Bettina in Angpang 2014

Die neue Schule von Angpang
Die neue Schule von Angpang.

Jeder, der Englisch kann, ist willkommen, in der Schule von Angpang zu unterrichten. Bettina Borst, Pferdefreundin und Dolmetscherin aus Pegnitz, wagte es mutig – für vier Wochen.

Sie war bei ihrer Ankunft in Kathmandu entsetzt vom vielen Abgas und der Rücksichtslosigkeit im Verkehr. Jungs, die schnüffeln, um high zu werden; Hunde, die abends ungebändigt rauskommen; der Fluss eine schwarze Kloake. Weil jeder seinen Müll reinwirft und denkt: Der Bach bringt ihn schon weg.
Kul bestätigte ihr: Die Kathmandu-Bewohner sind selbstsüchtig. Hauptsache, ihnen geht es persönlich gut.

Für die Schule in Angpang hatte Bettina zwei Lern-Computer dabei (Englisch) und eine Becherlupe. Die musste sie aber selbst hernehmen und den Lehrern demonstrieren, sonst wäre sie im Archivschrank verschwunden. In diesem Schrank ruhen auch 50 Pack Buntstifte unbenutzt.
Die Lehrer versuchen, sich an ihre Bücher zu halten, deswegen ist keine Zeit für den Einsatz von Lupe oder Buntstiften. Was Bettina machen wollte im Unterricht, war ihr aber freigestellt.

Der Untericht beginnt mit dem Aufstellen der Kinder in Formation auf dem Hof und mit dem Singen der Hymne. Da ist ein bisschen Frühsport dabei, was Bettina aber unnötig fand, weil die Kinder sowieso dauernd rennen und von so weit herlaufen.

Kindergartenkinder sind auch da. Sie haben einen Extraraum und eine Betreuerin, aber ihr Raum ist praktisch leer bis auf ein paar Bilder an der Wand und eine Tafel, die extra tief hängt, weil ja jeder auf dem Boden sitzt.

Solange noch kein Lehrer in der Klasse ist, singen die Schüler ihren jeweiligen „class song“. Der Lehrer wird dann in der Klasse auf Englisch begrüßt, alle Schüler stehen auf und setzen sich erst auf die Aufforderung „Sit down“ wieder. So können schon die Erstklässler ein paar Worte Englisch. Weil die Lehrer so viel Verwaltungsarbeit machen, für die Schüler Bücher einbinden, sich über Vertretung fehlender Lehrer absprechen müssen usw., und weil so viele Behörenvertreter vorbeischauen, beginnt die erste Unterrichtsstunde oft erst um 10.30 Uhr und alle weiteren auch meist eine Viertelstunde später. Das Education-Department hat alle halbe Jahre neue Leute. Ein alter Sauerstoffzylinder vom Everest ist der Schulgong. Er ruft schnell wieder zur Pause. Manche Stunden haben so bloß 25 Minuten.

Es gibt keinen offiziellen Stundenplan, sondern nur einen Zettel dafür im Lehrerzimmer. Die Schüler wissen also nie, welches Fach dran ist, können höchstens eine Vermutung anstellen, je nachdem, welcher Lehrer gerade reinkommt. Hausaufgaben werden in den langen Pausen gemacht. Die Lehrer korrigieren ihre Stapel auch blitzartig. Trotzdem hörte Bettina von vielen Seiten: Angpang hat eine top Schule, weil kein Lehrer trinkt und alle gut ausgebildet sind und motiviert arbeiten.

Zwei Lehrerinnen können nur schwach Englisch und haben einen starken Akzent. IDie Europäer, die nach Angpang kommen zum Unterricht geben, haben immer nach dem Unterricht für die Kinder auch noch eine Stunde „Teach the teacher“ angehäng. Alle Lehrer haben da sehr motiviert mitgemacht – je nach eigenem Können halt. Verhältnismäßig gut spricht Lehrerin Chini. Aber für die Nepali sind „f“ und „sh“ schwer, z. B. in „fish“. Die Kinder rattern ihre Englischtexte beim Vorlesen runter, teilweise ohne den Sinn zu verstehen.

Es gibt didaktisch gute Schulbücher mit Liedern und Spielen. Die Spiele werden aber kaum gespielt, zumindest in den Englischstunden nicht, denn dazu müssten die Lehrer ja so frei Englisch sprechen können, dass sie ein Spiel in dieser Sprache anleiten können… In den anderen Fächern klappt das wohl wesentlich besser. Bettina hörte durch die hölzernen Fensterläden der Klassenzimmer oft begeistert mitarbeitende Schüler.
Der so gute Lehrer Babu, den Kul als Kind rettete (er war schwerkrank und konnte kaum laufen, von den Eltern hinten in einem Zimmer gehalten – Kul sorgte dafür, dass die Eltern ihn endlich zum Arzt brachten, indem er ihnen klar machte, dass sie sonst schon mal seine Verbrennung vorbereiten könnten), opfert 3 Stunden zusätzlich, um schwachen Kindern Nachhilfe zu geben.

In die neue 6. Klasse kommen auch Kinder von außerhalb. Dort sind Kinder zwischen 11 und 16 Jahren. Das kommt, weil die Kinder auch schon mit 3 Jahren in die 1. Klasse kommen können (z. B. Dipesh, der ältere Sohn von Chini; mit 5 kommen die Kinder im Schnitt in die Erste). Die Enkelin von Kul, Manila, ist auch in dieser 6. Klasse.
Die Sechstklässler haben als neues Fach Computer & Wissenschaften. Ein Buch zeigt dazu alles, weil man durchaus damit rechnet, dass in einer Schule keine Computer zur Verfügung stehen. Babu, seit 9 Monaten da, ist da sehr firm und begeistert. Er hat eine Ausbildung in Computerwissenschaften und ist auch didaktisch sehr geschickt.

Bettina unterrichtete vier Wochen in Angpang. Sie wird verabschiedet.
Bettina (Mitte) unterrichtete vier Wochen in Angpang. Sie wird verabschiedet.

Bettina unterrichtete auch und bekam Klassen. Die 2. und 3. sind in einem Raum, weil mit 6 Klassen, aber 5 Lehrern, natürlich ein Lehrer fehlt. Sie fand sehr liebe Kinder, sehr diszipliniert. Alle Kinder haben Bücher für jedes Fach, für die Pflichtfächer werden die Bücher vom Staat bezahlt. Für die Wahlfächer sponsern notfalls die Lehrer den Buchkauf. Einmal kauften die Lehrer Radiergummis, weil es daran mangelte. Bettina schnitt dann jeden Radiergummi in mehrere Teile, weil sich mehrere Schüler einen Gummi teilen sollten und es doch eine Weile dauerte, wenn mehrere Schüler radieren wollten.

Der Unterricht geht von Sonntag bis Freitag (Samstag ist Feiertag) von 10 bis 16 Uhr. Bis März 2014ging er am Freitag nur bis 13 Uhr. Doch ein Regierungsplan fordert, mehr zu tun, und so hatten die Kinder ab dem neuen Schuljahr, das im April losging, auch Freitag den ganzen Tag Schule. Am ersten Freitag klappte das noch nicht, die Schüler stürmten zur Mittagspause jubelnd nach draußen, um nach einer Runde Spielen nach Hause zu gehen. Als die Lehrer ihnen erklärten, sie müssten noch in der Schule bleiben, war das aber auch in Ordnung.

Die Schulerweiterung um 3 Klasszimmer war schwer, weil alles am Hang steht und dort 5 m aufgeschüttet und aufgemauert werden musste. Momentan ist alles bis auf den Boden fertig, und die Möbel müssen noch gebaut werden, denn das machen die Männer des Dorfes selbst. Der Rest kommt, wenn wieder mehr Luft ist: Die bessere Wasserenergiegewinnung wird nämlich gerade gebaut und nach einem Regierungserlass braucht jedes Haus ab August ein Klo, was auch fleißig gebaut wird.

In einem Erstklässlerzimmer brach ein Balken im Boden. Jetzt überlegt Kul, alle Böden zu zementieren. Ein Teil des Materials dazu ist schon vorhanden, denn auf dem Schulhof liegt noch Material, das zum Bau der neuen Klassenzimmer ausgebaggert wurde und nun zum Auffüllen der Böden verwendet werden kann. Aber trotzdem rechnet Kul mit etwa 320.000 Rupien.

Alles Baumaterial muss mit primitiven Holzkraxen auf dem Rücken angeschleppt werden. Ein Senior CCraftsman verdient 950 R (8 Euro), ein jüngerer 650 R am Tag. Verglichen mit 350 Rupien für eine Frau, die im Straßenbau mitarbeitet, oder den 50 Rupien, die man Kul für selbst geflochtene Bambuskörbe angeboten hatte, für die er pro Stück etwa 6 Stunden braucht, ist das eine Menge!

Im ganzen Dorf sah Bettina kein Fahrzeug und noch nicht einmal eine Schubkarre. Die Verbindungswege zwischen den Häusern im Dorf würde man bei uns als hochalpine Pfade bezeichnen. Deswegen kann man alles nur auf dem Rücken transportieren.

Bettina war in Anpang am meisten von den webenden Frauen beeindruckt. Kul Dhoj hatte dafür einen Weber aus Kathmandu geholt, der ihnen alles erklärte, und es war für Bettina äußerst beeindruckend, wie es den Frauen gelang, mit einfachsten Holzteilen und Bambusstücken funktionierende Webstühle zu bauen und in kürzester Zeit perfekte Schals und Decken herzustellen.
Die Webstühle der ältesten und bisher größten Gruppe von Weberinnen stehen in einem Raum der alten Schule. Eine andere Gruppe hat ihre Werkstatt im Dachboden des Hauses einer der Schullehrerinnen. In nur drei Tagen ist ein großer Schal fertig. Kleine gibt es genauso und auch Mini-Teile (2 x 5 cm) mit eingewebter nepalesischer Schrift, z. B. „Glück“ oder „Grüß Gott“. Als Abschiedsgeschenk für Bettina webten die Frauen auch Taschentücher.
Die Mini-Teile wollte Margaretha Brendel ihren Charity-T-Shirts anhängen, die sie als Modedesignerin (Marke „Pezzo d´oro“ von Maaks-Designerhouse) für Angpang verkauft.
An einem breiten Schal sitzen schon auch mal zwei Frauen an einem Webstuhl, aber auch das Gegenteil gibt es: Bettina sah eine Weberin, die auf einem Webstuhl gleich zwei verschiedene Schals nebeneinander webte.

Bettina vermutet, dass die Frauen genauso Schmuck herstellen können, oder Papier bzw. Bucheinbände aus einer bestimmten Baumrinde klopfen, was eine uralte nepalesische Technik ist. Kul flicht ab und zu Körbe aus gespaltenem Bambus (Weide ist unbekannt), wofür er 5 Stunden braucht und nur 50 Rupi bekommt: 0,5 Euro. Es wäre bestimmt gut, wenn die Schule ein Unterrichtsfach hätte wie „altes Kunsthandwerk“.

Kul hat jedenfalls klar erkannt, dass die Schulbildung der Kinder nur die Grundlage für Weiteres ist. Wenn die gebildeten Jugendlichen im Dorf bleiben sollen, brauchen sie Arbeitsplätze im Dorf. Kunsthandwerk sieht Kul durchaus als Möglichkeit, aber wie man die Sachen verkaufen soll, dafür sieht er noch keine Lösung.

Die Weberinnen arbeiten in drei Gruppen. Eine Gruppe verwendet nur Baumwolle, eine andere arbeitet mit Wolle. Das Garn kaufen sie allerdings in Kathmandu. Enttäuscht waren die Frauen, dass sie für ihre Mühe auswärts für einen Schal nicht 900 Rupi bekamen (7,80 E), sondern nur 600 R geboten wurden. Diesen Billigpreis lehnten sie ab und verkauften nicht. Bettina nahm aber 13 Schals mit für je 1000 Rupi.
Es gibt sie nun beim Pegnitzer Adventsbasar.

Bettina erfuhr durch viel Nachfragen, dass Jungs durchaus „Berufe“ lernen können (allein durchs Mithelfen werden sie Zimmerer oder Maurer), aber Mädchen außen vor gelassen werden. „Kann nicht jemand auch den Frauen was beibringen?“, fragte sie. Und hörte: „Die wollen nicht.“ Bettina: „Die Männer sind flexibler. Sie kochen auch.“

Wollen Mädchen in eine gute Ausbildung, wie zum Beispiel Kuls Tochter in den Arztberuf (sie hatte die guten Medizinnoten dafür), dann stoppt eine Uni-Gebühr von 150 000 R (1350 E). Den doppelten Betrag verlangt dann noch der Verwalter. „Die Korruption ist ein großes Problem. Beamte tun nichts ohne Geld.“

Von den verschiedenen Völkern Nepals besetzen die Chetri die Beamtenränge. Die Magar ( =Angpang) hören von ihnen nur: „Zahl erst mal.“
Sie bleiben den Magar im Vorgebirge nur die Landwirtschaft („Die Kartoffelfelder sind sehr gepflegt“), die Viehhaltung und die Hoffnung auf eine Straße ins Tal, so dass sie per Bus ihre Ernte verkaufen können.

Um ihre Häuser zu verbessern, verbanden die Angpang-Bewohner schon die Quellfassung per Schlauch zu ihren Höfen. Reißt einmal ein Schlauch, wird er mit zwei Nägeln wieder zusammengesteckt. Die Bewohner nutzen das Wasser ganz unterschiedlich intensiv: manche haben ein großes Waschbecken direkt in der Küche und sogar einen Wasserhahn im Toilettenhäuschen, andere nutzen Gemeinschafts-Wasserhähne, die an einem Wäschewaschplatz angebracht sind, jeweils in einiger Entfernung von den Häusern.

Ein einfaches Wasserkraftwerk (hydropower) versorgt seit sieben Jahren 80 Haushalte mit Strom. Jetzt ist ein neues angelegt, das 120 Häuser bedient. Sparlampen und Handy-Ladegeräte hängen dran. Denn Handys sind trotz der Armut verbreitet. Sogar jede Oma mit ihrem alten Turban auf dem Kopf zieht eins aus der traditionellen Bauchbinde. Wenn sie kein eigenes hat, hat sie zumindest keinerlei Problem damit, eines zu benutzen, wenn ein jüngerer Verwandter es ihr in die Hand drückt.
Ein Sendemast, von Japanern gestiftet, steht in Patale (1,5 Wegstunden entfernt) auf einem 3800 m hohen Berg. In Patale ist auch die nächste Gesundheitsstation. Um eine für Angpang zu erreichen, muss eine Lizenz erworben werden. Erst dann kann man eine Krankenschwester einstellen.

Bettina traf in Angpang auf drei durchwandernde Schotten, ein Arztehepaar mit seiner Tochter, die drei Tagesreisen weiter ein Dorf mit einer Gesundheitsstation unterstützen. Diesen Ärzten war es auch ein Anliegen, jede Küche im Dorf mit einem kleinen eisernen Ofen inklusive Kamin auszustatten, damit die offenen Feuerstellen verschwinden (weil man traditionell keinen Kamin verwendet, durch den böse Geister ins Haus kommen könnten). Sie sagten, die rauchenden Feuerstätten in den Häusern sind der wichtigste Grund für die so häufigen heftigen Atemwegserkrankungen der Menschen in den nepalesischen Bergdörfern.

Angpang
Angpang

Arzneipflanzen gibt es, so Kul, im Wald. Es sind Bitterpflanzen, die getrocknet werden und auch Geld einbringen. Er möchte sie auf dem Feld anbauen und mehrere andere Bauern in Angpang für dieselbe Idee begeistern, damit sie zusammen eine größere Menge zu einem besseren Preis verkaufen können. Sie können die Jungpflanzen aus dem Wald nehmen, sie auf dem Acker anbauen und dort mehrere Jahre ernten.

Von der in Maidane getesteten Idee, eine Fischzucht zu beginnen wie in der nächsten Kleinstadt Kerung, hielt Kul nicht so viel, weil man da immer dran bleiben muss (was nicht so die Nepali-Sache ist) und keinen Absatzmarkt hat.

Bettina dachte noch an Shops in den Dörfern, wie in Jambesi, und an Hotels für Trekker. Aber Kul berichtete ihr, dass die Touristen zwar vor 20 Jahren für drei Wochen kamen, aber jetzt oft nur noch eine Woche. Und gut zu Fuß sind sie auch nicht mehr. Sie wollen in ein paar Tagen möglichst viel von Nepal sehen und fliegen lieber so nahe wie möglich an den Everest heran, als lange zu laufen.

Kul erzählte ihr auch von dem schweren Everest-Unglück im Frühsommer, bei dem 16 Nepali starben. Kul kannte zwei der Sherpas. Die anderen wurden ausgeflogen und kamen ohne Gewinn heim.

Kul hatte gehofft, dass Bettina etwas Geld von „Kinder von Nepal“ für die Spar- und Kredit-Gruppe von Angpang mitbringt. Diese AG beschäftigt drei Leute und arbeitet sehr gut, hatte sie den Eindruck. Deshalb kommen auch schon Bauern von außerhalb, um sich hier ohne die horrenden Zinsen Geld zu leihen für ihren Hausbau.
Diese neuen Häuser sind extrem wichtig, so Kul, weil sie die Leute auf dem Land halten. Können sie nicht preiswert bauen, ziehen sie nach Kathmandu. „Kathmandu ist das Land der Verheißung“, so Bettina.

Zur Hygiene in Angpang lernte Bettina: es gibt keine Waschmaschine. Die Wäsche wird von Hand an den öffentlichen Waschplätzen gewaschen. Aber seit August ist ein Klo an jedem Haus Pflicht. Dafür gab es eine Kampagne vom Staat und dann eifriges Bauen.
In den „modernen“ Klohäuschen gibt es sogar WCs aus Porzellan, allerdings sind das die flachen „Hock-Toiletten“ im Boden, wie sie in Asien üblich sind. Im Toilettenhäuschen kann man auch duschen, dann dient die Toilette als Wasserabfluss. Zum Duschen schöpft man mit einem Henkelbecher Wasser aus einem Eimer. Bettina bekam dazu Wasser über dem Küchenfeuer warm gemacht. Keinem anderen Familienmitglied war dieser Luxus vergönnt.
Weil das Trockenmauerwerk der Klohäuschen nicht dicht ist und die Fensteröffnung keine Scheibe hat, stand Bettina im kalten Wind, wenn sie bei Kul zum Duschen ging. In der Kreisstadt Saleri sah sie, wie ein Mädchen von vielleicht fünf Jahren von seiner Mutter am Straßenrand aus dem Eimer geduscht wurde. Mit kaltem Wasser natürlich.

Die Haare wäscht man an einem sonnigen Tag, zum Haarewaschen gehen alle auf den Hof, auch zum Läusekämmen. „Aber das Kämmen hält die bloß in Schach; Läuse hat man einfach.“ Manchmal hilft auch Haareschneiden. Aber ein gewisser Schmutzgrad ist einfach da. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, ziehen sie die Uniform aus und ihre schmutzige Alltagskleidung an. „Sie machen sowieso alles wieder schmutzig, also können sie auch gleich schmutzige Sachen anziehen.“

(auf die Zahl unten klicken, dann kommt ein kleiner Film vom Dreschen:)

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Zum Tagesablauf notierte Bettina, dass sich in Angpang Teetrinken und Arbeit abwechseln. Um fünf Uhr, nach dem Aufstehen, trinkt man Tee und erledigt dann Stallarbeiten und Arbeiten rund ums Haus. Gegen 9 Uhr wird gefrühstückt, normalerweise Dal Bhat. Nach dem 17-Uhr-Tee wird wieder gearbeitet bis um 20 Uhr, der Essenszeit. Um 20.30 Uhr ist dann Nachtruhe.
Dal Bhat ist das Nationalgericht aus einer großen Portion Reis, einer kleinen Schale Linsensoße, und etwas Gemüse aus dem Garten oder dem Wald.
Fleisch gibt es selbst in Kuls relativ wohlhabender Familie nur etwa 10 Mal im Jahr. Meistens dann, wenn geehrter Besuch bewirtet werden muss. Dann wird ein Huhn geschlachtet. Es wird mit der kleinen Hausmachete, mit der man alles erledigt (vom Bambus spalten fürs Korbflechten bis zum Kartoffeln schälen), in kleine Stücke gehackt. Alles vom Huhn, auch die Knochen, wird gekocht und auch gegessen. Niemand legte etwas anderes auf den Tellerrand als die großen Knochenstücke, denn dünnere Knochen und Knorpel aß man mit. Kul war sehr erleichtert, als Bettina ihm sagte, dass sie ohnehin nicht oft Fleisch isst. Sonst hätte er sich verpflichtet gefühlt, sie öfter mit Fleisch zu bewirten.
Noch vor 25 Jahren bestand das typische Essen in den Bergen aus Mais, Bohnen und Kartoffeln. Die Reisindustrie setzte sich hier durch. Sie verkauft nur geschälten, weißen Reis, der die auszehrende Krankheit Beri-Beri auslöst. Den gesunden Vollkornreis hatten Kuls Großeltern noch, selbst angebaut. Er ist aber in Nepal nicht mehr zu haben.
In Angpang gab es, als Bettina dort war, keine Milch und keine Milchprodukte. Das Käsemachen beherrscht in Angpang niemand, sagt Kul. Die Rinder wirkten sehr drahtig, wie die Menschen auch. Offenbar haben die Kühe sowieso nur gerade genug Milch für ihre Kälber, für mehr reicht das Futter nicht.
Kuls Sohn Ashok ging jeden Morgen in den Wald und kam mit einem großen Rückenkorb voller Laubäste für den Ochsen wieder. Zum Pflügen leiht Kul sich einen zweiten Ochsen von seinem Bruder dazu.

Älteren Menschen bringt man in den Dörfern hohen Respekt entgegen. Wenn Ältere zu Besuch kamen in Kuls Haus, wurde ihnen sofort der beste (also der höchste) Schemel frei gemacht und gebracht. Als Bettina mit Kul seine 84-jährige Tante besuchen durfte, verneigte er sich fast eine Minute lang vor ihr. Sich um die alten Eltern zu kümmern, ist schon aus religiösen Gründen völlig selbstverständlich und wird genauso hoch geachtet, als ob jemand ins Kloster gehen würde.

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