Portrait von Ratna Kumari

Ein Porträt von Ratna Kumari, 66

Sie ist eine immer fröhliche, tatkräftige Frau. Kul zählt sie – und eine Schwester seiner Schwiegertochter – zu den fleißigsten Frauen im Dorf.

Ratna stammt von einem Hügel oben am Dorfrand, genannt Mate. Sie hat sieben Geschwister. Keines besuchte eine Schule, weil die Regierung damals nur für ein halbes Jahr einen Lehrer mit einem Buch herschickte – und der sollte nur den Erwachsenen per Schnellkurs das Lesen und Schreiben beibringen, drei bis vier Stunden pro Tag.

Verheiratet wurde Ratna, als sie 13 Jahre alt war. Ihr Bräutigam war 17. Er lebte ganz unten am Rand von Angpang, wo heute die Wasserkraftturbine ist, nah am steilen Bergwald. Ratna empfand die Verheiratung als in Ordnung. „Kinder müssen gehorchen.“ Es galt als gut, vor der Menstruation zu heiraten.

Sie erlebte eine große Zeremonie, zu der auch ihr Onkel kam.

Acht Jahre lang wohnten beide bei den Schwiegereltern, dann stellte sie der Schwiegervater vor die Wahl, wo sie von ihm Land haben wollten: Unten oder oben im Dorf. Sie wählten den Platz oben, weil er nah an einem Bach liegt. Er kostete 500 Rupi. Dort war aber damals alles Brachland, es stand auch kein Baum wie heute. Einen kleinen Wald gab es nur rund um die zwei kleinen Tempel in der Nähe. Dazu eine kleine Höhle, in die Kinder flüchteten, wenn es regnete: Einen Stein zur Seite schieben und rein.

Ratna und ihr Mann legten nun einen vom ganzen Dorf bewunderten Kampf um neues Ackerland auf diesem Hang hin, für Terrassen. Sie pflanzten darauf alles selber an.

Als die Regierung einmal das Angebot hatte, kostenlos Reis zu bieten, wenn man als Bauer die gleiche Menge zukauft, schleppte Ratna 85 kg von Jiri und Salleri her, was eine weite Entfernung ist.

Dann erkrankte ihr Mann für drei Jahre. Sie musste ihre sieben Kinder selbst durchbringen. Das zweitgeborene Kind, ein Sohn, starb. Ratna fuhr deshalb dreimal zur heiligen Höhle nach Haleshi, um zu beten. Insgesamt war sie sechsmal dort.

Einmal konnte sie auch Kathmandu erleben. Bei dieser Pilgerfahrt wohnte sie bei ihrem Bruder im Zimmer. Sie erinnert sich an die schlechte Toilette im Haus und an den Verkehr der Stadt, der sie aber nicht ängstigte. „Es gab viel zu sehen.“

Aber Ratna übergab sich auch ständig bei der Busfahrt in die Hauptstadt. Wie viele Nepalesen verträgt sie das Fahren nicht. „Ich konnte nichts essen.“

Das Erdbeben von 2015 zerstörte ihr selbstgebautes Haus. Alles ist jetzt komplett neu gebaut. „Ich habe viel gekämpft.“

Ehrenamtlich leitet Ratna die Müttergruppe von Angpang, die im oberen Dorf entstand. Auch war sie hier und in Kerung in der Schul-AG, acht Jahre lang. Einer ihrer Enkel konnte aber nicht zur Schule gehen, weil er zuhause zu viel helfen musste. Doch alle anderen Kinder und Enkel erreichten hohe Klassen.

Sie selbst wollte in der Lokalpolitik aktiv sein und kandidierte auch. „Es wäre schön, einmal die großen Politiker zu sehen. Die müssen auch aus ihrer Ausbildung das Beste machen.“

Hätte Ratna einmal plötzlich viel Geld zur Verfügung (was sie für „impossible“ hält), würde sie „alles Nötige in Angpang tun, alle Probleme hier lösen und den armen Leuten helfen“.

Abschließend nennt sie ihr Lebensmotto: „Try to do the best things.“ (versuche, das Beste zu tun).

Kul ergänzt noch, dass Ratna und ihr Mann eine schwere Zeit hatten, als die Regierung einen Landzukauf nicht anerkannte. Beide hatten die erworbene Terrasse nicht registriert, und der Verkäufer wollte es ihnen nicht nachträglich bescheinigen. Aber Kul und sein Dorfteam sprachen eine Nacht mit diesem Mann und drohten so lange, bis er einlenkte.

Inzwischen hat Ratna ihr Haus einem Sohn überschrieben, der bei der Armee ist. Er kommt jetzt, um mit der Regierung über den Zuschuss zu verhandeln, den diese nach den Erdbebenschäden von 2015 endlich gibt. Zwei Jahre zu spät – nach zwei Jahren des ewigen Vertröstens.