Porträt von Sancha und Sarbajet

Ein Porträt von Sancha Maya Magar (83) und ihrem Mann Sarbajet Magar (84):

Er ist ein sehr humorvoller Mann mit klaren Augen und immer einem Schmunzeln. Er ist viel in Angpang unterwegs und wirkt sportlich, viel jünger als er ist. Seine Frau ist dagegen zurückhaltend und stumm.

Sarbajet erzählt: Seine Eltern stammen vom Dorf Chantakari bei Maidane, nicht weit von Angpang entfernt. Bei seiner Hochzeit war er 21 Jahre alt. Er kannte seine Braut nicht. Aber „it was okay“. In der Ehe gab es dann keine Probleme.

Er hatte sieben Brüder, von denen noch zwei leben. Einer zog nach Okhaldhunga, einer wollte kein Erbe, die übrigen fünf teilten sich das elterliche Land. Einer der Brüder hatte drei Frauen (und fünf Söhne von ihnen). Eine dieser Frauen lebt noch.

In Sarbajets Kindheit gab es auf der rechten Hangseite von Angpang (von oben gesehen) nur sechs Häuser, alle aus Holz. Vier bis sechs Menschen schliefen in einem Zimmer.

Es gab keine Straße und alles musste getragen werden. Zum Beispiel war es ein Dreitage-Marsch nach Süden, um nach Kathari zu kommen, um Kartoffeln abzuliefern oder Mais.

Sarbajet lief auch immer weit, um Bäume zu fällen, neues Ackerland frei zu brennen oder Kartoffeln zu pflanzen. Sein Besitz war weit verteilt. Gab ihm jemand Saatgut, teilte er seine Ernte mit dem Mann. Nur drei Leute hatten ein bisschen Geld, die anderen lebten vom Tausch. 2 kg Kartoffeln waren etwa 4 kg Reis wert.

Die linke Seite von Angpang hatte 13 Häuser und die erste Schule. Denn vor 52 Jahren sammelte ein Mann alle Kinder, um sie für ein paar Monate zu unterrichten. Jemand gab Land             und der Schulbau war möglich. Sarbajet hatte aber selbst keinen Unterricht. Es ärgert ihn aber nicht, dass er nicht schreiben oder lesen kann. Ich habe das Gefühl, dass er sogar ausgeglichener ist dadurch, mit mehr Zeit für das Naturleben.

Sein Opa war der Bürgermeister von Angpang, was aber nur ging, weil man die Bewohner des Gurung-Volkes vom Waldhang gegenüber dazu nahm. Denn erst ab 100 Familien konnte es einen Bürgermeister geben. In Angpang lebt hauptsächlich das Magar-Volk.

Nach dem Opa wurde dessen ältester Sohn zum Bürgermeister. Als der starb, folgte der Vater von Sarbajet als Zweitältester. Er durfte Steuern einnehmen und konnte davon leben. Als dann dieser Vater erkrankte, wurde der jüngste Bruder von Sarbajet ernannt.

Es gab kein Krankenhaus, nur die Schamanen. Aber jeder im Dorf hatte Kräuterkenntnisse. Zum Beispiel machte ein Onkel von Kul, der Vater von Rudra (der heute gleich neben Kul wohnt), immer eine sehr gute Medizin. Er kam, betrachtete sich den Kranken, mischte seine Kräuter und nach zwei Tagen war der Patient gesund.

Dieser Onkel, der vor vier Jahren starb, heilte zum Beispiel einmal einen der acht Brüder von Durga, dem heutigen Bankleiter. Damals war Kul 14 Jahre alt. Dieser Junge war fast tot. Der Onkel tippte auf eine innere Entzündung, die ihn so bewusstlos machte. Er sah ihm in den Mund, machte schnell seine Kräuter und gab ihm eine Flüssigkeit ein. Das war um 17 Uhr. Um 3 Uhr morgens wachte der Junge auf, als ob nichts gewesen wäre, und sagte zu seiner Mutter, als sei er nur im Spiel unterbrochen worden: „Wo ist mein Papierdrache?“

Zu essen gab es in Angpang nur Selbstangebautes. Wenige hatten gekochten Reis. Den gab es eigentlich nur bei Hochzeiten und Beerdigungen. Man musste einen Tag laufen, um Reis (paddy) zu holen. Der wurde dann schnell gedroschen.

Sieben Kinder

Sarbajet und Sancha haben sieben Kinder. Eine Tochter heiratete nach außerhalb, ein Sohn lebt in Kathmandu, drei Söhne sind hier. Der Vater schaffte es immer, allen Essen und Kleider zu geben.

Gefragt nach einem einschneidenden Erlebnis in seinem Leben, erzählt Sarbajet von einem Schneesturm vor 52 Jahren, im Januar, der bis ins Flachland nach Indien herunter Schnee brachte. Es dauerte fünf Monate, bis er geschmolzen war. Ein Mann starb damals. Man musste den Weg mit Brettern befestigen, damit man den Kranken tragen konnte. Holzhäuser brachen zusammen. Die Vorräte darin waren verloren.

Der Schnee reichte jeden Winter weit die Berge herunter, bis in die Reisgegend. Aber heute fällt kaum noch Schnee.

Geld für den Krieg abgeben

Sarbajet wurde in der Zeit des Erdbebens von 1934 geboren. Er bekam nichts vom Zweiten Weltkrieg mit, aber jede Familie musste damals zwei Kilogramm Mais abgeben und nach Okhaldhunga bringen fürs Armeecamp. Auch Geld wurde gesammelt und nach Kathmandu zur Regierung gebracht.

Sarbajet war sieben Mal in Kathmandu (einmal sogar per Flugzeug), erlebte dort aber nichts Besonderes. „Ich habe nicht den König gesehen.“ Nur brach einmal bei einer Fahrt ein Autoreifen und das Rad wurde vom nächsten Auto zur Reparatur mitgenommen.

Kathmandu war damals ein größeres Dorf in den Reisfeldern, voller Bambus und Pinien. Ochsen zogen ihre Pflüge in den Wasserterrassen. Die eigentliche Hauptstadt war Bhaktapur, 15 km entfernt und viel größer. Ein Freund von ihm verirrte sich dort einmal.

Der Weg von Kathmandu zum berühmten Verbrennungstempel Pashupatinat war eine schmale Straße in weitem Grün – heute voll bebaut.

Seine Eltern hatten Kathmandu nie besucht. Wenn jemand dorthin ging, dann sagte er: „Ich gehe nach Nepal.“ Denn das Tal der drei Königstädte wurde vom Volk der Newar beherrscht. „Nepal“ kommt von „Newar“.

Drei oder vier Mal lief Sarbajet zu Fuß nach Kathmandu, um Lasten hinzubringen und andere zurück. Das dauerte vier Wochen. Er hatte keine Schuhe und als Hose diente ein langer Tuchwickel um die Hüfte. Wenn es dunkel wurde, hielt er. Gab es kein Haus, schlief er unter einem großen Baum oder in einer Höhle.

Fünf Rupi pro Tag reichten ihm zum Essen und Schlafen. 50 Rupi konnte er pro Monat sparen. Trug er Alkohol, dann in einem Krug. 2,5 kg waren 25 Poissa wert; 100 Poissa waren eine Rupi.

In der Zeit der Rana-Herrscher war es verboten, eine Uhr zu haben oder Radio zu hören. Später kostete die Rundfunkgebühr 10 Rupi pro Jahr.

1950 gelang aber, was am Ende des Weltkrieges in Indien eingefädelt worden war: Das alte, seit 1848 wie gefangen gesetzte Shah-Königtum erhob sich heimlich und stürzte die dekadenten             Rana-Familien. Nepal machte sich auf den Weg zur Demokratie.

Die unterstützenden Sozialisten (Nepali Congress Partei) begannen mit ihrem Umsturz klug im fernen östlichen Hinterland, wo die Macht der Regierung nicht hinreichte. Es gab also Krieg in Okhaldhunga, der entfernten Distrikstadt. „Sie töteten viele Leute und begruben immer vier auf einmal“, sagt Sarbajet. Wer viel Mais hatte, musste davon den armen Leute abgeben. Ein Haus brannte in dieser Zeit der Revolution.

Heute: Wie im Paradies

Sarbajet arbeitete sein Leben lang hart. „Aber jetzt sieht alles gut aus, jeder ist zufrieden, alles ist so neu und schön. Es braucht fast keine Träger mehr und jeder bekommt mehr Lohn als früher.“

Früher gab es nichts, jetzt alles. Er hat sogar einen Fernseher, schaut aber nicht oft, weil ihn die Filme zu stark aufregen. Ähnlich erlebte er das erste Kino in Salleri, wo man für fünf Rupi ein paar Minuten zuschauen konnte. Wer 20 Rupi hatte, sah mehr. Eine Stunde war noch teurer.

Auch Kul erinnert sich, dass er, sein Bruder und zwei Freunde ihre Tickets in Kathmandu für eine Rupi kauften. Ein Sitzplatz kostete fünf Rupi. Sein Bruder sagte: „Eine Rupi reicht, der Film ist doch der Gleiche.“

Kul fürchtete sich, als er einen Tiger auf der Leinwand sah: „Der springt auf mich!“ In seinem Rasiersitz wurde ein Wasserfall bedrohlich: „Das Wasser packt mich!“ Nach drei Stunden war sein Nacken steif. „Ich konnte meinen Kopf nicht mehr bewegen.“

Hat Sarbajet Wünsche? Nein, weil er ja nichts mehr unternehmen kann. Als er jung und stark war, machte er alles, schleppte alles, ging mit Pferden und Büffeln um. „Jetzt habe ich keine Kraft mehr, kann bloß sitzen und essen.“ Würde er gerne reisen? Nein. Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Allein würde er schon aufbrechen, aber er kann seine Frau nicht allein lassen.

Was würde er der heutigen Jugend als Rat geben? „Ihr habt eine sehr gute Zeit. Aber lernt erst Lesen und Schreiben und studiert. Denn ich hatte nicht die Zeit             wie ihr heute.“

Keine Polizei

Ich frage noch nach den Raufereien in Angpang, weil es sie in jedem Dorf gibt, nach den Festen mit viel Alkohol. Sarbajet sagt: „Früher gab es oft Schlägereien, aber danach ging jeder seines Wegs, weil es keine Polizei gab.“ Großkämpfe von Dorf zu Dorf wie bei uns in Franken gab es nicht.

Kuls Urgroßvater unterlag einmal in einem Kampf und bekam einen Messerstich unter die Achsel. Der Fall kam vor Gericht. Aber der Richter befand: Ein Stich unter die Achsel zeugt nicht von Mordabsicht. Der Lohn des Richters war Jagdfleisch, welches der Urgroßvater ihm brachte.

Ruinöses Glückspiel

Populär war im Dorf immer das Glücksspiel. Kul erinnert sich, dass die Männer dafür von weit herliefen und auch ihr Land verspielten, wenn sie kein Geld mehr hatten. Seine Mutter verbot einmal seinem Vater, der beim Spiel gewonnen hatte, das Land des Verlierers anzunehmen, weil davon zwei Milchbüffel und sieben Kinder ernährt werden mussten.

Am Ende dieses Gesprächs erzählt Kul, mein Dolmetscher, dem alten Ehepaar, dass man bei einem Hausbau vor wenigen Tagen eine riesige Pinienwurzel ausgegraben hat. Sarbajet nickt: Solch große Bäume muss es also einmal in Angpang gegeben haben, vor ewigen Zeiten. Heute sind die Stämme höchsten 25 cm dick. Und keine Pinien mehr.