Als Lehrerin in Angpang 2013

Die Kinder malten sich selbst
Die Kinder malten sich selbst

Zwei Studentinnen aus Koblenz unterrichteten in Angpang, Caro aus Schweden, Carlotta aus Hamburg – und Marina Sandmaier, ebenfalls aus Hamburg. Marina war im September 2013 dort:
Ich bin gerade zurück von drei Wochen Unterricht in einer kleinen Primary School im bitterarmen Bergdorf Angpang in 2450 m Höhe in Nepal – 60 km entfernt vom Mount Everest. Die Fahrt dorthin: ab Kathmandu für 280 km in 20 Stunden über steinige, steile Pässe, durch Flüsse, durch tiefe Schlammspuren mit dem Jeep auf der erst seit 2 Jahren überhaupt existierenden „Straße“ – eine Tortur.
Wir unterstützen mit unserem kleinen Verein „Kinder von Nepal“ diese Schule für 117 Kinder, die der Sherpa Kul Dhoj gegründet und gebaut hat und mit ganzem Einsatz durch Trekkingtouren zum Everest Base Camp oder nach Tibet verzweifelt am Leben hält. Die nächste Schule ist 3 Stunden Fußmarsch entfernt. „Und ohne Schulbildung haben die Kinder keine Chance auf eine Arbeit“, sagt er. Durch seine Trekks haben wir ihn kennen gelernt und finanzieren mittlerweile 2 der 5 Lehrerstellen  – pro Lehrer ca.450 € im Jahr. Mehr als 3 Lehrer kann oder will die Regierung nicht bewilligen. Auch Schuluniformen für die Kinder haben wir finanziert, die sind kein Luxus. Die Kinder besitzen überwiegend nur Kleidung, die wir als Lumpen bezeichnen würden, und tragen Plastiklatschen. Jeden Sonnabend, dem einzigen freien Schultag, sieht man überall im Dorf die am Brunnen mit kaltem Wasser gewaschenen Uniformen auf der Leine hängen.
Ein Hilferuf von Kul Dhoj, dass seine willigen aber katastrophal schlecht ausgebildeten Lehrer Unterstützung bräuchten, hat mich – ich bin Lehrerin – diese Reise im September antreten lassen. Die Erfahrungen mit diesen sanften, freundlichen Menschen waren überwältigend!
Die Schule: kein elektrisches Licht, ungeheizt, keine Glasscheiben in den Fenstern, die Kinder sitzen auf Holzbänken ohne Lehne. Zerfledderte, teilweise unleserliche Schulbücher, Hefte, 1 Stift, pro Klasse ein Whiteboard. Das war´s an Unterrichtsmaterialen. Im Dezember haben die Kinder 1 Monat lang Ferien, weil es dann einfach zu kalt ist. Und schon jetzt hustete in jeder Klasse mindestens die Hälfte der Kinder und hatte Rotznasen (pardon – aber Taschentücher haben sie nunmal nicht).
Nur die Englischlehrerin spricht ein gebrochenes Englisch, mit den anderen Lehrern war eine Verständigung nur mit Händen und Füßen, dafür aber sehr fröhlich, möglich. Lesen konnten die Lehrer Englisch, aber nicht sprechen, nicht verstehen. Es gibt kaum Strom in Ostnepal – jeden Abend von 19.00 bis 7.00 Uhr morgens 3 Stromsparlampen pro Haus -, also auch kein Radio, kein Fernsehen, keine Computer, kein Internet. Keine Fortbildungen für Lehrer – wie auch? Also auch in der gesamten Region Solu Khumbu keine Vorbilder für eine vernünftige Aussprache. Ein bisschen Nepali habe ich gelernt, musste ich auch, denn einen Tag lang habe ich die kranke Kindergärtnerin vertreten, an 2 Tagen sogar in 5 Klassen allein den Englischunterricht übernommen. 3 der Lehrer mussten in einem Tagesmarsch Entfernung eine Prüfung ablegen, um im nächsten Jahr die Befähigung zu haben, in der Secundary School zu unterrichten. Die lässt Kul Dhoj gerade in Handarbeit mit Schaufel und Spaten von Dorbewohnern errichten – er selbst muss jetzt in der Haupttrekkingzeit wieder auf Tour gehen.
Da stand ich nun allein vor 5 Klassen – vor Kindern, die mich mit großen Augen freundlich anlächelten und Englischunterricht nur so kennen, dass sie im Chor – schrecklich leierig –  nachplappern, was ihnen die Lehrerin vorsagt. Nicht einen einzigen Satz konnten sie mir allein sagen, nicht einen einzigen englischen Satz haben sie von mir verstanden, selbst nach 4 Jahren Englischunterricht noch nicht! Also habe ich mit ihnen gespielt: eine weitere Bank als Verkaufstresen hereingeschleppt, mit meinem Handy, meinem Ring, einem Kuli, einem Buch, ein paar Bonbons  bestückt. Das wurde unser „Shop“, in dem sie  – zunächst ganz schüchtern, dann mit Begeisterung – „Verkaufen“ spielten, mit Sätzen, die ich zunächst an das Whiteboard schrieb. Sie wollten keine Ende finden beim Spielen!
„Rotkäppchen“ war eine Geschichte im Englischbuch der 5. Klasse; die Englischlehrerin Chini gestand mir, dass sie die Geschichte selbst gar nicht richtig verstand. Also haben wir auch „Red Riding Hood and the Wolf“ nachgespielt. Und auch „The Bad Landlord“, in der 3. Klasse.Jedes Kind wollte immer wieder mitspielen, auch nach 5 Tagen war das noch der Dauerbrenner und wurde ihnen nicht langweilig!

Für die Pausen hatte ich ein großes Springtau, ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, „Fang den Hut“, „Spitz pass auf“ und „Vier gewinnt“ mitgebracht. Die Gesellschaftsspiele musste ich immer den Lehrern entreißen, die kannten ebenso wie die Schüler keine Spiele.

Kann man sich vorstellen, dass ich bei diesen friedlichen Menschen in diesen 3 Wochen im Dorf nicht einen einzigen Streit unter Erwachsenen oder Kindern erlebt habe? Keine Prügelei? Keine lauten Worte? Auch wenn sie sie sich unbeobachtet glauben mussten, waren sie immer freundlich. Weinende kleine Kinder wurden sofort von älteren Kindern, Jungs wie Mädchen – nicht nur ihren Geschwistern – getröstet und herumgetragen. Quengelnde Kleinkinder, die bei den älteren Kindern mitspielen wollten, wurden selbstverständlich sofort mit einbezogen, auch wenn sie gar nicht richtig mitspielen konnten. Beim Volleyball zum Beispiel – den Ball hat unser Vereinsgründer im Mai mitgebracht.

Stundenlang könnte ich weiter berichten, das lasse ich hier lieber.
P.S. Kann man sich vorstellen, dass die Kindergartenklasse nicht ein einziges Spielzeug besitzt?? Die Kleinen sitzen auf Matten auf dem Fußboden vor einem Heft und einem Stift. Meine mitgebrachten kleinen Teddies und Autos, die weichen Bälle, die Luftballons, das Memoryspiel wurden mit Riesenaugen und mit Begeisterung in Beschlag genommen. Kein Kind in ganz Anpang kennt Spielzeug!
Ich wünschte, mir wären im Flieger mehr als 20 kg Gepäck erlaubt gewesen.

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