 500 Euro, wenn er nicht höher als 13 Fuß neu gebaut hat, und getreu den Erdbeben-Empfehlungen: Unten Steingeschoss, oben Holzgeschoss. Kul war nervös. Denn er und Rudra und sein Freund Durga hatten als einzige im Dorf komplett aus Betonstreben und Stein gebaut, und zwar höher als 13 Fuß. „Wir müssen uns trotzdem in das Förderprogramm drücken. Für das nächste Erdbeben. Sonst bekommen wir nie mehr was.“

Das Holzgeschoss löste eine Holzknappheit aus. Rudra und Kul setzten deshalb in zwei Nächten Stirnlampen auf und gingen Holz stehlen. D. h. sie hatten geheim Bretter sägen lassen, im nächsten Dorf, und holten die jetzt her. Weil das Holzkontingent von Angpang erschöpft ist.

In Salleri, der Kreisstadt, gibt es ein Forstamt mit genau beobachtenden Forstleuten. Ein Mann, der mit dem Holzhandel Schmuh machte und davon erzählte, sitzt jetzt im Gefängnis.

So ist der Vorhimalaya, der so dörflich unberührt und unregiert aussieht, voll im Griff von Gesetz und Disziplin. Es gibt Gerichte und Rechtsanwälte, Ämter und Polizei.

Das Erdbeben machte Kathmandu auch klar, wie verzögert die Ministerien reagierten, wie spät ihre schwache Hilfe in die entlegenen Ecken kam. Deshalb beschloss man, die Macht nach unten abzugeben. Es wurden neue Lokalparlamente gebildet. Als Kandidat der „Nepali Congress Partei“ bat man Kul ins Rennen. Auch Durga wäre bereit gewesen. Kul weiß um seine Chancen, denn die Kandidat(inn)en der Niedrig-Kasten und der Frauenrechte haben keine Chance. Und den Maoisten-Mann sticht er sowieso aus.

Dieser Maoist lebt auch in Angpang. Sein Jeep parkte lange an einem Feldweg, Fenster halb offen. Regen kam, Sturm, Gewitter, Regengüsse. Das Fenster war weiter offen. Bei jedem anderen hätte Kul längst angerufen und gesagt: „Hast dein Fenster offen gelassen.“ Aber bei ihm nicht. „Ich verstehe nicht, wie jemand Maoist sein kann. 14 000 Tote im Bürgerkrieg, den sie angezettelt haben. Wie kann man seine Ziele mit Toten erkaufen?“

2006 endete dieser Krieg nach zwölf Jahren. Die Maoisten rückten in die Legalität und kamen an die Regierung. Aber sie wurden so korrupt wie jene, die sie kritisierten. Die armen Nepalesen waren zutiefst enttäuscht.

Wir trafen später unterwegs in den Bergen zwei Engländer, die in Kathmandu unterrichten, ein Ehepaar. Er sagte: „Die Politik in Nepal erscheint einfach. Aber sie ist ganz kompliziert, weil so viele mitmischen. Und jeder von ihnen will nur sein Geld machen.“

 

4.

Ich dachte immer, viele Nepalesen arbeiten in den Golfstaaten. „Nein“, sagte Kul, „höchstens ein Prozent. Nepalesen sind überall, in der ganzen Welt, in Südkorea, Japan, Malaysia, Thailand, Norwegen, Mexico, USA, Kanada.“ Dort schuften sie sich zu Tode, weil sie so viel Geld wie möglich nachhause schicken wollen.

Der älteste Sohn Kuls ist in den Golfstaaten – vom Vater dorthin versteckt vor den Kommunisten, die ihn in ihre Armee pressen wollten. Eine Tochter ist in Japan, ermöglicht durch ein US-Aid-Praktikum in Kathmandu und ihren Ehrgeiz: Sie bekam ein Japan-Buch von Kul, lernte daraus wie verrückt und schaffte das US-Auswahlverfahren für einen Aufenthalt in Japan. Jetzt hat sie dort drei Jobs (Teeladen, Hotel, Restaurant), schickt Geld heim und bunte Selfies per Facebook. „In sechs Jahren kommt sie vielleicht wieder“, sagt Kul, „mit viel Gespartem. Dann kann sie in Kathmandu einen Laden aufmachen.“

Kul: „Ich war zweimal in der Schweiz. (es war vor 20 Jahren, eingeladen von Trekkingkunden) Ich weiß, im Ausland arbeitet man hart.“

Er beobachtet aber zwei Fraktionen in Angpang: die Fleißigen und die Bequemen. Die Bequemen haben zwei Tage lang Jobs am Bau, können sich davon 50 kg Reis kaufen und genießen ihr Leben, bis er verbraucht ist.

Es gibt auch Jungs, die Bäume anpflanzen, deren Früchte die begehrten, sauteuren Kugeln für Rosenkranzketten hergeben. „Zwei Monate lang verkaufen sie diese Kugeln in Kathmandu, den Rest vom Jahr verbringen sie locker irgendwo“, sagt Kul. „Diese beiden Fraktionen zu verbinden, das ist schwer.“

Er selbst arbeitet hart (um 4.30 Uhr steht er auf und stapft mit der Stirnlampe aufs Feld). Das vergangene Jahr war das härteste in seinem Leben, weil er ab September sein altes Haus abbrach und neu baute. Zement schleppen, Balken sägen, Steine schlichten.

Dafür gibt es auch Maurer und Zimmerer. Aber zu viele. Denn jeder geht in diese Berufe. „Um anders weiterzukommen, ist eine gute Ausbildung in dieser technischen Zeit so wichtig“, sagt Kul. Er will, dass jedes Kind bis zur 12. Klasse in die Schule geht. Doch bei ihren Eltern redet er oft gegen Wände. „Aber nicht mal das ist eine Garantie für Arbeit. Wer noch ins College geht, hat immerhin einen Regierungsjob, wenn er gut ist. Aber die Eltern hier helfen zu wenig dazu. Ich muss so viel aufklären und reden, weil der bisherige Abschluss nach der achten Klasse, der SLC, nichts mehr wert ist.“

Die Regierung könnte sogar neue Schularten ausdenken. „Dann ist auch die zwölfte Klasse nichts mehr wert. Darauf muss man vorbereitet sein.“

5.

In Kathmandu gab es eine Revolution: Viele Bürger opfern seit 200 Wochen ihren Sonntag ( = der Samstag in Nepal) und säubern die zwei Flüsse vom Müll. Madan, der Eigentümer des kleinen, so malerisch begrünten Souvenir-Guesthouse am Rand des Touristenviertels Thamel, sagt: „Haben Sie nicht bemerkt, wie sauber der Fluss ist, als Sie im Viertel Teku herumliefen?“

Später in den Bergen, am Tag nach dem nepalesischen Neujahr (es ist am 13./14. April) sagt Kul am Morgen zu mir: „Hast du die Veränderung bemerkt?“ Sag ich: „Nö. Welche?“ „Ich rauch‘ nicht mehr.“ Darauf hat er tagelang hingearbeitet, von mir angetrieben. Jeden Tag eine Zigarette weniger. Dann kaufte er in Namche Basar, dem Hauptort vor den oberen Everest-Pfaden, tibetischen Rauchkäse, knallharte kleine Stücke. Die sind jetzt sein Zigarettenersatz. Weil sie rauchigen Geschmack haben. „Meine letzten Zigaretten hab ich den Portern (Trägern) geschenkt.“

So ändert sich Nepal.

Kul hatte nie zuvor berechnet, wie viel ihn das Rauchen kostet. Jetzt kam er drauf: 24 Euro im Monat, knapp 300 im Jahr. Das sind Unsummen für einen Nepalesen.

Vielleicht ändert sich auch im Hinduismus etwas. Er gilt als schlechte Religion. Er hält auch keinen Nepalesen von rücksichtloser Geschäftstüchtigkeit ab oder die Priester von blutigen Tieropfern und von der Vergewaltigung der Natur. Zum Beispiel die mächtigen Feigenbäume auf heiligen Plätzen, manchmal mit einem kleinen Schrein verbunden: Sie werden bis auf einen Meter Höhe eingemauert, was sie sehr negativ macht – aber drüber als Ausgleich alles sehr positiv. Setzt man sich aufs Betonpodest am Stamm, hat man was davon. Aber der Baum nicht. Sein freier Wuchs, seine Himmelsöffnung sind gestört.

Auf besonders positive Plätze kommt immer ein Pagodentempel. Er fängt die gute Kraft, die hochsteigt, ab. Sein geschwungenes Dach lenkt sie sofort um: Ab damit ins Umfeld des Tempels, der Himmel kann warten (eigentlich bräuchte er diese Kraft. Aber wir machen es mit unseren Kirchen genauso: sie bunkern die gute Erdabstrahlung).

Oder die Kumari, die lebende Göttin. Bücher berichten, warum das Mädchen in den Spezialtempel mitten in Kathmandu gesperrt wird. Damit ein Erdwesen, das an sich still in der Erde lebt, dessen Lebenskraft eintankt. Das Mädchen kommt deshalb nach ein paar Jahren ausgelaugt zurück zur Familie. Aber die Priester (hinduistische und buddhistische arbeiten             zusammen) haben ihren Nutzen. Denn sie erkunden von dem aufgepowerten Erdwesen ein weitblickendes Wissen.

6.

Wir treffen Geeta, eine Newari-Frau (es ist ein anderer Volksstamm als die Magar von Kul; Nepal hat über 120 Völker und Kleinstvölker). Sie betreut seit einigen Jahren die Ausbildung von Schülern aus Maidane, einem Ort nicht weit von Angpang – wenn die Jugendlichen außerhalb von diesem Dorf in die Lehre oder ins College gehen (in Maidane hat der Hamburger Verein „Kinder von Okhaldhunga“ aus dem Nichts ein Schulzentrum aufgebaut). Auch vier Jugendliche aus Angpang sind momentan bei den 68 Maidane-Betreuten.

Geeta ist älter, schlank, klug. Sie hat noch andere ähnliche Betreuungen, zum Beispiel für Deutsche aus Oldenburg, die ihr vertrauen. Und sie baut nach dem Erdbeben einen Kindergarten und eine Grundschule neu mit auf. Außerdem hilft sie neun Dorffrauen, mit Webstoffen und Nähen ein Einkommen zu erwirtschaften. „Da bin ich stolz drauf.“

Geeta: „Ich sage allen Kindern, dass sie kämpfen müssen für ihre Zukunft. Bisher war das SLC (Secondary School Learning Certificate nach der 8. Klasse) schwer zu erreichen, nur 22 % schafften es und kamen in Fortbildungen. Jetzt bekommt jeder das SLC. Aber ich sage jedem Jugendlichen: Du musst beitragen zu deiner Ausbildung, zum Beispiel ein eigenes Konto eröffnen. Wir geben die keine Tasse Tee, sondern zeigen dir, wie man Tee aufgießt.“

Wer einen technischen Beruf will, muss teuer für die dreijährige Ausbildung bezahlen. Andere Richtungen können sechs Jahre dauern. „Alles geht langsam in Nepal.“

Kul regte für Maidane an, auf die bestehenden zehn Klassen zwei Praxisklassen zu setzen (10 +2). Dafür muss er bei der Regierung einen Antrag stellen, dann auf das Ergebnis der Wahlen warten, teures Erlaubnis-Geld bezahlen, und hoffen. Diese Zusatzjahre sollen Berufe im „human“ Bereich bieten, die keine Maschinen für die Ausbildung benötigen. Zum Beispiel für Hebammen oder Krankenschwestern und für Sozialarbeit. Auch Kinder aus Angpang könnten für die 9. bis 12. ( = 10 + 2) Klasse nach Maidane gehen.

Kul: „Was uns jene Jugendlichen an Vereinszuschuss sparen, wenn sie nicht in Kathmandu oder in der Kreisstadt ausgebildet werden, sondern in Maidane, können wir ja für Lehrergehälter ausgeben. Wir brauchen zwei Lehrer mehr für das 10+2.“

Abends sind wir bei Harka (sprich: Horka, weil ein innen stehendes „a“ immer ein „o“ ist) eingeladen. Seine Frau ist Kuls jüngste Schwester. Sie ist sehr klug, muss aber weitgehend schweigen. Kul reagiert auch nicht auf sie und spricht nicht mit ihr. Er behandelt sie macho-mäßig wie eine Fremde.

Ich sag extra: „Nehm einmal an, sie ist dein wiedergeborener Großvater. Und du lässt ihn so links liegen!“ Seinen Großvater schätzt er nämlich sehr.

Harka hat ein einziges Fotobuch in dem fast leeren Wohnzimmer stehen, das ihm Uli Friebel zusammenstellte, mit Bildern von gemeinsamen Trekkings. Uli Friebel war in Deutschland für die Auslands-Aktivitäten des Bund Naturschutz tätig. Jahrzehntelang brachte er Harka und Kul die Kunden für Wanderungen auch in gefährliche Bergregionen. Ein Foto in dem selbst gemachten Band zeigt Kul mit 25 Jahren: einen strahlenden jungen Mann, der dauernd lacht.

Aber Uli Friebel starb vor wenigen Tagen. Er war in Deutschland auf einem Markt gewesen und nach dem Einkaufen wegen Herzversagens zusammengebrochen. Die Nachricht löste bei den nepalesischen Familien stumme Betroffenheit aus. „Uli schaffte es nach dem Erdbeben, eine so große Summe für das Langtang-Gebiet zu sammeln“, sagte Kul. „Er brachte die 200 000 Euro selbst her.“

Sein Tod nimmt Harka jetzt sichere Trekking-Einnahmen. Zum Glück hat er aber regelmäßige Zahlungen des Vereins „Kinder in Okhaldhunga“, weil er, der nie lesen oder schreiben lernen konnte, in 25 Jahren das Schulzentrum von Maidane so gut begleitete. Kul staunte, wie er der Regierung drei Lehrer abknöpfte in einer Zeit, als andere Schulen keinen einzigen auftreiben konnten. Dann noch einmal drei. „Er hat so gute Beziehungen. Und er setzt sich durch. Er kämpft und gibt nicht nach, bis er etwas erreicht hat, egal wie oft sie ihn in den Ämtern vor die Tür setzen.“ Auch die 10+2-Erlaubnis könnte der jetzige Vorsitzende des Schulkomitees von Maidane nicht erreichen, sagt Kul, aber Harka.

7.

Nicht nur Kul staunt in Kathmandu, wie die Läden im Touristenviertel Thamel überleben. Die Touristen sind nur vier Monate im Jahr da und können unmöglich die ca 1500 verschiedenen             Kunsthandwerk-Artikel in Hunderten von Geschäften kaufen oder die endlos bestückten Trekking-Läden beglücken. Ein kleiner Laden braucht 500 Euro Monatsmiete. Will sich jemand neu einen Laden sichern, muss er eine Million Rupi Ablöse aufbringen (10 000 Euro).

Aber Kul hat einen Freund, der seinen Verdienst aus den Golfstaaten in ein kleines Restaurant in Thamel investierte. Danach kaufte er ein Schotterwerk und begann im Straßenbau. Dort handelte er aber rücksichtslos. Seine Straßenführung ging quer übers Land, ohne Dörfer anzubinden, die             dringend den Buskontakt gebraucht hätten. Auch auf Naturschutz achtete er nicht. Außerdem schummelte er bei den Mörtelmischungen. Geldstrafen dafür akzeptierte er, auch kurze Gefängniszeiten. Kul kritisierte das öffentlich. Dann traf er einen Vertreter der Asia-Bank, die den Straßenbau mitfinanzierte. Der sagte: „Aha, Sie sind der Kritiker!“ Kul sagte ihm sofort noch einmal die Meinung.

„Jeder weiß, dass ich stark meckere, aber ich kann das, weil ich anpacke. Ich bin kein leerer Redner.“ Kul erwartet auch, dass jeder etwas zum Dorfwohl beiträgt, durch Arbeitsdienste (bei der neuen Schule waren sie nötig) oder mit Holzspenden.

Auch für Maidane, für das teure 10+2-System, könnten             Schulabgänger von früher mitbezahlen: „Es gibt gut verdienende Abgänger, die jetzt in Japan sind. Die könnten ihre vier Jahre Ausbildung zurück bezahlen.“

Für das neue Lokalparlament wurden die alten Dorf-Entwicklungs-Komitees aufgelöst. Man schloss Bereiche zusammen, zum Beispiel drei Dörfer. Und Kul wird, wenn gewählt, zwei Assistenten bekommen. Sein erster Akt: Müll aufheben lassen und Müll vermeiden. Keine Plastikflaschen mehr. Außerdem zwei Klo-Gruben an jedes Haus. Ist eine voll, kann man den Inhalt zum Düngen nehmen. Und einen Garten an jedes Haus. Außerdem soll jedes neue Haus 15 m von den Straßen entfernt stehen, damit kein Theater entsteht, wenn die Straße einmal verbreitert wird.

Ich bat ihn auch, etwas für die vollkommen überlasteten Träger in den Bergen zu tun. Die Männer schleppen mit oft schmerzverzerrtem Gesicht 60 bis 100 Kilogramm. Denn die Grenze von 30 kg gilt nur für Trekking-Gepäck. Ihre Lasten für die Geschäftsleute sind ohne Limit.

An der Strecke nach Namche Basar hinauf gibt es Beamte, die den Permit-Stempel der Touristen kontrollieren. Sie könnten genausogut die Lasten der Träger wiegen.

Leicht wird es nicht für Kul, zu regieren. Denn zu seinem Verbund werden die Chetri der Dörfer im Westen kommen. Diese hohe Kaste (Krieger) ist klug. Sich gegen sie durchzusetzen, ist für die Magar, Gurung und Sherpa schwer.

Nepal hat zwar Ruhe in seinem Vielvölkerstaat, aber intern schimpft jedes Volk über das andere: „Die Newari können nie genug bekommen.“ „Die Brahmin schnappen den Sherpa das Trekkinggeschäft weg.“ „Die Rai haben sich clever vom simplen Bauern zum Träger und Geschäftsmann entwickelt.“

Kul: „Man darf nie jedem Volk eigenes Land zum Regieren geben. Dann gibt es Bürgerkrieg. Das Terai (Flachland bei Indien) will zum Beispiel unabhängig sein. Okay, wir brauchen deren Reis nicht, wir haben Kartoffeln. Aber die haben eh schon Sonderrechte. Sie dürfen z. B. pro Familie so viel Land besitzen wie niemand, 250 acres, dreimal so viel wie wir (75) und zehnmal so viel wie jemand in Kathmandu. Der in Kathmandu hat noch den Vorteil: Verkauft er einen einzigen Quadratmeter, kann er sich sein Leben lang Hose, Hemd und Essen leisten.“

Ich notiere mir in mein Heft: „Ich muss nicht nur Geld geben in Nepal, sondern auch Mitgefühl. Und etwas tun. Nicht bloß als Tourist alles genießen.“

Als Tourist gehe ich einen teuren Bergsportladen und kaufe eine – immerhin reduzierte – Windjacke von Marmot, weil meine alte nach elf Jahren den Regen durchlässt. 80 Euro. Beim Rausgehen denke ich, welch ein hoher Betrag das hier für eine arme Mutter ist. Und finde etwas Trost im Denken an reiche Nepalesen, die prachtvolle Villen bauen und mit Jeeps herumfahren, und auch was für ihre armen Landsleute tun könnten.

500 Meter von meinem Guesthouse entfernt ist der Luxus-Park „Kaisers Garden“, ein Mini-Versailles. Für 1,80 Euro Eintritt steht man in der Welt der Reichen, in einem alten Palastgarten voller Schönheit, Ruhe und Adel. So hatte Kathmandu schon immer beides, Luxus und Bettler.

Über den Hintergrund dieses Palastes eines alten Feldmarschalls namens Kaiser erfährt man mehr im Buch „Tiger for Breakfast“ von Michel Peissel. Der Engländer kam kurz nach der Öffnung des verschlossenen Reiches (1950) nach Kathmandu. Seine Biographie eines Russen, der sein schillerndes Leben als erster Hotelier der Stadt beschloss, packt unzählige Anekdoten auch aus Indien zusammen. Sie geben mehr Geschichte mit als dicke Geschichtsbücher. Gut geschrieben.

Kul erzählt von Angpang. Ich bin froh, selber in einem Dorf groß geworden zu sein und so sein Dorf gut zu verstehen. Er berichtet von Israelis, die anreisten, um eine Kreditbank einzuführen und bessere Landwirtschaft. Aber es kam zu einer Rauferei von drei Männern. Alles platzte. Kul: „Gottseidank, weil die Israelis den Profit aus dem Projekt behalten wollten.“

Er lobt dagegen den British Welfare Service (BWS), der aber nur dann in die Dörfer kommt, wenn einer der Ex-British-Gurkha-Soldaten ruft, weil er ein Problem hat. In Angpang bat solch ein Mann den BWS darum, die Quelle neu zu fassen und ihr Wasser zu den Häusern zu leiten. Die Engländer machten es vorbildlich: Alle Leute zu einem Gespräch einladen, vier Tage bleiben, die Schüttung messen, Wasser mitnehmen zum Labor, alle paar Monate wieder für vier Tage kommen, sich wieder unterhalten.

Mit Kul fahre ich zum Dörfchen Namobuddha abseits von Kathmandu, einem ärmlichen Nest am Berg. Wir laufen um die Kurve und stehen vor einem Prachtbau von buddhistischem Tempel, machtvoll, nagelneu, mit allen Schikanen. „Wo haben die die Millionen her?“, sagt Kul. Und ich: „Wie schaffen sie es, so einen Komplex hier in der Wildnis zu stellen? Mit Helikoptern?“

Der Ort ist heilig, weil hier Buddha in einem Vorleben lebte, 6000 Jahre vor seiner Geburt in Lumbini am Rand von Nepal.

Reiche tibetische Frauen aus Indien kommen hierher. Sie wollen noch mehr Gebetsfahnen über den Berg hängen als eh schon flattern. Kleine Jungs nehmen sie und klettern für zehn Rupi eine Stange hoch, um sie aufzuhängen. Von dem Geld kaufen sie sich Zigaretten. Kul regt sich darüber auf. Eine tibetische Frau redet ihnen auch ins Gewissen, ich mit. „Ich rauche nie“, sage ich. „Brauche meine Fitness.“ Vielleicht hilft‘s, wenn der stets geachtete Tourist ein gutes Vorbild ist.

Am nächsten Morgen hab ich eine glorreiche Privateinsicht: Ich denke mir, egal ob ich jetzt einen dicken Polstersessel hab wie ein Millionär oder einen simplen Bambushocker im Reisfeld wie ein Bauer, die Hauptsache ist, dass ich glücklich bin.

Kul machte Anfang März 3600 Menschen glücklich, weil er in Angpang ein Fest ausrichtete. Im Solu-Khumbu hatten bisher drei Dörfer so ein Mammut-Fest, um sich zu präsentieren, und jenes in Angpang war das Beste, wie hinterher alle sagten.

45 Mann um Kul stellten es innerhalb von nur vier Wochen auf die Beine. Der Aufwand war unglaublich, mit eingeflogenen Musik- und Tanzstars, mit einem Komiker-Duo, mit Riesenrad und einem Volleyball-Match der 16 Distriktmannschaften. Es gab auch einen 10-km-Lauf von Maidane her, den die besten in einer halben Stunde schafften. Zwei Schüler aus Angpang brauchten 45 Minuten.

Durga stellte einen Aufruf in Facebook, dass jeder einen kleinen Betrag dafür spendet. Viele Exil-Nepalesen in den Golfstatten und in Asien lasen das und gaben großzügig. Durga legte auch ein Internetkabel von Salleri her, 26 km lang, an den Ästen von Bäumen festgemacht. Ein Video auf Youtube zeigt, was los war, wie mitgetanzt wurde, wie lang Reden gehalten wurden. Ein früherer Tourismus-Minister war der Stargast.

Kul war für die Verpflegung der Promis zuständig. Er kochte und kochte und sein Kater hatte endlich mal Fleisch in Hülle und Fülle. Kul: „Alle Amtsleiter kamen. Das war so gut. Wir haben so viel erreicht bei den Gesprächen.“

Sie sahen eine Ausstellung mit Produkten aus Angpang, unter anderem mit den Webstoffen. Und hörten von dem Drama mit dem Riesenrad: Es kam zu spät an. Bis es aufgebaut war, war das Fest halb um. Kul und seine Freunde halfen den zwei Begleitjungs des Lastwagen-Konvois, die endlos vielen Teile bis morgens um vier zusammen zu schrauben. Danach waren sie erledigt. Sie hatten zwei Tage lang nichts gegessen und kaum getrunken.

„Weil das Riesenrad so spät fertig war, haben wir keinen Gewinn gemacht. Aber die kleinen Kioske mit ihrem Imbiss, die haben Zehntausende von Rupis verdient.“ In zwei Jahren wird alles wiederholt, dann mit einem echten Marathon.

9.

Im Souvenir-Guesthouse haben Sylvain und Julien aus Frankreich, die für ewig in Nepal bleiben wollen und an einem kleinen See ein Guesthouse führen (vor allem Israelis kommen gern dahin), einige junge Leute zu Gast, die sie zuvor in den Straßen von Kathmandu trafen. Es sind Clement, Selma, Simon, Charles und Isabella. Sie reisen teils mit Woofing, das heißt, sie können irgendwo in Thailand oder Indien oder der Welt arbeiten und bekommen dafür kostenlos Essen und Schlafen. Später treffen wir noch Pauline, die Freundin von Clement, und sie organisiert, dass Kul seinen kleinen Bauernhof ins Woofing stellt und dass Clement irgendwann dorthin findet – 280 km östlich von Kathmandu auf 2450 m Höhe – und Kartoffeln erntet. Oder in der Schule Englisch-Unterricht gibt.

Bei unseren Ausflügen aus Kathmandu raus geht es durch Abgasnebel. Die Busfahrer, denke ich, und ihre Ticketjungs, sind in zehn Jahren gestorben. Täglich der Dunst.

Drinnen ist der Bus immer gestopft voll. Moderne Nepali-Musik dröhnt, d. h. Techno & House mit Flöte. Stillende Mütter rattern auf ihrem Smartphone die neuesten Facebook-Nachrichten ab. Kul zeigt auf seinem Display ein Bild verkohlter, verkrümmter Körper: In den Emiraten kamen bei einem Brand 200 nepalesische Arbeiter um. Das bedeutet für ihre Familien hier, die durch die heimgeschickten Löhne zur luxusverwöhnten, oft eingebildeten Oberschicht wurden, neben dem Leid eine herbe Ernüchterung.

Der Bus stoppt. Der nur zu bewundernde Ticketjunge lenkt sportlich, mit großer Umsicht, den Aus- und Einstieg. Der Fahrer knippst am Radio herum, bis er fröhliche Musik findet. Kul sagt bei den ersten Klängen: „Auch wenn die Nepalesen nicht reich sind, sind sie immer glücklich. Das ist doch erstaunlich.“

In Bhaktapur entdecke ich die „Peacock Paper Factory“, die ein einziger Mann aufgebaut hat. Die Führung durch die antike Druckerei ist ein Erlebnis. Ich bestaune diesen Mann, der Politik-Wissenschaft studierte und heute selbst an der Universität lehrt. Dazwischen nahm er jeden verdienten Rupi, um alte Holzschnitzereien zu kaufen und Entwürfe für neue Holzschnitzereien zu machen. 7000 Bilder ließ er umsetzen. Seine Frau verwaltet das Geld, er hat die Ideen, viele Arbeiter-innen wirken mit.

Seinen Sohn, 17, zog er vom Computerspiel weg, indem er ihn beauftragte, im Internet alte Tempel- und Götterbilder zu sammeln. Daraus wurde ein handgedrucktes Buch, inzwischen 3500 mal für 50 Euro verkauft. „Mit dem Buch können Sie einen Tempel einrichten.“

Er selbst setzt gerade eine irgendwo gerettete kleine Tempelpagode aufs Hausdach. Der Zimmerer ist ein kleiner alter Mann, lächelnd. Ich denke mir: Er baut die Hölzer nicht einfach so zusammen, sondern er gibt seinen Glauben mit.

Der Eigentümer der Druckerei hat im Gesicht etwas von einem Behinderten, nur eine Spur – darum vielleicht sein einseitiges Beharren auf der Kunst. Und in seinem Gang ist etwas noch nicht Gesehenes: Wenn seine Füße, in simplen Turnschuhen, auftreten, ist es, als gebe er dem Boden Segen. Vielleicht, weil er sich so stark mit dem Buddhismus befasste. Weil er zu dem Schluss kam: „Jeder Reiche muss etwas abgeben.“

Dass Nepal solche Menschen hat. Zum Beispiel auch den Gründer des berühmten „Pilgrims Bookhouse“ in Kathmandu. Er ist wie Einstein, ein denkender Mann mit wallendem grauweißen Haar, klug, zurückhaltend, menschlich. In seinem Geschäft gibt es Bücher zu Themen, wo man denkt, die kauft doch nie jemand. Aber es gibt sie. Und er hat besonderes Kunsthandwerk, das außen herum in den Hunderten von Läden fehlt.

Kul ist im Kleinen auch so ein besonderer Mann. Wenn er in seiner Küche in Angpang auf der Bank sitzt, links der Lehmofen, rechts das Regal mit Blechschüsseln und Tellern, in der Mitte alles verraucht, scheint er ein einfacher Mann zu sein. Aber dann erzählt er. So klug, mit solch einem Überblick. Und wenn er handelt: Er denkt nicht: „Jetzt könnte ich mal etwas tun.“ Sondern es geschieht leicht aus dem Handgelenk heraus. Für seine Terrassenfelder, für die Politik, fürs Dorf, für die Armen.

Aber er hat auch seine durchhängenden Momente. Wenn er müde ist. Am Morgen. Dann sieht er alles negativ. Aber eine Stunde später rappelt er sich wieder auf.

Ein Mann fragte ihn einmal: „Wie viel Geld hast du von ,Kinder von Nepal‘ inzwischen bekommen? 60 000 Euro? Nimm’s und geh nach Kathmandu und versteck dich.“ Kul tut es nicht. Er will nicht reich sein. „Ein Reicher hängt und hängt an seinem Geld, bis er stirbt. Er gibt nie Kredit. Er denkt nicht mehr normal.“

Die Leute in Angpang sagen: „Kul, du hast so viel Land. Warum arbeitest du noch?“ „Weil ich den Armen sehe, für ihn. Um helfen zu können.“ „Du gehst in Sandalen zu Versammlungen. Hast du keine Schuhe?“ „Ich brauche meine Zehen nicht zu verstecken. Ich will ganz bescheiden leben. Eine Hose für 9 Euro, ein Pullover für zwölf, das reicht.“

10.

Ich laufe nach Patan, zur Nachbarstadt von Kathmandu, in den Zoo. Dort besuche ich jedes Mal die Elefantenkuh Pawankali. Sie erkennt mich immer wieder. Junge Mütter geben dem Wärter ihre Babys und er trägt sie dreimal unter ihrem Bauch hindurch oder drückt ihre Stirn an Pawankalis Rüssel. Das bringt Glück und Schutz. Die Mütter geben ihm auch Geldscheine, die sie erst an die Stirn ihres Kindes drücken und dann an Pawankalis Rüssel.

Im Zoo leben viele der so wunderbar bunten Fasane des Himalaya. Ihnen scheint es gut zu gehen, nicht aber den Himalayabären. Sie leiden in einem schmierigen, dunklen Betonwürfel. Alle großen Tiere, die weites Laufen gewöhnt sind, sehen unglücklich aus.

Ein Schuljunge, ca 16 Jahre alt, fragt lachend, ob er mich fotografieren kann. „Ich bin auch ein Tourist“, sagt er. „Alle diese Tiere von Nepal hab ich noch nie gesehen, ich schwöre es!“ Dann springt er davon, so sportlich wie alle Nepalesen, unglaublich behende.

Später, beim Weg durch den Vorhimalaya hinauf in die Everest-Region, ziehen Muli-Kolonnen an uns vorüber. Zehn bis zwölf am Tag. Die müden Tiere tragen Gasflaschen, schwere Säcke mit Zwiebeln, Zucker oder Salz. Sie sind dürr, mit Scheuerstellen von den Gurten und haben ein Leiden im Blick, das man nicht vergisst.

Kul verfolgt sie genau: Es gibt keinen Pausentag; immer hoch und runter, hoch und runter, tausende Meter, über Felsen, steile Engen, rutschige Passagen. Ab und zu haben sie Freß-Stop: 20 Maiskörner pro Muli liegen dann auf dem graslosen Boden. Wahrscheinlich müssen sie tragen bis sie umfallen.

Weiter oben sind es Yak-Kolonnen. Aber die Yaks scheinen nicht so zu leiden. Es sind freundliche Tiere mit Humor, eher hinnehmend. Die Mulis dagegen sind feinfühlig wie gute Pferde, gequält.

11.

Zur großen Boudhanat-Stupa im Osten Kathmandus gelaufen. Tibeter errichteten sie. Tibeter haben hier ihre Geschäfte. Tibeter umrunden sie betend. Der wuchtige Steinklotz soll etwas Aggressives, das hier aus der Erde kommt – der Legende nach ein drachenartiger Tiger -, unten halten. An einer Seite ist ein großes Zelt aufgebaut, in dem dicht an dicht exil-tibetische Frauen aus Indien sitzen. Jede hat für ein Frühstück 300 Euro bezahlt oder für drei Mahlzeiten 450 Euro. Das Geld ist für den Dalai Lama.

Das Gegenteil dieses Groß-Tempels ist drei Kilometer weiter eine kleine Vertiefung mitten in einer Autostraße, kaum zu sehen. Dort überteerte man eine heilige Stelle, ließ aber eine Kuhle für die Blumengaben der Gläubigen.

Unweit von hier tauche ich ab in einen Kellerimbiss, wo bunt verschiedene Essen aus Schalen nach oben leuchten. Ich setze mich an einen kleinen Tisch, zu zwei Männern. Einer im grauen Anzug scheint ein Amerikaner zu sein, gebildet, vornehm. Er spricht mich in fließendem Englisch an. Er ist aber Nepali, der Sozialreferent der Nepali Congress Partei. Der schmale Mann neben ihm mit dem Hindukäppi im traditionellen Anzug ist der Leiter der Partei. Ab und zu treffen sie sich extra in so abgelegenen kleinen Stuben, sagt der Referent. Um große Themen zu besprechen.

Er stammt aus einem Dorf in einer komplett „remote area“, einer abgelegenen Gegend im Osten, ohne Schulen. Er kämpfte sich hoch. „Ich wollte lernen, ich wollte lernen!“ Jetzt entwirft er Entwicklungsprogramme für solche Gebiete. Aber die ständig wechselnden Regierungen und die Korruption bremsen alles. Frust bricht aus ihm. Er ist aufgebracht. In seinen Gesichtszügen spiegelt sich die Ohnmacht. „Nepal geht den Bach herunter, immer weiter abwärts.“

Am Ende lädt er mich ein. Er bezahlt für mich, gibt mir seine Telefonnummer. „Rufen Sie an, wenn Sie wieder in Kathmandu sind.“ Als ich auf die Straße trete, merke ich, dass er mir einen Schutz mitgegeben hat. Am Verhalten von zwei Hunden.

12.

Um vier Uhr morgens sind wir an einem Platz, wo die Busse und Jeeps losfahren nach Angpang. Wir wollen aber auf halbem Weg noch einen Abstecher zu einer berühmten, heiligen Höhle machen. Ein junger Hippie-Tourist fragt uns im Dunkel nach dem Bus nach Salleri, zur Kreisstadt neben Angpang, von wo aus man zum Everest laufen kann. Später treffen wir ihn wieder, beim Rückweg in den Bergen, mit seiner schönen Freundin. Beide gingen zu Fuß hoch, um den teuren Flug nach Lukla zu sparen, der viele Touristen gleich auf die halbe Berghöhe katapultiert.

Kul bestellt bei einer Frau, die schon in aller Frühe vor einem Teekocher hockt, obwohl es noch dunkel ist, zwei Tassen. „Sie verdient bestimmt viel“, mutmaßt er. Er erzählt vom Energieminister, dem einzigen, der etwas taugt in der Regierung: Er und sein Hauptreferent schafften es, Kathmandu dauernd mit Strom zu versorgen. Die Zeiten sind vorbei, wo die Straßen abwechselnd dunkel waren. Als Geschäftsleute noch an diesem Wechsel verdienten.

Es gab auch einen guten Finanzminister. Aber er kam mit seiner Familie bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben.

Der Jeep kommt endlich und bringt uns in ein breites Flusstal, das uralte Lehmhäuser hat wie in biblischen Zeiten. Im flachen Wasser steht ein Mann, ganz klein in den weiten Fluten. Er ist voller Zeit. Er hat die Zeit mit sich.

Wir fahren an Arbeitern vorbei, die Zement schaufeln. Sie sehen mich, nobel auf den großen Beifahrersitz platziert (nicht hinten in die zwei Viererreihen des indischen Jeeps gequetscht). Wahrscheinlich wünschen sie sich, einmal so ein Westler zu sein. Ich bin es. Und sollte etwas draus machen.

Der heilige Ort ist Haleshi (sprich Holeschi). Er hat zwei große Höhlen in einem Hügel, und noch eine ganz kleine Höhle hoch in einer Felswand abseits, in einem anderen Berg. Dieser Berg ist so dicht mit Gebetsfahnen überspannt, wie ich es noch nie gesehen habe. In dieser Minihöhle meditieren ein Buddhist aus Sikkim und einer aus Deutschland, den Kul am Abend vorher in unserem kleinen Dorfhotel traf.

Von den zwei großen Höhlen ist die eine innen mit Treppen und einer Mauer bestückt. Fledermäuse machen Lärm, Tauben fliegen, Pilgerinnen in buntesten Kleidern steigen malerisch in die Dunkelheit hinab. Buddhistische Mönche haben sich ein Eck gekapert, Einzelgänger hocken am Rand und lesen endlos in dicken Büchern.

Unten hält die Religionsgemeinschaft der Kirat einen Gottesdienst. Alle kauern am Boden um einen Vorleser. Später ziehen sie leicht tanzend um das schummrige Shiva-Heiligtum. Dabei wird erkennbar, wie geschmeidig die Füße des Priesters sind, welch gut geformte Zehen er hat.

Kul erklärt kurz die Kirat- und auch gleich die Gain-Religionsgemeinschaft. Von den Gain hält er viel, seit er zwei Gruppen von ihnen nach Muktinath führte. Es sind freundliche, gute und vegetarische Leute, die ihren Tempel in Kathmandu haben.

Die Kirat folgen dem alten Schamanismus mit Verehrung der Mutter Natur und der Ahnen. Drei Prozent der Nepali (vier Volksstämme) gehören dieser weltweit agierenden Gruppe an.

Oben am Höhleneingang stand an der Wand geschrieben, dass einen das Meditieren hier direkt aus dem Rad des Lebens in die Ewigkeit katapultiert. Ich probiere es gleich und komme zum Schluss: Was ich ganz oben im Himmel sehe, gibt es lustigerweise auch unten bei uns. Man muss also gar nicht so toll meditieren. Es ist eine feine, herzliche Stimmung dort oben, wie sie zwischen einer Mutter und ihrem Baby besteht, gerade erst erlebt bei der stillenden tibetischen Mutter am Rand der Verkaufsstände.

Interessant ist, dass die Höhle früher, ohne Treppen und Mauer und ohne die beiden einbetonierten gammeligen Dreizacks, viel besser wirkte. Die Mauer wurde gezielt gebaut, um dem Hinduismus zu dienen. Sie staucht die Naturkräfte.

Wir laufen weiter, zur Kirmes am Fuß der zweiten Höhle, wo gerade eine Budenstadt aufgebaut wird, und ich staune, welche wunderbaren Bilder ich hier sehe: ein Mädchen mit großem dunklen Hautfleck und Peanuts, einen lachenden Stoffverkäufer, die Schiffschaukel mit ihrer dröhnenden Musik, die Budenbauer, die Lehmofen-Bauer, die Bänke und Bambuswände, die Frau im Profil am Waschplatz, den Buddhistenjungen mit einem Wassereimer, den muskulösen Jungen mit seinem West-Haarschnitt, einen Saddhu, einen von der Sonne fast schwarzen Tellerwäscher, einen Verkäufer von Flöten. Er hat sie an einem Stab zusammengesteckt wie einen Baum mit Ästen.

Die zweite Höhle ist innen auch verändert, durch eine Plattform oben. Ihre ursprüngliche, sanfte, liebevolle Stimmung wird damit unterbrochen.

Unter den Buddhistenjungs entdeckt Kul einen aus Angpang. Er spendiert vier von ihnen ein Essen mit Fleisch. Sie sind glücklich.

13.

Bei der Weiterfahrt nach Angpang über Okhaldhunga erzählt Kul, wie er als Trekkingführer den Nachwuchs trainiert. Generell sollte kein Jugendlicher den Beruf des Vaters haben müssen, also automatisch Zimmerer werden. Auch nicht automatisch Trekking-Guide. Wenn, sagt er,  dann sollte er sich erst einmal als Träger bewähren.

Sind die Jungs dann bei einer Tour dabei, erlebt er aber, dass sie sich nach dem Aufbau der Zelte für die Touristen in ihr eigenes Zelt setzen und den Reißverschluss hochziehen und pennen. Dann steht Kul auf, zieht irgendwo Heringe raus, dass alles zamfällt, holt die Jungs und sagt: „Der Wind! Ihr müsst die Zelte dauernd beobachten, dass sowas nicht passiert!“ Danach bleiben sie bis zum Nachteinbruch vor ihrem Zelt und achten auf alles. Immer. Ein Leben lang.

„Sie müssen auch lernen, mit jedem zu reden, mit den Trägern und den Dörflern. Das ist wichtig, das müssen sie können.“

Dorfjungs arbeiten immer besser als Stadtjungs. Wer noch dazu in der Schule gut ist, hat seinen Job sicher. Keiner muss dann 30 000 Euro sparen, um alle Amtshürden zu  bezahlen für eine Arbeit im Ausland. „Würde er die 30 000 daheim anwenden, hätte er mehr davon“, mosert Kul.

Er schüttelt den Kopf: „Wer nach Japan geht, muss 14 bis 18 Stunden in Rettichfeldern hacken. Der Rücken schmerzt, kein Essen. Abends bist du kaputt. Morgens kriegst du nur Tee. Ist das  erstrebenswert?“

Er erzählt auch von seiner Zeit in der Sherpa-Gewerkschaft der Trekkingführer. Er war der Sekretär, sein Cousin  Rudra der Kassier. Beide gingen aber nach Jahren raus, weil sie keine Zeit mehr dafür haben. Kul: „Wenn ich jetzt in die Bezirksregierung gewählt werde, mach ich nur noch ,Kinder von Nepal‘. Mehr schaff‘ ich nicht.“

Seine Frau Kalu dreht eh am Rad, weil er kaum daheim ist und mehr Dorfgeschehen betreibt als Küchenbau (die Decke hat immer noch ein Loch; der Fußboden müsste mit Holz belegt werden). Sie sitzt allein da, nur eins der fünf Kinder bei sich. Zwei sind nämlich seit frühester Kindheit in Kathmandu bei der Tante, um bessere Schul-Chancen zu haben. Der älteste Sohn lebt in den Golfstaaten, die zweitälteste Tochter ist in Japan. Ich sage Kul einen tollen Spruch aus England, den mir meine Frau schon vor Jahren auf den Weg gab, weil ich genauso viel wie er draußen herumkurve statt in der Familie: „Charity begins at home.“  Gutes zu  tun beginnt daheim.

14.

Ich habe extra 2000 Euro mitgebracht für die Müttergruppen der Dörfer. Kul ist begeistert. Das könnte man ja gleich mal verteilen, das wirkt ganz gut im Wahlkampf. Die Frauen könnten vom Dorfkomitee einen Streifen Land pachten, was anbauen, verkaufen, und davon die Pacht bezahlen.

Ich bremse ihn: „Frag die Frauen, was sie damit machen wollen. Das sind Männer-Ideen. Das klappt nie, wenn es nicht ihr eigener Wunsch ist.“ Kul lenkt ein, und zwar, weil er vorher eine Frauenrechtlerin gehört hat, die den Frauen von Salleri klar machte, wie sie von den Männern unterdrückt werden. „Die Männer hörten das mit, weil sie draußen standen und durch die Fenster des Saals reinschauten“, sagt Kul. „Die Männer fanden das so interessant, dass diese Frau am nächsten Tag noch einmal sprach, für sie. Danach sagten die Männer: Eigentlich hat sie recht. Das war uns nie bewusst. Wir unterdrücken tatsächlich die Frauen. Zum Beispiel steht ein Lehrer über einer Lehrerin.“

Durch diese Erfahrung hellhörig, verzichtete Kul jetzt auf Vorgaben und wir konnten alle Müttergruppen frei entscheiden lassen, was sie mit dem Geld machen, und wofür sie künftige Gelder einsetzen, wenn sie einen Projektplan haben. Es kam heraus: Sie möchten Ziegen kaufen, um Fleisch zu haben (Ziegen sind möglich, wenn außen genug Laub wächst). Sie können sich Gewächshäuser vorstellen für Gemüse (ein Muster-Gewächshaus steht sogar am Rand von Angpang, gesponsort von einer Österreicherin, Carola Gosch, wie ein Schild verrät – sie ist in Salleri tätig). Sie wollen Champignons züchten, weil sie dafür einmal eine Schulung hatten.

Ich dachte mir noch: Irgendwie kriegen wir es zusätzlich hin, dass die Mütter einmal einen Ausflug nach Haleshi machen, zu den Höhlen. Als Lohn für ihr lebenslanges Schuften. Haleshi ist ja für alle Nepali ein Traum, wie Mekka.

Als wir übrigens in Angpang einfuhren, das heißt die ersten Häuser sahen, spürte ich, dass Kul ungern ankam. Weil er die ganzen Aufgaben wieder vor sich hatte, die Last der Politik. Aber einmal im Haus, war das vorbei.

Unten im Schulhof bekamen wir einen großen Empfang. Obwohl ich nur einen Begrüßungsschal bestellt hatte, bekamen wir beide je 20. Wir konnten kaum mehr die Nase aus dem Stoffberg halten. Es wurden ellenlange Reden gehalten, wie bei einer kommunistischen Veranstaltung. Das Mikrophon glühte. Woraufhin ich meine Rede knallhart kürzte: „Wir hatten einen Bürgermeister in Pegnitz, der berühmt war für seine Reden. Weil sie kurz waren und lustig. Er sagte immer: Der Zuhörer muss was davon haben; er muss weggehen und sagen: ,Das war jetzt toll, da  hat sich‘s gelohnt, hinzugehen.‘ Dieser Bürgermeister bat immer den Mann neben seinem Stuhl, ihn mit dem Fuß anzuhauen, wenn zwei Minuten um waren. Dann stoppte er. Das mache ich jetzt auch. Meine Rede ist um.“

Deek Dhan, der neue Englischlehrer, strahlte. „That was a strong speech, Sir!“

Kul kehrte danach zu seinem Alltag zurück, sprich ins Multi-Tasking:  Müsli für mich machen, Wäsche aufhängen; über die Felder gehen; Stachelschwein-Zaun erläutern; Rudras Heilpflanze beäugen, die er ihm geschenkt hat;  Gemüsefeld betrachten; süßen Groundapple als Futter an die zwei Pflugochsen geben, Apfelbaum inspizieren, einen Gurkha-Baum-Samen pflanzen, den er hinter Kathmandu aufgelesen hat. Diese Bäume schießen schnell. „Von dem Laub können unsere Kinder in 15 Jahren viele Ziegen halten. Ich hab außerdem selber 400 Bäume für Holz gepflanzt. In sechs Jahren kann man die sägen.  Das bringt gutes Geld. Andere können das kopieren.“

Für den Bühnenbau für das große Fest hatte Kul übrigens jedes Dorf um einen Baumstamm gebeten. „Das ersparte uns einen Kahlschlag.“

15.

Die Frauen der Webgruppe von Angpang sind frustriert. Weil sie ihre Stoffe nicht verkaufen können. Zusätzlich mussten ihre drei Gruppen in einen Betonkeller unter dem neuen Marktgebäude ziehen. Damit ist das loft-artige Dachgeschoss mit seiner schönen Holzverkleidung und dem Licht passe. Ich schlage Kul vor, er soll Farbe kaufen, dann streiche ich die Betonwände. Und auf den Boden müssten wir Holzbretter legen, weil die Frauen immer auf dem kalten Beton  sitzen, um ihre Garne umzuspulen.

Kul erzählt, dass zwei der Frauen einmal geholt wurden, um anderen Frauen in einem entfernten Dorf ihre Webtechnik zu erklären. Jeder ist stolz darauf, aber es bringt den Absatz nicht voran. Beim großen Angpang-Fest versprach immerhin ein Beamter, maschinengewebte Stoffe abzunehmen. Deshalb besuchte ich später mit Kul eine Webfabrik in Bhaktapur, 15 km östlich von Kathmandu, um solche Maschinen in Aktion zu sehen.

Diese Fabrik gehört einen schlanken, großen Mann, immer lächelnd, immer eine Sportmütze auf dem Kopf. Die Fabrik  ist eher eine luftige Scheune (oder zwei oder drei, ineinander verschachtelt). Zwei Frauen sitzen an einer Wand und zwirbeln weiße Baumwollberge. Andere zerfasern am Boden blau gefärbte Wollfetzen, um Filzjacken daraus zu machen. Ihr tolles Design kommt aus Holland: Die Fabrik macht nichts für Nepal, sondern exportiert nur.

Wieder andere Frauen beherrschen den Siebdruck. Vier  nähen kunstvoll an Maschinen. Eine Frau ist für den Zuschnitt da. Eine andere bedient uralte Webstühle – keine Webmaschinen.

Abseits stehen auch still und verstaubt zwei stabile Holzwebstühle, die als Geschenk aus Europa kamen: Eine holländische Dritte-Welt-Firma gewann sie als Preis für die guten handgemachten Nepal-Stoffe dieser Firma. Irgendwann werden diese Webstühle wieder benützt, versichert der freundliche Juniorchef – wenn der Umbau der Fabrik geschafft ist.

Keshar Prajapati, der Eigentümer, zeigt, was seine Frauen alles herstellen: Kissenbezüge, Rohseideschals, Wandhänger für Stifte, Untersetzkissen für Klangschalen („sie machen 40 % unserer Produktion aus, für einen Deutschen“), Pantoffeln aus traditionellen Nepalstoffen, Baumwolltragetaschen mit Aufdruck (-zig Firmen aus Europa bestellen hier, weil eine nur 90 Cent kostet), stabile Segeltuchtragetaschen (4 Euro).

Der Designer der Holländer kommt alle halbe Jahre und bringt neue Modeideen. Wir erfahren hautnah, wie sehr man an den geringen Herstellungskosten verdienen kann. Aber die Frauen haben immerhin Arbeit.

Wie wichtig das ist, hören Kul und ich am vorletzten Tag in Kathmandu. Da entdecke ich „Local Womens Handicrafts“, das Geschäft einer Frauenrechtsbewegung. Es liegt direkt gegenüber der „French Bakery“, die in jedem Reiseführer steht.

Ein schmales Mädchen, ganz jung, erklärt den Touristen in bestem Englisch, wie 35 Frauen in einer Fabrik Taschen und Geldbeutel und Kleider herstellen, um vom Erlös zu leben. Sie erläutert auch die Unterdrückung der Frauen durch den Hinduismus, durch die Männer. Ein Beispiel ist die Menstruationsphase. Dann dürfen Frauen sechs Tage lang nicht aus einem dunklen Raum gehen, dürfen nichts in der Küche anfassen, auch nicht die Erde berühren. „Sind wir so schlecht?“

Sie geht deshalb extra  in die Regierungsschulen („Privatschulen sind schon aufgeklärter“) und bringt den Mädchen ein Paket mit Mehrweg-Menstruationseinlagen, waschbar und dicht. „Die Mädchen auf dem Land haben nichts. Kommt die Blutung in ihrer Schulzeit, hilft ihnen niemand. Die Männer sagen: Ach, das geht schon. Aber Schmutz dringt ein und sie entzünden sich.“

In dem Paket steckt auch ein Zettel, der die Mädchen ermutigt, die Religionszwänge zu ignorieren. Sie sollen selbst arbeiten und unabhängig sein von den Männern. „Schauen Sie mich an: Ich bin die Spezialistin für die Blumenornamente auf der Tasche hier. Die sticke ich. Von dem Geld kann ich leben. Ich brauche nicht mehr zu heiraten, um zu überleben.“

Kul hört ihr nur ungern zu. „Die Frauen sind bei uns nicht unterdrückt“, sagt er  zweimal. Er will missmutig weitergehen, aber ich bleibe stehen. Plötzlich sagt er doch: „Sie haben in allem vollständig recht.“ Fügt aber hinzu: „In Bezug auf die Frauen des Terai.  Die Frauen in den Bergen haben genug Rechte.“

Das Terai ist das Flachland von Nepal nach Indien. Dort kommt das Mädchen her. Sie hat die Gesichtszüge der Inder.

Das Mädchen sagt: „Jedes Jahr bringen sich bei uns zwischen 15 und 20 junge Frauen um, weil sie verheiratet werden ohne Mitgift. Ihre Eltern haben sich verausgabt mit der Bezahlung der Schule und der Ausbildung. Sie können die Mitgift nicht mehr bezahlen. Sie geben ihre Töchter zum Ehemann, und dessen Familie behandelt sie dann wie einen untersten Menschen. Verzweifelt  vegetieren sie dahin oder bringen sich um.“

Kul bestätigt das. Er nennt noch einen zweiten Todesgrund für Frauen im Terai: Sie werden als Hexen verfolgt und umgebracht. „Auch bei uns in den Bergen gibt es diese Hexenverfolgung durch die Männer. Sogar in Angpang. Aber ich habe das verboten. Ich will das Wort ,Hexe‘ nicht hören. Wenn eine Frau in so einen Ruf gerät, dann aus Versehen.“

Der Amerikaner Broughton Coburn schrieb zwei Bücher über eine alte, weise Frau – genannt Aama – aus Nepal. Sie lebte südlich vom Pokhara-See in den Hügeln. Ihr Volk sind die Gurung. Sie erzählte ihm, wie die Männer nachts Frauen jagen, denen sie Hexenkünste nachsagen. Diese Frauen können sich nur auf den Friedhof retten. Vor dessen Grenze lassen die Verfolger ab.

Aama berichtete ihm auch, wie lange es Sklaven gegeben hat in den Familien. Sie wurden verkauft wie Vieh.  Kul: „Das gibt es heute noch, im Terai.“

16.

Wir fahren von Angpang mit dem Jeep nach Salleri, in die Kreisstadt, und noch zwei Kilometer weiter nach Phaplu, um von dort drei Wochen ins Everestgebiet zu wandern. Kul hat alles ausgerechnet: Danach schafft er es nämlich noch haarscharf, für  seine Wahl zu kandidieren.

Im Jeep erreicht ihn ein Anruf: In Angpang wurde ein Mann tot am Weg gefunden. Kul schimpft, dass er nicht dabei sein konnte. Dann hätte er alles still geregelt. So rief jemand die Polizei. Der Mann muss deshalb ins nächste Krankenhaus zur Obduktion. Ein Riesenaufwand, der Transport und die Amtspapiere.

Unterwegs rumpelt der Jeep immer noch durch Erdrutsche vom Erdbeben von vor zwei Jahren. Wir kommen an Großbaustellen für ein Wasserkraftwerk vorbei. Riesige Rohre werden vergraben. Aber alles stoppte wegen eines Korruptionskandals, der in ganz Nepal Schlagzeilen machte.

Kul steigt kurz vor Salleri aus und sucht das Haus von Laghu Maya Rai. Sie ist eine gehbehinderte junge Frau, die er vor einem halben Jahr auf der Straße gesehen hatte. Auf ihren Händen und Knien kroch sie vorwärts. Er hatte überlegt, ob er sie ansprechen könnte, dreimal, und es dann mutig getan. Diese Frau, die aussieht wie 18, aber 28 Jahre alt ist, lebt jetzt in einem einfachen Haus für Behinderte.

Als wir ankommen, kriecht sie im Flur am Boden und blickt von unten hoch – mit einem so schönen Lachen, dass es Kul noch lange in Erinnerung ist. Mir auch.

Dieses strahlende Mädchen – sie sieht so jung  aus – kriecht in ein Zimmer und setzt sich auf eine Bank. Jetzt scheint sie vollständig gesund zu sein, ohne Probleme. Aber sie hat einen Hüftschaden, der verhindert, dass sie ihre Beine benützen kann.

Sie stammt aus einem Dorf weit entfernt. Ihr Eltern und Brüder sind dort Bauern. Um nach Salleri zu kommen, kroch sie drei Tage auf allen Vieren. Ihre Knie haben eine Hornhaut.

Jetzt begann sie eine Ausbildung als Lehrerin. Kul ist dagegen: „Wer stellt sie an, wenn sie im Klassenzimmer nicht stehen kann?“ Ich sage: „Du in Angpang, in deiner Schule.“ Aber er ist nicht überzeugt. Sie soll lieber für  Büroarbeit lernen.

„Kinder von Nepal“ ist jetzt  da, ihr finanziell etwas zu helfen. So kann sie vielleicht einen Mann bezahlen, der sie auf den Wegen trägt. Auch müsste man versuchen, ihre Hüften in Deutschland zu operieren.

17.

Von Phaplu (2400 m) laufen wir los, rauf nach Lukla (2840). Vorbei an einem Healthpost (Gesundheitsstation), aus dem ein kluger jüngerer Mann mit Brille kommt und Kul begrüßt.  Er ist der Leiter solcher Einrichtungen mit einem Büro in Kathmandu.

Ein Regenduscher kommt. Stunden später nerven einige Läuse oder Flöhe im Bett der Lodge (Dorfunterkunft). Es ist aber nicht so schlimm. Man kann sie schnell zerdrücken und zerreiben.

Dann kommen wir durch Taksindo (2930 m), ein etwas trostloses Dorf auf einem kleinen Berg. Ich erinnere mich an unsere Wanderung vor zehn Jahren, als wir umgekehrt liefen, von Lukla hierher und weiter nach Angpang hinunter (2450). Damals trafen wir eine einzige Wandergruppe mit Deutschen, sonst waren wir allein. Kul hatte mich damals gewarnt: „Wir gehen schnell durch Taksindo, du sprichst mit niemandem, das sind keine guten Leute.“

Im Wald, wo jetzt der Regenduscher war, hatte er mir einen Holzstock gegeben und selbst einen Knüppel genommen. Gegen die Räuber. „Da gibt es oft Überfälle.“

Jetzt geht es wieder runter ins Tal und rauf. Wir treffen  dauernd Wanderer, zum Beispiel einen langen lustigen Spanier, der vorher mit seinem Fahrrad von Neu Delhi kam und damit auch am Annapurna unterwegs war, aber  wegen Schnees aufgab. Oder einen heiteren irischen Rentner, der genauso von Neu Delhi herradelte. Und Sören aus Aachen, einen freundlichen jungen Mann, der mit zwei robusten Brasilianern läuft. Sören hat Gefühl für die Nepalesen. Er erlebte beim Mittagessen, wie eine deutsche Trekkerin viel bestellte für ihre Gruppe und sich dann weigerte, die elf Euro dafür zu bezahlen. Zehn wären doch genug, machte sie der Wirtin klar. Zehn Euro sind doch viel Geld für einen Nepalesen? Das reicht. „Die Wirtin war perplex. Sie verstand es nicht.“

Wir treffen einen reichen Japaner,  vollständig in Synthetik gekleidet, schwarz. Bei der Hitze ist das Selbstmord. Er hat eine super Landkarte, auf der er sich von den Gastwirten eintragen lässt, wo er solide, mit etwas Luxus,  schlafen kann. Wir hingegen suchen immer die einfachsten Dorfhäuser. Oder Lodges, mit deren Besitzern Kul verwandt ist. „Ich hab eine riesige Verwandtschaft. Ich bin fast mit jedem verwandt.“

Er trifft auch jeden Tag Männer, die ihn kennen. Strahlend und lachend laufen sie auf ihn zu. Es sind Trekking-Kollegen oder Porter, mit denen er früher zusammen war. „Manche kenne ich gar nicht mehr, aber sie kennen mich.“

Der Weg hat inzwischen sogar Wegweiser und einen kleinen rosa Ring, immer  auf Felsen gesprayt. Wahrscheinlich diente er einmal dem Marathon, der erst von Kathmandu nach Namche ging, dann von Jiri ins Everest-Basecamp und jetzt von Namche zum Basecamp. Eine Frau aus Nepal gewann öfter. „Jetzt läuft sie sogar in Frankreich und Italien. Da siehst du, wie man als Nepali hoch kommen kann.“

Eine Frau aus einem Dorf weit oberhalb war fit beim Everest-Besteigen. Aber sie ist ein kommandierender  Typ. Keiner kann sie leiden.

Ein reicher Mann aus dem nächsten Dorf hatte einen Taugenichts von Sohn, immer am Raufen. Zweimal gab es hohe Strafen. Dann war die Familie ruiniert. Ihr Haus verfällt gerade.

Unweit davon bessert ein junger Mann gerade die Stufe unter der Klotür aus. Er lebt sonst in New York und ist auf Heimatbesuch: „Ich hab eine Greencard für die USA.“

Im nächsten Wald treibt eine alte, hutzelige schmale Frau drei Kühe durch die Büsche. Ich denke mir: Von ihrem Gesicht her könnte sie noch zaubern, eng verbunden mit den Pflanzen und Bäumen, wie sie scheint.

Kurz vor Lukla, als ich total verschwitzt beschlossen hab, nie mehr meinen Rucksack (10 Kilo) selbst durch diese Hitze auf diesen wirren Felspfaden hoch zu tragen, landen wir in einer Herberge, die gerade zurechtgezimmert wird für Touristen. Drum ist dort noch Platz, sonst ist alles voll.

Deshalb will Kul nie Träger organisieren, weil er oben am Everest, mitten in der Saison (März/April), leichter mit zwei Leuten unterkommt als mit drei. Außerdem gibt es Träger, die meckern und ihren Stiefel machen und einfach abhauen.

In diese Herberge stolpert im Dunkeln ein erschöpfter Stefan aus Holland, ellenlang. Er stößt sich gleich den Kopf an. Komplett kaputt, bittet er um irgendeinen Schlafplatz, auch auf dem Boden, weil die Lodges weiter  vorn alle voll sind. Er lief in einem Schuss von Namche (3440 m) herunter, über Lukla, was normalerweise ein Zwei-Tages-Marsch ist. Er will später noch nach China, jene Felsen besuchen, wo die Drachenflug-Szenen des Films „Avatar“ gedreht wurden. Und nach Vietnam. Fünf Monate hat er.

In dieser Nacht muss ich raus aufs Klo vor dem Haus. Danach träume ich, dass ich auf diesem kurzen Weg von einer Fremdzivilisation erfasst worden bin. Ähnliches hab ich auch schon bei uns schon erlebt, beim Zelten draußen. In den Träumen sieht man dann diesen Zugriff. Es ist ein uraltes Phänomen, das schon die Kelten erlebten. Die Nepali sprechen ängstlich von „Blutsaugern“. Ich hatte es schon vor zehn Jahren zweimal im Himalaya durchgemacht, nachts in Angpang, auch auf dem Weg zum Klo.  Interessante Sache, von der auch andere Menschen berichten. Ich las einmal ein gutes Buch dazu, von Heinke Sudhoff. Wir sind also nicht unbeobachtet auf unserer Welt.

18.

Beim Weiterwandern queren wir kleine Erdrutsche unterhalb von Lukla, dem berühmten Flugplatz für die Everest-Wanderer und Bergsteiger. Edmund Hillary schreibt in seiner Autobiographie humorvoll davon, wie er diesen Hang mit Hilfe der Bauern clever einebnete.

Kul erzählt jetzt, dass eine Straße geplant ist bis kurz vor Lukla. Aber dann haben alle Lodges entlang des Wanderwegs, wo wir jetzt laufen, ausgedient. Arbeitslose stehen künftig da, Menschen mit Schulden, weil sie so viel  investiert haben.

Bevor wir auf den Wanderweg von Lukla nach Namche stoßen, kommt uns ein europäisches Mädchen entgegen, vielleicht 19.  Ganz allein läuft sie mit ihrem roten Rucksack bergab, lächelnd, fröhlich, mit einer leicht flatternden Klorolle links am Gepäck, weiß in der Sonne leuchtend.

Oben treffen wir jetzt alle Touristen, die von Kathmandu her eingeflogen sind und auch  nach Namche hinauf wollen. Es sind seltsame Menschen: fast keiner lacht. Mit mieseriger Miene staken sie an ihren Stöcken über die unebenen Steinplatten. Eingepackt sind sie vollkommen getreu dem Rat ihrer Outdoorläden:  Buntes Plastik von oben bis unten, Mundschutz dazu, Sonnenbrille – der perfekte Mondmensch.

Einige haben Träger engagiert. Die schleppen überdimensionale Großraumtaschen. „Sie sollten 20 Euro am Tag verdienen“, sagt Kul, „und bekommen bloß zwischen 12 und 18. Ich traf mal einen Träger oben an den Gokyo-Seen, der für 7 Euro pro Tag mitgegangen war. Ich hab ihm gesagt: Das reicht doch nicht einmal für dein Schlafen und Essen?“

Vielleicht haben auch diese Träger einmal ausgedient. Kul spricht schon von einer Seilbahn nach Namche, hinauf auf die 3400 m.

Wir übernachten hinter Phakding, das vor zehn Jahren ein Bauerndörfchen war. Jetzt ist es ein boomendes Zentrum mit -zig Lodges und zwei Billard-Sälen und einer Schnapsbar und Discomusik. Rundum haben neue Hotels aufgemacht, teils  luxuriös gebaut. Und leer. Obwohl angeblich in der Hochsaison (März/April und Oktober/November) täglich 750 Touristen ankommen.

Wir schlafen 1,5 km weiter in der ganz einfachen „Mera-Lodge“ am Ufer des Dukhosi-Flusses, bei einem herzlichen alten Ehepaar. In dem Fluss bade ich später beim Runterweg. Sein Wasser, das so klar über die Felsen schießt, stinkt etwas.

Die letzte Hängebrücke ist neu, hoch über die alte gehängt. Der Trick beim Drübergehen ist immer, federnd zu laufen. Ihre Schwingungen mit den Knien abzufangen. Kul erzählt, dass sich niemand traute, diese Brücke zu bauen. Dann tat es der jüngste Bruder eines Verwandten.

Kul erzählt auch gleich von seiner Familie: Sein Großvater hatte mit seiner ersten Frau einen Sohn, den Vater von Kul. Dann lief diese Frau davon und der Opa heiratete wieder. Mit dieser Frau hatte er sechs oder sieben Söhne und viele Töchter.  Von den Jungs wandten sich viele nach Indien, um in den Ghurka-Armeen der Briten oder Inder zu dienen. Sie kamen nicht mehr, nur einer: Diesen Onkel bezahlte Kul dann aus, für seinen Erbteil des Landes.

Kul selbst hat zwei Brüder. Der ältere starb unerklärlich südlich von Haleshi. Der andere ist in Indien und rührt sich seit 20 Jahren nicht.

Er hat auch fünf Schwestern. Zwei starben: Eine, nachdem sie Büffelmilch getrunken hatte. Die andere war Harkas Ehefrau und gab ihm einen Sohn. Harka heiratete danach die jüngste Schwester von Kul.

Weil Kul der einzige männliche Sproß ist, der zuhause ist, musste er schon früh alles machen: Die aufwändigen Beerdigungen der Eltern arrangieren, alle Amtsdinge erledigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.