Reisebericht 2015 nach dem Erdbeben

In Kathmandu waren die Schäden glücklicherweise gering. Aber in Bhaktapu war die Altstadt stark betroffen.
In Kathmandu waren die Schäden glücklicherweise gering. Aber in Bhaktapur war die Altstadt stark betroffen.

Thomas Knauber beschreibt seine Eindrücke: „Bin gerade zurückgekommen von Nepal. Ich war erst in Kathmandu (in der Altstadt kaum Schäden), dann gleich daneben in Patan (mehr) und am Ende in Bhaktapur, 15 km entfernt. Dort ist es schlimm. Fast in jeder Straße der Altstadt sind Schuttberge. Aber die deutsche Entwicklungshilfe (GIZ) wird dort beim Aufbau helfen, wie deren Leiter, Dr. Roland Steurer, sagte.

Kul Dhoj und ich trafen ihn und seine Frau Madeleine. Sie hilft uns künftig, bei der Ausbildung von Kindern aus Angpang einen guten Weg zu gehen. Kul war begeistert, wie herzlich beide sind und wie gut Dr. Steurer auch ihn unterstützt. Denn er versucht, Kul und zwei seiner Freunde in ein Training zu nehmen, das lehrt, wie man erdbebensicher baut.

Kul hatte nach dem Beben über zwei Wochen hinweg Angpang und seine Umgebung untersucht. Er fand bei 842 Häusern 720 mit Schäden, davon 350 schwer. Ein Haus ist komplett eingestürzt. Eines sackte insgesamt 10 cm tiefer. Anderen fehlt eine Wand. Viele haben Risse von oben bis unten.

Die Regierung zwang 95 % der Bewohner, draußen in Nothütten zu schlafen, damit nicht bei einem Nachbeben nachts jemand erschlagen wird von den Mauern. Die übrigen 5 % machen es freiwillig. Deshalb sind die Terrassen jetzt mit orangenen Flecken gesprenkelt, weil die Plastikplanen über den stallartigen Bambusmatte-Unterkünften alle orange sind.

Kul empfahl, unsere Spenden erst im Herbst zu verteilen, wenn klar ist, wie viel die Regierung gibt. So dass er ergänzen kann nach drei Kategorien: Schwer beschädigt, leicht beschädigt, arm.

Vielleicht können dann Katharina und Wolfgang hinfahren und ihn begleiten, weil das vermeidet, dass er selbst als der Geber im Mittelpunkt steht. Dann entgeht er auch Vorwürfen, irgendwo zu wenig zu geben.

Kul möchte im trockenen Herbst, wenn Neubauten möglich sind, einen Bautrupp aus zehn Mann bilden, der alle zwei bis drei Wochen ein Basis-Haus hinstellt, wo ein Neubau nötig ist. So will er 50 Häuser erstellen: simpel, erdbebenfest und nur mit Parterre. „Wer etwas Größeres möchte, muss es dann selber anbauen.“

Ich habe in den Tagen in Angpang immer kurze Notizen gemacht, was ich alles hörte. Es war sehr interessant. Diese will ich nach und nach tageweise als Mail verschicken. Das ergibt einen enormen Einblick in das Dorf auf 2450 m Höhe, das auf den ersten Blick so idyllisch wie Bali aussieht, aber am Ende wie New York ist: Es hat dieselben Schlawiner und Ehrenhaften in sich, dieselben Fleißigen und Drückeberger, Drama und Freude.

Wir können von Glück sagen, Kul zu haben. Er setzt alles ehrlich um. Und er hat Ideen, und rechnet. Und spannt das Dorf ein.

Er nahm auch Kontakt auf zu zwei Kindern, deren Eltern bei dem Erdbeben umkamen. Wir wollen ihnen helfen. Kul schaut, wie es am besten geht, und betreut sie notfalls über Jahre. Das ist ihm ein inneres Anliegen.

Drei Dinge waren wichtig.
Am Beeindruckendsten war immer das Zusammentreffen mit Schülern. Ihre Gesichter in der Klasse anzuschauen, bringt so zum Nachdenken. Weil es so kluge, gute Kinder sind.

Dann waren Kul und ich einmal eingeladen ins „Milchhaus“, das bei uns so heißt, weil uns die Mutter dort einmal zu einem Glas Büffelmilch einlud, vor zwei Jahren. Kul wollte gar nicht hingehen, weil er müde von der Ernte war. Aber dann waren wir doch dort, im neuen Anbau hinter dem Haus, weil die Vorderwand des alten Hauses zusammengestürzt ist.
Dort war auch der alte Vater, schmal, braungebrannt, barfuß, gekrümmter Rücken. Ich dachte mir: Er ist geprägt vom blauen Himmel dieser Berge. Und seine Frau von der Sonne und den Pflanzen. Und die nächste Frau vom Wachsen, das die Erde ermöglicht.
Wir hingegen sind geprägt von Supermarktpreisen und Fernsehen.

Um zurück nach Kathmandu zu kommen, nimmt man für 13 Euro einen Jeepplatz. Es sind 270 km in neun Stunden, die ein Fotobuch wert wären, weil irgendwie ganz Nepal durchquert wird, von den steilen hohen grünen Hängen bis zur Flussebene, wo noch die Zeit der Bibel zu sein scheint. Nach sieben Stunden sah ich einen alten Bauern am Rand seines Reisfeldes stehen und still über die grünenden Terrassenbecken schauen. Da dachte ich mir: Vielleicht müssen nicht wir Westler dauernd denken, wie wir diesen „armen Leuten“ das Leben verbessern können. Vielleicht müssten wir von ihnen lernen, wie wir unser Leben verbessern. Damit wir zurück kommen zur Erde, zum Schauen, zum Menschsein. Damit wir nicht ein Teil der Technik werden, zum Roboter.

Bhaktapurs Altstadt liegt auf einem alten Vulkanhügel. Deshalb waren die Schäden hier so gravierend.
Bhaktapurs Altstadt liegt auf einem alten Vulkanhügel. Deshalb waren die Schäden hier so gravierend.

Der erste Tag:

Ich war der einzige Gast im Hotel. Die Frau des Hoteliers klagte, dass wegen der übertreibenden Fernsehberichte indischer Medien alle Touristen denken, Kathmandu ist zerstört. Keiner kommt mehr. Wie sollen sie überleben, wo sie eh immer nur 5 Monate Verdienst haben (die Trekkingzeiten sind Okt/Nov und März/April/Mai). Sie hatte Angst, dass eines der bisher 300 Nachbeben die hohen Häuser rechts und links auf ihr kleines, begrüntes, schönes Souvenir-Guesthouse stürzen lassen.
In der Altstadt fehlen nur punktuell Häuser, die einstürzten. Sonst ist alles erstaunlich intakt, obwohl es so alte, kleine Häuser sind. Ihre Etagen sind nur 1,50 m hoch, weil die Menschen damals so klein waren. Noch jetzt sind alte Frauen winzig klein.

Ein Shopkeeper erzählt, wie die Wände seines Ladens beim ersten Beben um 50 cm nach innen kamen und wieder zurück. Alle Ware fiel aus den hohen Regalen. Er rannte hinaus.

Kul las gerade in einem Buch, das er am Straßenrand kaufen wollte, als er eine Menschenmasse auf sich zurennen sah. Er dachte: „Wollen die mich erschlagen?“ Da spannte er, was los war und rannte mit. Aber der Bhimsen-Aussichtsturm gleich daneben brach zusammen. Alle Menschen, die gerade hinaufstiegen auf die Plattform, starben. Es waren die einzigen Toten im Zentrum. Sonst waren nur Appartmenthäuser im Norden betroffen, die auf sumpfigen, als Bauland verbotenem Gebiet standen. Jetzt ist es künftig generell verboten, hoch zu bauen.

Ein Freund von Kul hängte gerade Wäsche auf, als sein Haus zu schwanken begann. Er hielt sich an einer Stange fest und dachte, jetzt wirft es ihn gleich über die Dachkante 20 m tief herunter. Das Haus schwang so weit aus, dass er später, als er auf der Straße war, dachte, es müsste um 2 m versetzt sein.

Kul sagt, das erste Beben kam in Wellen, auf und ab. Das zweite verlief in Halbkreisen, vor und zurück. Vielen Menschen wurde dabei so schwindelig, dass sie noch nach Wochen in Krankenhäusern behandelt wurden. Seine Enkelin verweigerte vier Tage das Essen und ging nicht mehr ins Haus. Die Kinder im Hof spielten danach so, dass sie alle 20 Minuten „Erdbeben!“ riefen und wegstoben, 2 m weit. Dann kehrten sie wieder zurück.

Der Mount Everest ist seitdem um 2 cm kleiner. Kathmandu ist um 2 m angehoben (die Straßen brechen deshalb am Stadtrand abrupt nach unten ab) und um 3 m nach Norden verschoben.

Kul vermisst eine gute Regierung, die aus den Hilfsgeldern des Auslands ein blühendes Land aufbaut. Stattdesssen ließ man Millionen aus den USA zurückgehen. Kul fast verzweifelt: „Was ist mit Nepal?“

Die Hotelfrau: „Wenn nur die Regierung gut wäre! Hoffentlich lernt sie daraus.“

Drei Highschüler, die ich später im Bus traf: „Unsere Regierung ist so schlecht. Viele demonstrieren schon.“

Kul war in über zwei Wochen rund um Angpang unterwegs gewesen, um beschädigte Häuser aufzulisten. Von 842 Häusern waren 720 betroffen, 350 davon schwer. Er machte überall Fotos. Und sah sich die intakten Häuser an: Warum hatten sie ausgehalten? Weil sie aus Holz waren, oder Holzzwischenböden hatten, die bis zum Außenputz gezogen sind. Dadurch gleitet der erste Stock scheinbar weniger weit hin und her beim Beben, als bei einem durchgezogenen Mauerwerk.

Der Nachteil aller Häuser war, dass sie innen schwere Baumstämme als First haben. Sobald die ins Pendeln geraten, stoßen sie die Giebelwände heraus.

Kul: Bei vielen Häusern ist es innen schlimmer als außen. Manche stehen schief. Eines sackte komplett um 10 cm ab. Drei Häuser fielen zusammen. Von den Schulen rundum sind sechs betroffen. Das deshalb, weil die Schulen Langbauten sind, oder U- und L-förmig. All das ist bei Beben nachteilig.

Würde nun Kul die Spendengelder von uns verteilen, würde er von der Regierung verhaftet. Denn diese will alles in der Hand haben und alles auf ihren Hilfsfonds lenken, der aber, so Experten, nie komplett ausgeschüttet wird. Dafür ist man in Nepal in den Amtsstuben zu korrupt.

Kul will deshalb bis zum Herbst warten, bis sich alles beruhigt hat, und bis klar ist, wie wenig die Regierung gibt. Dann ergänzen unsere Spendengelder. Bisher bekommt jemand, der sein Haus neu bauen muss, nur 220 Euro von der Regierung (14 000 Euro kostet ein einstöckiger Neubau; verwendet man Altteile im Neubau, ist es die Hälfte).

Kul wird eine Liste führen, wer wieviel Geld bekommt. Schulen werden besonders bedacht.

Etwas Gutes brachten die Beben: Die Regierung will acht Lokalregierungen einführen, die dann leichter auf solche Katastrophen reagieren können. Kul möchte sich dafür in seinem Bezirk „Everst“ zur Wahl stellen, für die freiheitlich-demokratische Nepali-Congress-Partei. Er ist schon der Sprecher seines Volkes im Distrikt, des Volkes der Magar.

2. Tag:

Nach den Erdbebenberichten im Fernsehen dachte ich, vielleicht gibt es irgendwo Kinder, die ihre Eltern verloren haben, wo wir auch helfen könnten. Kul fand über einen Zeitungsbericht drei Brüder und eine Schwester am Rand von Kathmandu, die nur noch ihre Großmutter (74) haben und einen behinderten Onkel, der nichts tun kann. Das Mädchen (19) studiert außerhalb. Ein Junge Sanjiv (22) kümmert sich jetzt um alles. Die zwei anderen Brüder sind in der 9. Klasse in Dhulikhel.
Ihr Haus brach komplett zusammen. Sie besitzen kaum Felder, haben aber die Hoffnung auf einen kleinen Laden für Touristenkundschaft in der Nähe des Affentempels. Kul will ihnen hier mit unseren Spendengeldern helfen. „Dann können sie sich selbst versorgen.“

Zu diesem berühmten Affentempel lief ich. Er steht auf einem spitzen Berg, einem Ex-Vulkan. Deshalb drang hier das Erdbeben hoch. Zwar steht die Stupa noch, aber das Mönchsgebäude daneben ist kaputt. Soldaten räumen auf. Auch in Kathmandu stand ein Stufentempel des Tempelviertels auf einem Ex-Vulkanschlot. Deshalb wahrscheinlich hier in einem engen Raum die Zerstörung. Außen herum ist fast alles okay.

(Man baut gern Kirchen und Tempel auf Vulkanschlote, auch bei uns, weil sie wie eine Art „Ort der Kraft“ sind.)

Am Fuß des Affentempels bückten sich plötzlich drei vornehme Damen in ihren bunten Saris und mit Sonnenschirm. Sie steckten einem schlafenden alten Mann, einem Bettler, Geld zu. Ich hatte ihn gar nicht gesehen und tat es dann auch. Beim Weitergehen kam mir plötzlich, dass es ein heiliger Mann war. Dieses Heilige kam stark in mein Denken.
Es kann sein, dass solche armen Menschen von den Priestern einen Segen bekommen, der ihnen durchhelfen soll. Denn ich traf einmal bei einer Bergwanderung einen jungen Mann am Wegesrand, vielleicht 17, mit nur einem Bein. Er bat die vorbeikommenden Touristen um Geld. Er war bei einer Expedition, wo er Träger war, so verletzt worden. Als ich im Weitergehen noch einmal an ihn dachte, schien es mir auch, als habe er einen Segen, der ihn beschützt.

Kul erzählte, dass das Erdbeben so viel an Dorfentwicklung unterbrochen hat. Er hatte nämlich gerade drei Dinge durchgesetzt und wollte sich fast aus allem zurückziehen, zur Ruhe setzen (er ist 48) und auf seine Frau Kalu hören, die immer schimpft, dass er nur 1/3 seiner Zeit für die Familie hat, für die 5 Kinder.
Kul hatte 1. einen neuen Lehrer durchgesetzt für die Schule, nach endlosem Hin und her zwischen Distrikt und Kathmandu-Regierung.

2. hatte er gelernt, „wie man kämpft“: Er ärgerte sich immer, dass kein Schulbeauftragter länger als eine Stunde in Angpang war (oder überhaupt nicht kam). Aber jetzt bietet er Partys an, mit Alkohol, und da strömen die Beamten her.
3. gelang es ihm nach viel Zuwarten, für die Schule Erweiterungsland zu kaufen. Und er löste den bisherigen Schul-AG-Vorsitzenden ab, der die Lehrerinnen zu wenig antrieb, ihre Stunden vollständig zu halten und nicht mit Korrekturen zu kürzen. Er ist jetzt selbst der Vorsitzende.

Am Abend trafen wir in Kathmandu Madeleine Steurer, deren Mann Roland die deutsche Entwicklungshilfe in Nepal leitet. Sie half uns vorher selbstlos, etwas Spendengeld sicher nach Nepal zu überweisen, ohne dass die Regierung Zugriff nimmt. Madeleine Steurer lebte vorher in Bangladesh, Ceylon, Bolivien und Ägypten. Sie versicherte Kul, dass Nepal eigene Architekten hat, die wissen, wie man künftig erdbebenfest baut. Auch ihr Mann könne Tipps geben. Wir sollten uns am Ende der Reise noch einmal treffen.

Ich lief dann noch spät durch Thamel, das Touristenviertel neben der Altstadt. Ein Junge, ca 7, bettelte. Ich gab ihm 50 Cent. Er strahlte. Später bettelte noch ein älterer Junge, ca 12. Er hatte etwas Mattes, Tristes, an sich, so dass ich komischerweise nicht lange mit ihm sprechen wollte. Später kam ich drauf, dass er Geld für Drogen suchte. Das Gleiche passierte am Ende der Reise in Bhaktapur, wo ein Junge namens Samur Sah, ca 13, mit ziemlich gutem English erklärte, er brauche ein Englischbuch für die Schule, ob ich es ihm kaufen könnte. Auch er hatte dieses Dumpfe, Matte in sich. Der Buchhändler versicherte mir (er steckte mir ihm unter einer Decke, bestimmt aus Mitleid), dass diese armen Schüler solche Bücher nicht selbst kaufen könnten (es war ein Wörterbuch Englisch-Nepali für 10 Euro). Aber ich denke, dass er das Buch später verkaufte und auch Drogen brauchte. Ich träumte entsprechend von ihm. Dass er innen zerbrochen ist.

In meiner kleinen Unterkunft, dem Souvenir-Guesthouse, lag ein Nepal-Handbuch von Stefan Loose (gutes Buch). Er empfahl, solchen Kindern nichts zu geben, sie aber einem Verein in Kathmandu zu melden, der solche Kinder betreut. Sie kommen allein von den Dörfern in die Stadt, haben keine Schulausbildung und werden Drogenabhängige, oder simple Arbeiter, oder Rikschafahrer.

Kathmandu hat viele stille Tempelhöfe, angekündigt durch Tore mit Skulturen
Kathmandu hat viele stille Tempelhöfe, angekündigt durch Tore mit kleinen Skulturen

3. Tag.

Kathmandu ist außen ein Gigant. Innen aber, in der alten Basarstadt, ein Traum. Der Traum vom alten Orient.
Kathmandu riecht besonders nach den Räucherwerken in den vielen kleinen Tempeln. Und man spürt die Liebe, welche die Gläubigen in diesen Tempeln geben.

Von Kathmandu fuhren wir um 5 Uhr los nach Angpang. Unterwegs stand plötzlich ein uraltes Hausmodell da wie aus Borneo, ein krummer Pfahlbau mit luftigem ersten Stock zum Wohnen, bloß ein Paar Bambusmatten als Wand außen herum. Nix dran kaputt vom Erdbeben.

Dann kurz vor dem Abbiegen in die Berge am Fluß die Restaurants aus Bambus. Nix dran kaputt, locker ausgehalten alles (hab ich gefragt). Aber Kul sagte, oben in Angpang haben sie nicht so dicken Bambus wie hier. Ihrer trocknet und bricht.

In Angpang besuchte ich am Abend Chini, die Lehrerin, gleich gegenüber von Kuls Haus. Ihr Haus ist mit Brettern vernagelt. Ehemann Rudra hat es gemacht, damit es nicht auseinanderfällt vor lauter Rissen vom Erdbeben. Rudra hat erst im April das Dach umgedeckt, von den Holzschindeln („uns hats in die Küche getropft, da stand immer eine Schüssel am Boden“) zu blauem Zinkblech. „Ich hab mein ganzes Gespartes, 3000 Euro, ins Haus gesteckt. Jetzt muss ich es abreißen.“

In der Küche stieß Aarti (9), ein begabter, stiller Junge, zu den Jungs von Chini, zu Bipan und Dipesh. Er formte aus Papier perfekt eine schwierige Rose mit Blättern. „Origami“, lächelte Chini. „Das lernen sie in der Schule.“

Ich empfand Kul nach, der sagte, dass er nach dem Erdbeben heimkam und all die blauen Dächer unten auf den Terrassen heil sah und sich dachte: „Gottseidank, nix passiert.“ Aber dann war er in den Häusern („schlimmer als außen“) und sah schiefe Häuser und abgesackte Häuser und Häuser ohne Wand. Ganz unten links steht so eins. Aber für dieses Haus unternimmt Kul nichts. Denn der Eigentümer lebt in den USA. Er müsste selber genug Geld haben zur Reparatur.

Auch bei einem reichen Mann („bei uns gibt es einige Reiche; aber sie tragen nichts zur Entwicklung von Angpang bei“) hat er kein Mitleid. Es ist ein Mann, der sparsamt lebt und in Kathmandu ein Haus baute, gut verkaufte, dort ein neues baute, wieder gut verkaufte, und auf dem nächsten Markt in Patale nichts ausgibt, und beim Heimreiten von dort Körner aus der Hosentasche zieht, als Mittagessen. Kul: „Ich achte ihn. Auch wenn er so geizig ist.“ Aber dieser Mann versuchte, aus den Erdbebenschäden an seinem Haus noch Profit zu machen. Doch man sah es. Fotografierte ihn. Er bekommt kein Spendengeld.

Dafür hilft unser Verein zwei Frauen, die des Wegs kamen und eindringlich auf Kul einredeten. Eine hat kein Land, keine eigene Terrasse. Kul beauftragte deshalb seine besten Freund, ihr hintenherum etwas Land zu besorgen. Das klappt besser, als wenn er es macht. Er hat schon genug gekämpft, um für die Schule Land zu bekommen (die meisten Bauern kleben an ihren Äckern. Deshalb rutschen die Schulen alle an den Rand der Dörfer.)

Die andere Frau steht allein mit ihren Kindern da, weil ihr Mann zu einer anderen Frau zog. Ihr Haus sackte ab. Es steht in einer jener unsichtbaren schmalen Bahnen, die Angpang von oben nach unten durchziehen, wo das Erdbeben extrem wirkte. Kul versprach ihr Hilfe.

Er zog auch eine Ladung blankes, silbriges Zinkwellblech an Land, das ein guter Mann aus Kathmandu einem Nachbardorf gespendet hatte, in der Annahme, nach dem Beben seien die Dächer kaputt. Aber diese leichten blauen Dächer überstanden das Beben. Die Zinkladung lag nutzlos herum. „Wenn ihr den Transport bezahlt“, hörte Kul, „könnt ihr es haben.“ Er nahm etwas Restgeld der Schule dafür. Das Zink landete in Angpang auf Klos und Schuppen und wurde zu einem Notklassenzimmer neben der Schule. Doch weil es nicht gefärbt ist, hat es nach 10 Jahren Rostlöcher. Kul: „Ich frag mich sowieso, was mit allen unseren Zinkdächern passiert, wenn sie in 40 Jahren (so lange halten die bemalten Bleche) Müll sind. Was machen wir mit dem Müllberg?“

Auch eine Ladung Reissäcke wurde spendiert. Keiner brauchte sie, weil die die Ernte klappt, obwohl das Erdbeben das Wachstum unterbrach. Beim Verteilen sollten die Armen berücksichtigt werden. Wurden sie aber nicht. Kul seufzte: „So ist das bei uns.“

Die Regierung verteilte auch Plastikplanen für die Notschlafhütten neben den Häusern. Von Zehntausenden Planen, die in Indien ankamen, geriet nur ein Bruchteil nach Kathmandu und noch weniger in die Berge. Es gab deshalb eine Anfrage im Parlament.

Die vier Bergführer von Angpang besannen sich in der Not auf ihre Trekkingagenturen in Kathmandu und baten sie um übrige Expeditionszelte. Kul: „Sie schickten uns sofort 84 Stück, und das so herzlich, eine große Hilfe.“ Aber in den Vier-Stück-Paketen waren manchmal nur zwei oder drei Zelte. Die anderen waren rausgeklaut.
Ich schlief in einem solchen Spitzzelt.

4. Tag:

Ich werde in der Schule empfangen. Ich hab extra nur einen Blumenkranz um den Hals bestellt, aber es werden 12. Und jedes Kind bringt mir noch eine Blume aus dem Garten. Diese Blumen liegen am Ende auf dem Tisch. Ein buntes, schönes Meer.

Kul erzählt, wie es zur neuen Schule kam. Weil Angpang wie ein aufgeschlagenes Buch ist, wo in der Mitte zwischen den Seiten ein Wildbach runterrauscht, flog jedes Frühjahr bei der Schneeschmelze die Brücke weg und die Kinder der einen Hälfte konnten nicht mehr zur alten Schule in der anderen Hälfte gehen. Sie blieben „dumm“, bis jemand wieder 12 Bäume fällte und die Brücke neu baute.

Kul, der mit 32 Jahren sein Haus gebaut hatte – es dauerte ein Jahr -, organisierte danach ein regionales Volleyballturnier. Er tat es so gut, dass ein Distriktbeamter sagte: „Du könntest mal eine neue Schule aufbauen in deinem Dorfteil, dem Ward 7 (Bereich 7; Nr. 8 liegt dort, wo die alte Schule ist, jenseits vom Bach). Kul heute: „Warum hat er das nicht selbst gemacht?“

Kul damals: „Ich bin Hindu. Ich hatte gerade von Amerikanern beim Trekking ein sehr gutes Gehalt bekommen. Ich wollte die Hälfte davon für das Wohl anderer opfern. Das bringt mir im nächsten Leben ein gutes Leben.“

Er baute eine Schule. Sie brach zusammen. Er erntete Spott. Er baute eine zweite Schule. Er konnte deren Lehrer für die 4 Klassen auf Dauer nicht bezahlen. Wolfgang und ich sprangen ein mit Kalenderverkauf. Belgische Pfadfinder, die später auch Wasserleitungen von der Hauptquelle in alle Häuser bezahlten, finanzierten mit uns die jetzige Schule. Sie gilt heute als Muster weitum, weil sie innen so schön ist. Ihre erste Toilette landete sogar als Foto in der Zeitung, als Beispiel, wie man mit wenig Geld etwas Gutes bauen kann.

Auch die zweite Wasserkraft-Turbine (Strom in jedes Haus), auf eigene Dorf-faust gebaut, gilt als Muster, viel gelobt. Sie verzögerte sich aber etwas, weil dabei Geld verschwand. Kul: „Wenn jemand von einer anvertrauten Summe 20 Prozent nimmt, das versteht jeder. Das ist nepalesisch. Aber so viel?“

Seitdem hat er in seinem 8-Mann-Team, das Angpang voranbringt, zwei Männer, die schwächeln. Der zweite deshalb, weil er sich dem Alkohol zuwandte. Kul: „Das ist ein großes Problem bei uns. Viele Männer gehen so kaputt. Dieser Mann war uns eine so große Hilfe. Aber jetzt treibt er nur noch quer.“

Sein 8-Mann-Team verpflichtete Kul folgendermaßen: „Ich mach nur etwas, wenn ihr mithelft, das Dorf voranzubringen und die Schule voranzubringen.“

Später erlebte er oft Streit bei den Sitzungen der Schul-AG, ausgelöst durch Alkohol. Er erließ eine Regel: Wer solch einen Alk-Streit auslöst, zahlt etwas Strafe. Prompt gab es weniger Streit.

ZU meiner Begrüßung haten die Frauen unendlich viele Blumen aus ihren Gärten geholt
Zu meiner Begrüßung hatten die Frauen unendlich viele Blumen aus ihren Gärten geholt

Jetzt bei meinem Empfang gab ich jedem Schulkind die Hand. Ich sah so viele begabte Kinder, aber auch die Lernschwachen, die ohne Selbstbewusstsein scheu zur Seite blickten.

Ich erkannte zwei Probleme: Wenn wir einigen begabten Kindern eine Ausbildung ermöglichen und sie das Dorf verlassen, fehlt Angpang später das 8-Mann-Team. Denn diese jetzigen acht Männer, alle hoch intelligent, wären gute Ingenieure und Doktoren, hätten sie in ihrer Jugend die Chance gehabt. Aber dann wären sie nicht hier, und das Dorf stünde auf dem Schlauch.

Kul erkennt das genauso. Deshalb ist sein Ziel, alle geförderten Kinder wieder zurückzuholen. Im Fall einer medizinischen Ausbildung ist das aber unrealistisch, weiß er, weil es 40 000 Euro kostet, Doktor zu werden. Und der Doktor kann diese vorgeschossenen 40 000 Euro seines Clans nicht auf dem Land zurückerwirtschaften. Er schafft das nur in der Stadt.

Das zweite Problem: Kul will aus dem Abschlussjahrgang vier Kinder auswählen, die wir in der Ausbildung unterstützen. Er will die Notenbesten nehmen. Ich hatte Mühe, ihm zu erklären, dass er besser auf den Charakter der Kinder achtet, und danach auswählt. Denn die mit schlechten Noten sind irgendwo anders gut.
Das erfuhr ich am nächsten Tag, als ich mit 12 Kindern im Schlepptau durch Angpang zog, Straßenrennen veranstaltete, Pfade herablief, Maulbeerbäume erklärt bekam und solche mit orangenen Himbeeren. Mit dabei waren diese schüchternen Jungs ohne Selbstbewusstsein aus der Schule. Sie waren hier plötzlich die Macher, die Entscheider. Sie waren die Mutigen. Sie gaben die Leitlinie für alle anderen.

5. Tag

Mit den 12 Kindern laufe ich auch an der alten Schule vorbei. Die Klassenzimmer sehen unbewohnbar aus, dunkel und feucht. Hier werden nur noch 24 Kinder unterrichtet, von 4 Lehrern. Die neue Schule hat 134 Kinder und 8 Lehrer.

Kul sagt, dass die Schul-AG der alten Schule nicht funktioniert. Die Männer dort setzen sich nicht genug ein. Sie verlassen sich drauf, dass der Distrikt weiter alles so gut finanziert, wie er es von den guten Vorjahren her gewöhnt ist. So kommt viel Geld herein für die wenigen Kinder.

Kul schlug einst vor, die alte Schule in eine gemeinsame neue Schule zu überführen. Aber das lehnte der Direktor ab. Jetzt droht die Schließung der alten Schule.

Die neue Schule „Namuna Jyoti“ (leuchtendes Modell) soll zu einer „lower secondary school“ werden. Die Lehrer dafür sind da, die Distriktgenehmigung der Klassen 7 und 8 dürfte 2016 und 2017 eintreffen. „In vier Jahren ist in unserer Schule alles vollendet. Mehr als acht Klassen wollen wir nicht.“
Wer als Kind bis zur 10. oder 12. Klasse gehen möchte, läuft eine 3/4 Stunde über den Berg nach Kerung. Dort sehe ich später auch die Erdbebenschäden. Eine lange Außenwand steht schief. Innen brach eine 40 cm dicke Mauer.

Bei meinem Empfang in der Schule übergab Kul meine mitgebrachten Vereinsgelder für die Lehrergehälter und die Müttergruppen, auch für die sieben Waisen- und Halbwaisenkinder (jedes Jahr sind 6900 Euro nötig). Jedes Waisenkind bekommt im Jahr 130 Euro. In einem Fall verwaltet der Bruder das Geld, weil der Vater trinkt.

Vielleicht hat hier jemand Freude daran, eines dieser Kinder als Pate zu betreuen, auch in der Ausbildung.

Ich konnte vier Jungen fotografieren (ältere Schülerinnen waren in Kerung). Ich sehe ihre bedrückten Gesichter noch jetzt. Ich hänge das Bild an.

Waise sind Sabina Gurung, Gori Maya, Pradip, Bipan (ihm fehlt ein Auge), Khem Bahadur, Dilip Nepali und Sabina.

Kul bekam von den Lehrern außerdem einen Jungen empfohlen, der sehr gute Noten hat und geeignet wäre für eine dreijährige Ausbildung zum Assistent-doctor. Unser Verein könnte das bezahlen. Er würde anschließend die neue Gesundheitsstation leiten.
Seine Eltern haben keinen Sinn für eine gute Ausbildung. Kul schiebt sie trotzdem an.

Er rettete auch den jetzigen Computerlehrer Babu Kasi Magar, der als Kind ein wie zu Kürbisgröße geschwollenes Knie hatte. Seine Eltern ließen ihn immer im Haus. Erst bei der Hochzeitsfeier seiner Schwester fiel auf, dass er fehlte. Man sah nach und Kul brachte ihn zum Arzt. Der wandte sich an den Vater: „Was sind Sie für ein Vater?“ Babu Magar hinkt seitdem.

Er wurde als Schuldiener eingestellt, unterrichtet aber wie ein Lehrer, weil er so gut im PC-Wesen ist. Kul bat uns darum, sein Gehalt – es ist ein Drittel des Gehalts der Lehrer – zu erhöhen, weil er wie ein Lehrer arbeitet. Er ist sehr gut und beliebt.

Ich erlebte auch mit, wie ein neuer Englischlehrer aus vier Kandidaten ausgewählt wurde. Zwei (eine Frau und ein Mann) fielen in der Theorie im Test durch, zwei junge Männer waren fast gleich gut. Der, der gewann, war konsequenter im Probeunterricht. Der, der verlor, war ein Künstlertyp mit wunderbar freier Handschrift auf der Tafel. Aber er wirkte unsicher. Doch es war schön zu sehen, wie die Jury weniger darauf achtete, dass er im Englischunterricht das Thema verfehlte, sondern seinen feinen Charakter erkannte. Alle bedauerten, dass er mit 2 Punkten weniger gehen musste.

Beide hatten vor 3 Jahren den Staatsdienst gekündigt, um in Südkorea besser zu verdienen. Aber es klappte nicht mit dem Auswandern.

6. Tag:

Kul zeigt mir die neue Gesundheitsstation. Es war schwierig, einen Raum dafür zu finden. Keiner wollte ihm helfen. Er rechnet es seinem Freund Bishnu hoch an, dass der am Ende in seinem Wohnhaus ein Zimmer dafür opferte.
Innen ist das Zimmer top eingerichtet, alles mit Holz. Kul kaufte in Kathmandu Medikamente und Geräte, musste aber weit herumlaufen, um auf den billigsten Händler zu stoßen, der ihn wie einen Krankenhausverwalter nimmt und ähnliche Prozente gibt.
Sundar Badr Rai, ein netter, etwas schüchterer Mann ist jetzt der Assistent-Doktor. Kul war erst ganz begeistert von ihm, war aber dann verblüfft, dass er plötzlich für eine Woche nachhause ging und zusperrte.

Sundar macht Hausbesuche und kann dafür 100 Rupis verlangen (1 Euro). Kul: „Alle bis auf einen einzigen alten Mann können sich das leisten.“
Sundar hat viel zu tun, weil im Dorf viele krank sind. Kul führt es auf das Fertigessen zurück (Nudelpakete, Soßen). Sehr viele haben Diabetes, wegen des weißen Reis. Jeder müsste besser den ungeschälten Reis essen, wie es früher zu Großvaterzeiten war. Davon bräuchte er dann auch weniger, weil er viel satter macht.
Dieses Problem erwähnte später auch Madeleine Steurer in Kathmandu ihrem nepalesischen Fahrer gegenüber. Er versicherte, die Wassermühlen verkaufen den Naturreis nur sehr teuer. Deshalb komme man nicht am weißen Reis vorbei.

(Ich sprach einmal mit einer Afrikanerin aus dem Senegal. Dorthin hatten die Franzosen den weißen Reis gebracht, als billige Volksnahrung. Seitdem leiden die Senegalesen an Diabetes. Früher, als die Inseln des Pazifik mit Plantagen ausgebeutet wurden, gab man den für die Arbeit importierten armen chinesischen Kulis auch diesen weißen Reis. Sie starben daraufhin an der Krankheit Beri-Beri.)

Die Gesundheitsstation ist noch nicht von der Regierung registriert, weil das Erdbeben den Antrag unterbrach. Es unterbrach auch eine Regierungsaktion, die Kamine in den Häusern neu zu bauen, um den Rauch aus den Küchen zu bekommen (und Augenkrankheiten zu verhindern). Eine weitere Regierungsaktion war, jedes Haus zu einer Außentoilette zu zwingen (nicht mehr in die Felder zu pinkeln).

Das Erdbeben unterbrach auch den Plan der Dorfentwicklungs-AG, ein großes Langgebäude oben an der Straße neu zu bauen. Es soll das Büro der Kredit-AG enthalten (deren drei Leiter erwirtschafteten anfangs pro Jahr 400 E für sich als Lohn; jetzt sind es schon 400 E für jeden einzelnen). Weiter sollen alle drei Webereien hier hinaufziehen und ein Werbeschild an der Straße bekommen. Außerdem kommt die Gesundheitsstation hinein. Und es entsteht ein Lagerraum für die Dorfkartoffeln (zum Abtransport nach Kathmandu, wo sie als Bio-Kartoffeln gefragt sind).

Dazu kommt ein WC, und schon ist ein kleiner Marktplatz perfekt.

Zu den Kosten steuert ein Sponsor 2500 Euro bei, die Regierung auch 2500 Euro. Wegen dieser Selbstbeteiligung geben wir 5000 Euro, weil schon Selbsthilfe vorhanden ist. Diese 5000 Euro sind nur möglich wegen der Bußgelder, die uns ein Gericht gab.

Kul hat noch mehr Ideen: Heilkräuter in großem Maßstab anbauen und verkaufen, Holzwirtschaft betreiben, den Papierbaum anpflanzen (aus seiner Rinde wird Papier). Er denkt, das Dorf könnte einen Lkw kaufen und immer hin und herfahren lassen: Waren nach Kathmandu bringen und anderes holen. In Kathmandu könnte auch ein Angpang-Dorfladen entstehen.

Kul deshalb: „Als du vor 9 Jahren hier warst, waren wir arm. Jetzt sind wir gut in Schwung, fast ein Musterdorf in der Region.“

Für seine eigene Rente dachte sich Kul Folgendes aus: Als wir im Jeep herfuhren, zeigte mir unten am Fluss Sunkosi ein Gastwirt etwas ganz Geheimnisvolles, Sauteures: Eine kleine Kugel. Es handelt sich um den Blütenstand eines Baumes. Diese Blütenkugel wird von Mönchen verwandt, um Rosenkränze zu machen. Diese Rosenkränze haben exorbitante Preise.
Kul bestellte sich nach viel Überlegen, angefeuert von mir, drei Baumsprößlinge (je 5 Euro) und pflanzt sie jetzt windgeschützt ein. Sollten sie gedeihen, kommen viele kleine Kugeln raus.

Man sieht daran, wie geschäftstüchtig die Nepalesen sind. Nicht alle. Viele sind auch bequem, klagt Kul. So forderte er nach dem Erdbeben die Zimmerer und Maurer des Dorfes auf, bei dem Wiederaufbau von stark betroffenen Häusern zu helfen. Jaja, sagten sie, und zischten ab – nach Norden, ins Hoteldorf Namche Bazaar, wo das Epizentrum des 2. Bebens war, und wo viel zu reparieren ist. Dort bekommen sie 15 E am Tag statt 7,5 in Angpang. Versaufen aber auch 5 E am Tag, meint Kul.
Er brachte sie immerhin dazu, sofort mit Eintreffen der Trockenzeit im Herbst wieder daheim zu sein, so dass er sein Haus-Neubau-Programm beginnen kann. Dann hofft er, dass sie anpacken. „Viele meinen ja, wenn sie daheim sind, machen sie erst mal gar nichts.“
Er weiß aber auch: Wird ein Nepalese gut bezahlt, dann arbeitet er gut.

Kul schaffte es z. B. nur deshalb in sensationell 4 Tagen, die Not-Klassenzimmer im Freien zu bauen, weil er a) jede Familie zwang, an einem Tag eine Person zum Helfen zu stellen, b) die Frauen gut bezahlte, die Bambusmatten dafür flochten, und c) selbst mithalf.
„Weil sie sehen, dass ich selber wochenlang mitarbeite, machen sie gut mit.“

7. Tag:

Kul sagt einen Satz über sich: „Ich kann nicht anders, ich handle dauernd.“
Und einen weiteren Satz: „Wenn ich sterbe, will ich dann sterben, wenn ich etwas für andere tue. Ich will nicht sterben, während ich was für mich tue.“

Das nur nebenbei.

Als der Lehrer-Probeunterricht in der Schule war, saß neben mir ein alter Mann, vielleicht 75, mit einem Stock in der Hand, ganz braune Haut und ganz ruhig. Ich hab ihn angeschaut, und mir gedacht: „Er hat sein ganzes Leben lang für Freude gelebt, nicht für Eigentum oder Vorankommen.“
Manchmal denke ich an ihn und leb dann auch für Freude.

Ein anderer alter Mann. Bei ihm ist das Besondere, dass er sein Alkter nicht spürt. Er ist jung und lebt jung und bleibt jung.
Ein anderer alter Mann. Bei ihm ist das Besondere, dass er sein Alter nicht spürt. Er ist jung und lebt jung und bleibt jung.

Wir besuchen eine Familie in ihrer Notunterkunft, dem stallartigen Selbstbau neben dem rissigen Haus, mit leicht gebogenem Tonnendach. Drüber ist eine blaue Plane gespannt, die innen alles blau macht. Der Vater erzählt Kul, dass er für die Plane 50 Euro Kredit aufnehmen musste, weil es keine Regierungsplanen mehr gab. Kul will ihm von unseren Spendengeldern die 50 Euro ersetzen.

Beim Weitergehen gibt es viele Gespräche vom Pfad aus weit hinein in die Felder, zu den arbeitenden Frauen auf den Terrassen. Das klappt mit leisesten Worten. Denn die Nepalesen haben Adleraugen und Ohren wie ein Luchs. Sie sehen und hören alles.
Die Kinder laufen vorbei: „Good Afternoon!“ Sie sind so begeistert und herzlich. Am Ende können sie auf Deutsch „genau“, Bravo“, „gut!“ und „rennen“. Umgekehrt bringen sie mir die Zahlen bei. Bipan ist ein top-Lehrer. Er spricht die „7“ so guttural, wie es gar nicht im Wörterbuch steht.

Und das Volleyballspielen (Nationalsport) reißt ihn so mit, dass er im Kreis rasant um den Hof tanzt. Überhaupt sind alle Kinder super sportlich. Ich sah mal einen Jungen (7) einer Ziegenherde ausweichen: Er raste über den Hang wie ein Geländemotorrad, rauf und runter.

Die Hüter von Rindern sind alte Menschen. Ihnen zuzusehen, wie sie in der Hocke, klein und schmal, in der Wiese sitzen, und so viel Ruhe um sich haben, ist zeitlos, berückend. Und dunkel stehen ihre Wasserbüffel im Grün neben ihnen wie in einem Märchenland.

Einmal kamen Frauen mit Körben voller Holz heim. Sie kippten es auf den Holzhaufen, und eine ältere Frau sah ohne Lächeln zu mir her, was selten ist. Meist lächelt jeder. Von ihr träumte ich dann. Sie war in dem Traum eine Staatsgewalt, die sagte, ich zerstöre als moderner Mensch ihre Welt. Ich solle gehen. Aber gleich stark waren unter ihr die Enkelinnen Renuka und Janaki, die mir ihre ganze Liebe gaben, weil ich sie pflanze (vielleicht, weil unser Verein ihnen die Schule gab und ihnen das Wachsen und Aufblühen ermöglicht). Ich beruhigte die alte Frau, indem ich sagte, dass auch meine Welt in Deutschland ähnlich zerstört wird, von Geldgier, Naturmissachtung, Firmenkälte, Beton und Überkontrolle. Es besänftigte sie.

Wir gehen zu den Weberinnen. Kul begann das Web-Projekt vor 2 Jahren, weil die Regierung in der Bezirkshauptstadt Solu einen Kurs dafür anbot. Daraus entstand etwas Wunderbares, was man schwer beschreiben kann. Ich verpflichtete schon Christl Haegele, die über ihr Accessoire-Geschäft „Jo So & Friends“ die Webtücher von Angpang anbieten will und für bessere Wolle sorgte, einmal hinzufahren und sich die Frauen anzuschauen.
Sie sind so herzlich, so gut am Weben, haben so eine Stimmung zwischen den handgebauten Webstühlen – als sei die Südsee da, Tahiti. Das kommt auch, weil die Menschen rund um Angpang mongolischen Ursprung haben. Was den Frauen eine Schönheit gibt. Die Mongolen gelten ja auch als das freundlichste Volk der Welt.

3500 Tücher sind hier von drei Weberinnen-Gruppen in den zwei Jahren gewebt worden. Sie gehen für 6 Euro weg, unglaublich billig. Ich war verblüfft, wie man so eine schwere Arbeit, die langwierige Prozesse erfordert, so billig abgeben kann.
Ich bekam viele Tücher mit. Wir verkaufen sie am Weihnachtsmarkt für Angpang.

In einer der Webereien, mit studio-ähnlichen Dach aus frischem Holz, steht im Erdgeschoss eine simple Nudelmaschine. Vielleicht aus Indien. Kul würdigte sie kaum eines Blickes. Sein bester Freund Balu habe sie von irgendeinem Ausländer finanziert bekommen. Wahrscheinlich komme da nix bei raus.
Aber bei unserem 2. Besuch ein paar Tage später war er platt. Da war die Nudelmaschine in Aktion. Da war nichts mehr in ihm vom eventuellen Missmut, weil er von der Idee nichts hielt, oder weil Balu nach Kathmandu gezogen war, ins leichte Leben („seine Felder lässt er liegen!“).
Kul bestaunte so wie ich zwei Jungs (ca 18), die mit dem Ding professionell Nudeln herstellten. Und jeden Handgriff konnten. 1000 Eier zerschlugen, einen Sack Mehl aufrissen, mixten, und die Nudelmasse x-mal durchwalkten, bis die letzte Dotterspur weg war. Der eine Junge hielt auch immer vorschriftsmäßig eine Hand hinten am Rücken, damit er nicht in die Nähe der Walzen kam – bestimmt irgendwo gut gezeigt bekommen.

Die Nudeln landen in Zeitungspapier und im Handel. Angpang isst schon davon.

8. Tag:

 

Als wir die Weberei besichtigen, ist gerade ein freundlicher Webmeister da, der alle halbe Jahre kommt und den Frauen Neues beibringt. Er lebt 38 km südlich von Kathmandu und lehrt sie gerade das Fischgrätmuster für Hemdenstoff. Die Frauen weben auch die weiß-blauen Schals der Schuluniformen der Mädchen.

Die Frauen sind morgens in den Feldern, bis zum Nachmittag in der Weberei und abends wieder daheim fürs Essenmachen.

In der Weberei mit den Studiodach bekommen sie auch Tee und zu essen. Eine alte Frau kocht für sie, mit Turban auf und ihrem Goldschmuck in der Nase. Sie ist sehr freundlich und ihre Küche neben dem Haus ist anheimelnd alt und schwarz von Russ. Sie bläst das Feuer mit einem Eisenrohr an. Ihr Enkel, vielleicht 17, hilft ihr lächelnd. Er nimmt ihr das Rohr ab, als plötzlich sein Handy klingelt. Mit der linken Hand tippt er auf dem Display herum, mit der rechten hält er das Blasrohr. So vereinen sich zwei Zeiten, zwei Welten.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne, klare Luft. Von Kuls Küchenfenster sieht man prachtvoll die Schneeberge des Himalaya.

Mittags lege ich mich eine halbe Stunde hin und denke an Deutschland, wie zum Beispiel in München im gleichen Moment die U- und S-Bahnen rollen, wie die Menschen durch Betonunterführungen hasten, wie trostlos die Bahnhöfe aussehen.

Zum Essen waren Kul und ich vorher eingeladen bei einer Familie. Die Tochter, 14, lächelte so herzlich, so tief, als sie mir den Teller mit dem Reis hinstellte.
Dann stand im Türrahmen eine Frau so schön, nur schnell von hinten gegen den blauen Himmel zu sehen – mit ihrem bunten Gewand, den schönen Pluderhosen, dem glänzend schwarzen Haar.

Ich spiele mit den Kindern vor Kuls Haus. Renuka ist im Seilhüpfen so gut: 120 Mal schafft sie es ohne ohne Abzusetzen. Sudokar, Kuls Enkel (5), setzt sich kurz auf meinen Schoss. Er gibt so eine Ausgeglichenheit weiter, erstaunlich. Wahrscheinlich, weil ihn seine Mutter Ful Maya und die Kinder immer so gut betreuen.
Aber an einem anderen Tag, als der Monsunregen wieder von 16 bis 19 Uhr rauscht und ich länger abseits vor dem Tempel unter einem schützenden Vordach sitze, Schirm gespannt, läuft unten an der Treppe Kul vorbei, mit Ful Maya und Sudokar. Sudokar hatte sein Bewusstsein verloren und war umgekippt. Das passiert alle halbe Jahre. Dann bringt ihn Kul zum Shamanen. Der richtets wieder für ein halbes Jahr. Mit Singen oder Trommeln. Sudokar schlief danach, am Abend, extrem tief, durch nichts zu wecken. Neben ihm lag immer jemand, entweder seine ältere Schwester Manila oder Chet, Kuls Tochter, die gerade da ist – sie hatte es beim Schulabschluss in einem Fach nicht geschafft und überlegt jetzt, was sie weiter tun soll.

Kul sagt, dass diese plötzliche Bewusstlosigkeit es eine Familienkrankheit ist, die sich aber ab dem 7. Lebensjahr gibt. Er hatte es auch. Man geht zu dem Shamanen, der einem am meisten zusagt. Ungefähr zwölf stehen zur Auswahl.

9. Tag:

 

Die Klänge rundum um 5 Uhr morgens: Hühner, Hahn, Kuckuck, Lkw-Hupe von der Straßenkurve oben im Wald, Handyton, Singen, das Schlurfen von Kuls Schritten auf dem Hof.

Kuls Katzenmutter hinkt. Sie hat drei Junge. Ein Mann hat sie geschlagen, sagt Manila. Alle schweigen betroffen drüber. Das verletzte Hinterbein wird später nicht besser.

Ich streife mir beim Frühstücken mit der Hand über den Ellbogen, etwas fällt auf mein Bein: Ein Blutegel. „Jucka“ auf nepalesisch. Die Wunde läuft ewig, nicht zuzukriegen. Kul zeigt mir später am Weg die original-Blutegel, ganz kleine Würmer, die an einem Blatt hängen wie ein Stück Regenwurm. Meiner am Arm ist schon halbdick voll. Schlängelt herum mit einer top Orientierung, obwohl wahrscheinlich keine Augen.
Kul erntet Getreide. Seine Frau Kalu lacht, weil ich es mit der Sichel nicht schaffe, die Ähren gut abzuschneiden. Die Sichel hat kleine Zacken und sägt 15 cm über dem Boden ab. Ich helfe ein bisschen, die Ährenbündel ins Haus zu tragen. Später dreschen Frauengruppen mit Holzstöcken, am Boden inmitten der Ähren sitzend.

Wenn ich die Ährenbündel vom Feld hole, hab ich immer vor mir ein Bild wie bei Vincent van Gogh, als er bei Arles die Ernte malte: dieselbe tief gelb-orange Getreidefarbe im Ährenfeld, die gebückten Arbeiter, ihre dicken, altmodischen Kleider, das Tuch um den Kopf geschlungen, der blaue Himmel drüber.

Von van Gogh gibt es auch ein Bild „Die Kartoffelesser“. Einfache, arme Bauern sitzen in einer dunklen Katenstube am Tisch, kaum Licht. So etwas gibt es in Nepal auch in den alten Küchen.

Kul erzählt, dass nachts Stachelschweine kommen und die Felder nach Kartoffeln zu durchsuchen. Restkartoffeln vom Vorjahr sind im Weizenfeld, neue Kartoffeln stehen aktuell absichtlich zwischen dem Mais. Die Stachelschweine sind nicht in den Griff zu bekommen. Dazu kommen im Oktober die Himalayabären. Fünf ruinieren in einer Nacht ein komplettes Feld, auch auf der Suche nach Kartoffeln.

Chet und Maila stampfen am Abend Kartoffeln zu Mus, in einem Holzbottich. Es klatscht und spritzt.

Ich hab bissl Durchfall, weil ich weißen Reis gegessen hab, der immer durstig macht. Viel getrunken danach. Obwohl das Wasser abgekocht war, kam der Durchfall. Eine Tablette dagegen genommen. Ihre Nebenwirkungen studiert und einen kleinen Satz entdeckt: Es hilft auch, viel und salziges Wasser zu trinken. Das mach ich künftig. Es hilft.

Kul erzählt vom „pocketing“, dem Bakschisch-Geben. Zum Beispiel geht kein Postpaket ohne Bakschisch los. Das Andere ist: Wenn die Schule in Angpang einen Zuschuss versprochen bekommt, schrumpft der Betrag irgendwann auf 30 Prozent. Der Rest geht beim Hin und Her zwischen dem Distrikt und Kathmandu verloren. Kul versteht das: Ein Beamter kann in Kathmandu nicht von 160 Euro Lohn leben, mit 2 Kindern. Die 3-Zimmer-Wohnung kostet ihn fast 100 Euro. Die Schule der Kinder ist auch teuer. Das Essen kommt dazu. Trinkwasser muss in großen Ballons gekauft werden. „Er braucht das Doppelte seines Gehalts. Er muss es durch das Abzwacken von Geldern erreichen.“

Bild: Ratna Kumari, die eine der beiden Müttergruppen leitet, quittiert die 90 Euro Unterstützung. Ich wollte das Erdbebengeld von diesen Müttergruppen verteilen lassen. Aber Kul vermutete, dass sie hier und da jemanden bevorzugen, was Unfrieden bringen würde. Ich weiß es nicht. Ich denke, die Frauen haben so etwas besser im Griff. Aber die Männer wollen sie unten halten. Kul sagt aber, dass sich heute viele Frauen von Angpang protestierend befreien wollen. „Aber ihnen fehlt das Geld, um sich durchzusetzen.“
In Bezug auf seine Frau Kalu sagt er, dass sie in der Ehe gleichberechtigt sind, gleiches Stimmgewicht haben. Ein altes Hindu-Ritual, das die Frau eine Woche lang pro Jahr dazu bringt, sich dem Mann unterzuordnen und ihn zu erheben auf ihre Kosten, lässt Kul nicht ausführen.

10. Tag

Kul sagt einen einfachen, fast erschöpft klingenden Satz über seine neue Schule, ernüchtert: „Hauptsache, die Kinder können schreiben.“

Er will viele Kinder von Angpang in Regierungsposten bringen, zur Polizei oder in die Armee. Damit sie im Alter eine Pension haben. Damit sie weitere Kinder der nächsten Generation aus ihrem Dorf in diese Ämter ziehen können.
Keiner soll mehr einfach den Beruf des Vaters übernehmen, Zimmerer und Maurer. „Davon haben wir zu viele.“

Sein Sohn Mekh musste mit 15 Jahren in die Emirate, als Arbeiter in die Ölfelder. „Ich hab dir die Geschichte schon erzählt: Die Maoisten kamen (um das Jahr 2002) in unser Dorf und wollten Jungs in ihre Armee pressen. Ich hab ihn blitzschnell in die Emirate gebracht.“
Blitzschnell heißt, mit viel Bakschisch. Mekh hat dort seitdem eine sehr harte Arbeit. Er verdient 300 Euro im Monat. Er gehört zu einem Heer von Nepalesen, die auch in Malaysia arbeiten, die ihren Familien als Väter fehlen, die ihrem Land als Arbeitskraft fehlen. Kul betont diesen letzten Satz. Und er beklagt, dass die zurück gelassenen Ehefrauen mit den Kindern nach Kathmandu ziehen können, weil sie durch den Auslandslohn „reich“ sind (also dem Dorf fehlen), und bequem und eingebildet werden.

Er würde aber selbst gern als Rentner in Kathmandu leben. Im quirligen, bunten Leben. Doch er muss zurück nach Angpang. Dort päppelt er sich selbst optimistisch auf: „Haben wir nicht eine so gute Luft? Und Stille?“
Dann fragt er mich, verschwitzt von der Ernte: „Ich hab ein hartes Leben hier, oder?“ Ich sage: „Aber ein gemütliches Leben.“ Kul drauf: „Ja, wir haben Freiheit. Wir können arbeiten, wann wir wollen.“

Viel später sickert ein anderer Satz in mir durch, den hier auch sagt. Dass jeder in Angpang immer existieren kann, egal wie wenig Geld er hat. Weil er sein Stück Land hat, weil es ihm zu essen gibt. Mutter Erde.

Ich schau zwei Männern zu, die in einem leeren Klassenzimmer schreinern. Sie bereiteten hier die Notklassenzimmer draußen im Hof vor, und jetzt bauen sie einen Schulschrank. So schnell und einfach und gut. In Deutschland hinge dafür die ganze Wand voller Maschinen und Werkzeug. Hier tun es Säge, Stemmeisen, Hammer und Hobel. Die Hobelbank ist ein Brett, das auf zwei Pfosten genagelt ist, die im Lehmboden stecken.
Die Männer arbeiten schnell. Auch bei anderen Bau-Aufgaben.

Danach geh ich runter zum Bach im Wald. Sehe einen winzigen Vogel fliegen. Sehe eine Mutter, in ihrem traditionellen Gewand, beladen mit einem Korb voller Gras, und ihre kleine Tochter über die Steine im Wasser balancieren. Alles sieht so alt aus, so zurück in der Vergangenheit.

Am Rückweg streife ich die zwei kleinen Waldtempel. Sie sind uralt. Ihre Entstehung stammt aus der Zeit vor dem Hinduismus. Wie sagte Walter, als ich meine Dias zeigte in der Ratsstube? „Der Schamanismus in Nepal hat uralte Wurzeln, und die leben noch. Auch bei uns. Wir haben die gleichen uralten Wurzeln.“ (Er war über zehn Jahre dem Schamanismus der Indianer verbunden, nimmt aber seitdem bewusst Abstand.)

Dann zu einem heiligen Felsen am Rand des Dorfes. Mit Kul. Er schimpft, weil jemand hinten mit hellblauer Farbe draufgesprayt hatte: Welcome.
Das muss wieder runter.
Er erzählt, wie er beim Bau der neuen Straße einer Familie etwas Land abtrat, die an dieser Straße neu bauen wollte. Gleich vor ihrem Grundstück war eine Gebetsmauer, eine lange Mani-Mauer mit uralten Steinplatten, die es oft gibt in Nepal und die unbekannte Schriftzeichen tragen. Als Kul später mal wieder hinkam, war die Mauer beschädigt. Er ahnte, dass sie keiner reparieren würde, und machte extra ein bisschen Theater. Einen Tag später war sie repariert. Kul: „Wir müssen doch das Alte achten! Auch wenn keiner weiß, wer diese Mani-Mauern gebaut hat, brauchen sie doch Respekt.“

Er lobte deshalb die Japaner, die den Beginn der Straße nach Angpang bauten, kurz nach Kathmandu. Weil sie wegen zwei Waldtempeln am Hang die ganze Straße drum herum legten.

11.Tag

Ich notiere ab und zu, was Carlotta (18) brauchen könnte, wenn sie für ein Jahr nach Angpang kommt. Zum Beispiel einen breiten Regenschirm, unter den man sich gut hocken kann, wenn es schüttet.

Es goss einmal, als ich bei Durgas Haus vorbeilief, einem der Macher von Angpang an Kuls Seite. Er reparierte sein Motorrad. Er reparierte weiter. Und er reparierte patschnass immer noch, als ich nach 1/2 Stunde aus seinem Haus daneben kam, wo ich mich hingeflüchtet hatte. Und Tee bekam. Und eine Rettung vor dem nächsten Blutegel. Weil seine kleine Tochter mit einem Adlerblick im Halbdunkel der Küche das Ding an meiner Jacke entdeckte.

Kul: „Ob es Carlotta hier aushält? Ich glaub, ich muss mit ihr alle sechs Wochen wandern, damit sie mal rauskommt.“ Er erinnert sich an Marina, Ingo, Bettina, Caro, Hannah und Leona, die hier waren. „Mit Hannah und Leona (zwei Studentinnen aus Koblenz) hab ich mich abends immer so gut unterhalten. Aber dann wollten sie mit unseren Frauen und Mädchen rauf in den Wald, Laub holen. Ich hab gesagt: Das ist zu gefährlich, bleibt hier. Ich hab die Verantwortung. Aber sie haben gesagt: wir sind erwachsen! Und sind gegangen.“
Dann brachte er sie über den Pikey (4060 m) nach Jiri zum Busabfahrtplatz zurück, 4 Tagesmärsche weit. „Beim Abwärtsgehen vom Pikey konnten sie plötzlich nicht mehr. Ich hab gesagt: ,Aber ihr müsst gehen! Thomas hat es auch geschafft!‘ Aber sie sind stehen geblieben. Sie sind nicht Thomas. Sie können keinen Schritt mehr. Schließlich sind sie Kinder. Und morgen müssen sie in Jiri sein und am nächsten Tag in Kathmandu. Ich soll sie dahin bringen. It was so funny! I did not know what to do.“

Am Ende kam ein Sandlastwagen vorbei. Der war die Rettung.

Kul erzählt von seiner Mutter. So liebevoll, herzlich, mit einem feinen Ton in der Stimme. Ihn haben alle Nepalesen, wenn sie von Menschen erzählen, die ihnen nahe sind.
Sie war erfüllt von Güte gegenüber den Armen. Sie sagte einmal, als ihr Vater und sein Nachbar um Land gespielt hatten und der Nachbar alle Terrassen verloren hatte : „Das geht nicht. Spielt um Geld. Das ist ungültig.“ Später akzeptierte sie eine Flasche Wein, die der Nachbar brachte.
Sie und ihr Mann halfen so vielen Leuten aus, dass bei ihrem Tod 2 kg Papier da waren, alles Schuldscheine. Kul zerriss sie. „Wer seine Schuld zurück bezahlen kann, der kommt. Andere schaffen es einfach nicht.“
In Angpang gibt es vier Brüder. Einer von ihnen ist arm. Die anderen helfen ihm nicht. Kul versteht es nicht.

Kul: „Am Ende von deinem Leben musst du gute Taten hinterlassen, nicht Besitz.“ Er hat die Nase voll von Besitz, weil sich seine Onkel so mit seinem Vater um das Erbe des Großvaters gestritten hatten, jahrelang.

—-

Wir laufen nach Kerung, eine 3/4 Stunde über den Berg. Wir treffen eine kleine alte Frau mit Goldschmuck in der Nase und einem so guten, lachenden, runzeligen Gesicht.

Wir sehen eine Gruppe von Frauen und Kindern, wo eine alte Frau zu tanzen beginnt, weit entfernt. Es ist jene alte Frau, die mich vor zwei Jahren bei einer Hochzeit zum Tanzen einlud. Sie erkennt mich wieder. Sie lacht und tanzt und ich erinnerte mich, wie ihre Bewegungen damals Liebe entfachten – so ist Nepals schöne Flötenmusik, das sanfte Wiegen der Körper.

Wir gehen nach Patale, einem kleinen Marktflecken, bergauf. Kul stoppt bei drei Häusern: „Alles meine Verwandten.“
Unterwegs in einem kleinen Restaurant sitzt eine schöne, stille, junge Mutter. Sie hat vor drei Tagen ein Kind geboren und brachte es ihren Schwiegereltern zum Anschauen. Jetzt muss sie zurück. Junge Männer legen sie auf eine Bambustrage und binden sie fest und tragen sie den Berg runter. Es sind so einfache, gute Männer.

Im kleinen Hotel vor Patale lächelt das mongolisch aussehende Mädchen so schön beim Tee einschenken. Sie ist nur 17 und macht alles, Essen, Feuer, Bedienen, Butter stampfen, Zimmer vergeben. Ihre Oma hat ein schönes altes Gesicht.

In meinem Zimmer bekomm ich Läuse. Hatte ich schon mal im Zelt bei Kul. Meine Klamotten ausschütteln etc hilft hier nicht (das half im Zelt). Ich ziehe auf den Flur und schlaf am Boden. Die Läuse im Haar rubbele ich so, dass sie verglühen.

Am Hang gegenüber steht ein großes Haus mit rostbraunem Dach. Es wurde auch vom Erdbeben leicht beschädigt. Drin wohnt ein vom Butterhandel reich gewordener Mann, erzählt Kul.
Kul bat ihn, als er vor zwei Wochen herumlief, um die Erdbebenschäden aufzunehmen, eine wertvolle Statue aus dem Haus zu nehmen, bevor sie verschüttet wird. Aber der Mann tat es nicht. Denn nimmt er sie raus, sagt er, ist sein Haus nicht mehr geschützt.

12. Tag

In dem kleinen Hotel sitzen zwei Männer, die geheim auf Landkauf gehen hier in der Gegend. Denn Japaner wollen den Tourismus fördern, jedes Jahr ein dreiwöchiges Outdoorfestival installieren und eine Aussichtsplattform auf dem nächsten Berg bauen, für den Blick auf den Everest. Durch den Rummel wird das Land wertvoll.
Kul meint, dass Publikum dafür da ist: Es sind Inder, die es nicht zu Fuß in den Himalaya schaffen, und Tiefland-Nepalesen.
Wir steigen auf den Berg (ca 2900 m). Sein Hang ist bis oben hin ordentlich mit Kartoffeln bepflanzt, eine Leistung der Bauern. Ihre Kartoffeln haben großen Ruhm. Sie sollen bei Diabetes gut sein.
Wegen Nebel sehen wir nix vom Everest.

Nebenan in Patale ist Markt. Fliegende Händler verkaufen alles, von Bananen bis zu Töpfen. Ein älterer Mann liegt am Boden, auf den Arm gestützt, spricht etwas und kippt dann um. Er ist betrunken, der Großvater einer Schülerin von Angpang. Kul: „Der Alkohol ist in Nepal ein großes Problem für die Männer.“

Zwei Schneider sitzen am Boden, ihre Nähmaschinen vor sich. Ihre Jacketts sind sehr sauber und schön, als Werbung. Es sind kluge, freundliche Männer. Sie flicken, was die Kunden bringen. Aber sie gehören zur untersten Kaste. Kul dürfte sie nicht in sein Haus lassen. Doch sie können inzwischen an offenen Treffen im Dorf teilnehmen. Kul vermutet, dass diese Kastengesetze in 20 Jahren hinfällig sind: alles wird freier.

Er schätzt die Priester dieser Kaste sehr. Zu ihnen geht er lieber als zu seinen Hindupriestern. Diese hält er für egoistisch, hart und eingebildet.

In der altertümlichen Hauptstraße von Patale haben junge Leute ein Computergeschäft eröffnet.

Am Heimweg treffen wir die Eltern eines Mädchens, das hinkt und das unser Verein in seiner Ausbildung fördern soll. Kul will es davon abhängig machen, ob das Mädchen die Abschlussprüfung für die 10. Klasse schafft. Einige Tage später kommt die gute Nachricht, dass es durchgekommen ist.

Bild: Oben auf dem Höhenzug soll die Aussichtsplattform entstehen. Der erwartete Touristenboom verleitet viele Nepalesen zum Hotelbau in der Nähe. Die Bodenpreise steigen. Kul: „Früher hat sich kein Mensch für unseren Distrikt interessiert. Plötzlich kauft jeder Land. In Salleri sind die Quadratmeterpreise so hoch wie in Kathmandu.“

Salleri besteht aus einer drei Kilometer langen Geschäftsstraße, einer Art Champs Elysee
Salleri besteht aus einer drei Kilometer langen Geschäftsstraße, einer Art Champs Elysee

13. Tag:

Kul bucht einen Jeep nach Salleri, ins Distriktzentrum. Es ist eine schöne Fahrt wie durch die Alpen, vorbei an abgerutschten Hängen, wo die Straße nur noch ein Rest ist, zwei Spuren im Granitmehl. Wegen dieser losen Hangerde will die Regierung mit dem Wiederaufbau nach dem Erdbeben warten: Sie sollen mit dem Monsunregen ganz abrutschen.

Der junge Jeepfahrer behandelt mich wie einen besonderen Gast. Jeder Tourist wird so bevorzugt. Umgekehrt muss ein Tourist humorvoll sein und Anstand haben. Auch teilen, wenn er etwas zu essen oder zu trinken hat. Jeder Nepali teilt.

Sallerie ist wie ein Paris der Berge. 3,5 km lang klebt Shop an Shop. Wer als Frau hingeht, zieht ein Kleid an. Der Sari ist provinziell.
Hier kommt ein tolles Völkergemisch zusammen: ordentliche Tibeterinnen mit saubersten Kleidern und europäischen, klaren, festen Gesichtern; buddhistische Mönche, offen stillende Mütter, mohammedanische Männer, Bankleute, Schreiner, Hirten, Steineschlepper, elegante Frauen, kluge Offiziere und am Schluss ein Mann, der aus den höchsten Bergen zu kommen scheint, braungebrannt, mit Muskeln wie Stahl, blanken Beinen (nur ein Wadenstrumpf drauf), zerlumpt und arm. Er schleppt einen Weidenkorb mit Verkaufsdingen.

In den Läden kauft fast keiner was. Kul vermutet, dass sie nur die Empfangsräume sind für geheime Geschäfte. Jeder Ladenbesitzer muss sich ein Netz von Kunden schaffen bis in die entferntesten Dörfer.
Wir sehen eine Teppichweberin und Frauen, die auf der Straße Hirseähren ausklopfen. Ein Reklameschild wirbt für saubere Energie. Es ist ein von Holländern gestütztes Projekt.

Wenige Häuser haben Erdbebenrisse. An Baustellen wird ungeachtet vom Beben weiter in die Höhe gebaut. Vier Zimmerer laden mich herzlich zum Tee ein.

Wir laufen ein bissl weiter nach Phaplu. Das kleine Hotel dort hat links und rechts Risse hoch. Kul: „Traust du dich, hier zu schlafen?“ Kein Problem. Aber innen klemmt eine Tür, weil das Haus verschoben ist.

Im Abendregen laufen wir noch am Flugplatz entlang und kommen zu einem sehr reichen Haus, fast wie ein Tempel. Es gehörte dem früheren Home-Minister von Nepal. Kul: „Ich schätze den Mann, obwohl ihn viele ablehnen.“ Dieser Mann nahm sich in jungen Jahren viel Land (es war möglich, weil sonst keiner da war oder auf die Idee kam), ließ es später registrieren, wurde Offizier, kam in die Nationalversammlung, stieg auf, spendete seinen Garten als Landebahn (weil dringend ein Flugplatz her sollte, falls der nächste in Lukla im Neben versumpft) und stiftete ein Krankenhaus.

Auch christliche Sekten/Kirchen spendieren Krankenhäuser, um die Kranken zur Taufe zu bringen. Klappt es nicht (wie hier in Phaplu nach fünf Testjahren), ziehen sie sich wieder zurück. In Okhaldhunga besteht so ein Krankenhaus noch. Entsprechend gibt es dort auch Christen. Auch Angpang hat einige wenige. Kul findet, dass diese Werbemethode ein Trick ist. Die Christen hätten deshalb in Nepal einen schlechten Ruf.

Wir kommen zu einem gebogenen Blechhaus. Es ist eine Schnell-Notunterkunft für 350 Euro, ausgedacht in Kathmandu nach dem Erdbeben. Kul staunt: „Dass diese Idee so schnell aufs Land kommt!“ Wir fragen die Frau innen drin, wie es sich so wohnt. Sie sagt, jetzt ist es okay, aber im Winter tropft ihr das Kondenswasser aufs Bett. Dann ist es auch saukalt.

Patschnass kommen wir zurück zum Hotel. Die Straße draußen war schon ein kleiner Fluss. Im Nebenzimmer karteln vier Männer um Samenkörner (aber es steckt Geld dahinter). Kul erzählt mir im Schnelldurchlauf vom hinduistischen Glauben. „Ich hab ein dickes Buch dazu gelesen“, sagt er. „Da stand aber nichts drin vom Töten von Opfertieren. Drum streite ich immer mit den hinduistischen Priestern, warum sie es machen.“ Er tötet kein Tier. Die Priester opfern an bestimmten Tagen Hunderte, ein Blutbad. Jener gute Mann, der in Angpang den Tempel baute (er war die Hebamme des Dorfes), sah solch ein Gemetzel in Kathmandu und wurde verrückt. Er irrte durch die Straßen und starb.

14. Tag:

Kul erzählt noch einmal vom Erdbeben. Es gibt ihm tiefe Befriedigung, dass die Reichen in Kathmandu durch das Beben gezwungen waren, wie die Armen draußen zu schlafen.
Die Bettler bekommen traditionell das Bettzeug verstorbener Reicher (deren Familie wirft es auf die Straße; ich glaub, weil der Tod dran hängt). Die Armen nehmen es und schlafen damit neben den kleinen Tempeln mit dem Feigenbaum. Beim Beben waren die Reichen ihnen gleich. „Aber sie können sich im Notfall nicht durchs Leben schlagen“, so Kul. Verlernt.

Von Salleri sollen wir zurück nach Angpang laufen, ziemlich weit. Kul berichtet, dass man früher alles lief. Seine Eltern brauchten 21 Tage nach Kathmandu, hin und zurück (270 km einfach). Von Lukla aus, dem Flughafen für Expeditionen zum Mount Everest, sind es 14 Tage nach Kathmandu (ich dachte immer, weniger).

Ich soll um 5.30 Uhr aufstehen, sagte Kul am Abend. Aber schon um 5 Uhr macht der Tibet-Händler gegenüber seinen Laden auf. Mit dröhnender Musik: Mein Lieblingssong erschallt. Das „Omne padme hum“, von einem Mönchs-Chor modern gesungen. Das ist seit 10 Jahren „der“ Hit in Nepal. Kann man unendlich oft hören, so beeindruckend.

Wir starten und biegen von Salleri plötzlich nach unten ab. Streifen einen alten Mann, bestimmt 70, der unglaublich fit geht. Sehen ein Turbinenkraftwerk, das die Schweizer gebaut haben. Top funktionsfähig, lobt Kul.
Wir schwitzen bergauf, treffen einen Jungen, der uns entgegenkommt und gegenüber Kul klagt, dass seine Familie nicht richtig bedacht wird von der Regierung wegen des Erdbebenschadens am Haus. Kul setzt sich auf einen Stein, Handy raus, konzentriertes Gesicht. Aber die Regierungsstelle ist nicht zu erreichen.

Über uns hat die Sonne einen runden Regenbogen um sich. Kul sagt, dann könnte ein sehr religiöser Mensch gestorben sein.

Wir gehen durch einen Bauernhof im Dorf Bhitta Kharka, in dem zwei Häuser vom Beben ganz zerstört sind. Weiter oben erzählt eine alte Frau, die in ihrer Wellblech-Notunterkunft ein kleines Restaurant betreibt, dass sich der Bauer deshalb umgebracht hat. Kul: „Er hätte kämpfen müssen. Irgendwann geht es wieder bergauf. Ich war auch als Porter (Gepäckträger) einmal in Kathmandu ohne Geld, ohne Auftrag. Ich hab mich schlafen gelegt und gedacht: Der nächste Tag wird dir etwas bringen. So ist es gekommen.“

Sie erzählt auch, dass in der primitiven Grundschule gegenüber über Jahre hinweg zwei Deutsche unterrichtet haben, die hier wohnten. Aber sie flogen vor kurzem heim, wegen einer Erkrankung.

Während sie uns am offenen Feuer dünne Nudeln kocht, läuft im Lokalradio die Reklame für facebook.com. So treffen sich die Welten.

Beim Weitergehen sehen wir drei Frauen, die idyllisch vor einem Haus sitzen. Sie laden uns zum Tee ein. Innen ist es wie im alten Märchen: Dunkel, voller Menschen, alles einfachst, freundlich. Kul sagt, er kennt jeden, es ist alles seine Verwandtschaft.
Eine alte Frau macht lustig Witze. Jeder lacht. Sie bestellt ein San Miguel-Bier.

Bild:
Der Sonne-Regenbogen, genannt Halo. Damit Halos entstehen können, müssen Eiskristalle möglichst regelmäßig gewachsen und durchsichtig klar sein. Meist bilden sie sich in großer Höhe von 8 bis 10 km.

14. Tag, zweiter Teil:

Wir kommen zur kleinen Schule, die Angpang gegenüberliegt, auf einer Bergnase, im grünen Nichts. Drum herum stehen nur wenige Häuser. Drei sind aus Holz. In einem war der so freundliche Englischlehrer gerade, als das Erdbeben losging. Er wohnt in dem kleinen Raum. Nichts brach ein. Das Holz hielt.

Er führt mich durch alle Klassen. Überall die guten, klugen, freundlichen Kinder in ihren blauen Schuluniformen. Sie sitzen in den neuen niedrigen Noträumen, Plastikplanen über sich, keine Fenster, auf den hinteren Bänken tiefe Dunkelheit, überall tropft es auf die Hefte. Ich bin eine kleine Sensation.

Die Lehrer müssen in diesem Nirgendwo aushalten, bis sie Ferien haben. Zur nächsten Stadt (Salleri) ist es zu weit zum schnell mal Hingehen. Der Englischlehrer wohnt 8 Stunden Fußweg entfernt.

Die Kinder haben oft eine Stunde Schulweg. Werden sie vom Monsun überrascht, „dann rennen sie wie eine Rakete“, sagt ein Lehrer.

Ein Lehrer humpelt stark. Er braucht einen Stock, um sich vorwärtszuheben.

Kul will mit unserem Spendengeld aus Deutschland auch dieser Schule helfen, wegen der Bebenschäden. Aber erst, wenn klar ist, was eine der vier großen internationalen Hilfsorganisationen gibt, die alle von der Regierung die Erlaubnis bekamen, sich die 22 000 beschädigten nepalesischen Schulen aufzuteilen. Hier ist „Read Nepal“ zuständig.

Wir laufen bergab nach Angpang. Kommen an einem einfachen Holzsägeplatz vorbei, wo die Männer von Hand dicke Bretter aus gefällten Bäumen sägen. Kul: „Es gibt auch schon Diesel-Handkreissägen, aber damit sägt man schief.“

Unten am Bach ist eine Hängebrücke, idyllisch, von Kuls Großvater und Vater gebaut. Aber Kul erzählt vom Unglück hier: Vor Jahrzehnten war die Ernte so schlecht, dass jeder im Dorf hungerte. Deshalb mussten sein Vater und dessen Bruder über den Bach, um vom anderen Hang Getreide zu holen. Sein Vater ging als erster über die Brücke, schwer beladen. Als er zurück sah, war sein Bruder verschwunden. Er fiel in den reißenden Bach und ertrank.

Entlang dieser Brücke ist eine Schnur gespannt. An ihr hängen vertrocknete Blumen, kleine Haushaltsachen, eine rostige Schere. Diese Dinge knüpft man jedes Frühjahr hin. Dann kommen mehrere Priester und segnen den Bach. Es ist eine wichtige Zeremonie, an der jeder teilnimmt.

Wir steigen den Hang hoch nach Angpang. Uns kommt ein lachender älterer Mann entgegen, mit einer alten Handtrommel im Arm. Er spricht lang mit Kul. Kul sagt danach zu mir: „Hast du die Trommel gesehen? Es ist die Schamanentrommel. Er bringt sie zu dem Schamanen, der die ganze Nacht durchtrommeln will, damit der alte Mann vom Milchhaus, der gestern von einem Büffel getreten wurde und im Krankenhaus ist, gesund wird.“

Jener Schamane, der Kuls kleinem Enkel half, ist übrigens blind. Er saugte beim Behandeln aus dem Bauch des Jungen ein Stück Fleisch, das angeblich schuld war an der Bewußtlosigkeit. Aber Kul winkte ab: Ein Trick.

Am Dorfrand gehen wir durch ein Grundstück, neben dessen einfachem Haus eine Mutter mit ihren Kindern steht. Kul spricht kurz mit ihr. Später schüttelt er verständnislos den Kopf: „Wie kann eine Mutter ihre Tochter nicht in die Schule schicken? Morgen geh ich nochmal zu ihr und rede mit ihr.“

Danach treffen wir einen Mann, der mit Rucksack und breiter Campingtasche entgegenkommt. Kul unterhält sich freundlich, ist aber danach unwillig: „Er ist einer von denen, die vor Jahren nach Kathmandu gezogen sind, als hier alles arm war. Und jetzt, wo es in Angpang gut geht, kommt er wieder. Aber er hat nichts dazu beigetragen, dass es so gut geht. Er ist ein Egoist.“

15. Tag

 

Wir besuchen Kuls Freund Bishnu. Kul bewundert dessen Frau, weil sie so viele Ideen hat und so geschäftstüchtig ist, zum Beispiel mit dem Handel von Ziegenfleisch.

Wir sitzen im ersten Stock, wo es halbdunkel ist, obwohl draußen die Sonne scheint. Bishnu bekommt etwas Licht auf seine Beine, barfuss. Wie im Film. Es sieht aus wie in einer Hütte in der Südsee zur Zeit der Seefahrer. Bei den Menschen dort, die ein „an die Erde gewachsenes“ Leben haben.
Seine Füße sind so beweglich wie jene einer jungen Frau, die wir gestern sahen. Es schien, als seien ihre Füße Hände. Kommt vom vielen Barfußlaufen.

Die Tochter von Bishnu, ca 15, soll das eingeweichte Getreide auf einer Plastikplane zusammenkehren und in einen großen Plastiksack füllen, zur Gärung als Bier. Sie hat keine Lust und macht es so widerwillig wie ein West-Tenager. Dann klingelt ihr Handy. Man kann es an einem Pfosten neben der dunklen Holztreppe aufladen, wo geballt ein Haufen Mini-Elektrik herumhängt. Neue Zeiten ziehen in das alte Gebälk.
Eigentlich sind alle Nepalesen unter 40 schon in der modernen Zeit angekommen. Aber ihre Umgebung ist noch alt.
Die erste Welle der Modernisierung machten die Geschäftsleute. Die zweite Welle kommt durchs Handy, durch die Jugend.

Kul erzählt von den Touristen, die er in seinem Leben führte. „Ich könnte ein Buch drüber schreiben.“ 85 Prozent der Touristen hätten ein gutes Herz. Vom Rest ist die Hälfte aus Israel, meint er.

Ich merke bei mir, dass ich feiner fühle. Macht wahrscheinlich die Bergluft. Drum ziehen vielleicht die Lamas in die hohen Berge, wenn sie meditieren wollen.

Ich geh an Kuls Küchenfenster außen vorbei. Ein Schwupp Wasser fliegt raus. Haarscharf vorbei. Kuls Frau Kalu kocht.

Hinten auf der schmalen Terrasse zum Tal hin mach ich Gymnastik. Dipesh kommt vorbei, in seiner Schuluniform. Er streift zügig durch den regennassen Mais nachhause (eine Abkürzung) und lacht.
Ich hab schon mal 12 Jungs hinter mich gestellt, in einer Reihe, und vorn meine Gymnastik gemacht und gespäht, ob sie hinter mir alle mitmachen. Ein großer Fez (bayr.: Spaß). Bipan, der kleine Bruder von Dipesh, kann sich immer gar nicht beruhigen, so lacht er.

Er wird aber immer ganz ernst, wenn er einmal in der Woche, am Samstag (= Sonntag), seine Füße waschen muss. Abschrubben mit Warmwasser in einer Schüssel, vom Feuer geholt. Die Plastiksandalen auch gleich mit. Und am nächsten Tag hat er auch andere Klamotten an. Die bleiben dann bis zum nächsten Samstag dran. Tag und Nacht. Außer, die Schuluniform kommt.

Während er rumschrubbelt, hört seine Oma den Bruder in Englisch ab. Ein ganz dolles Bild, weil sie uralt ist (82), ganz runzelig im Gesicht, klein und aus einer anderen Zeit.

Kul vermutet, dass die Familie ganz gut lebt, weil die Oma als Witwe eines Ghurka-Soldaten eine gute Pension bekommt. Schon braucht der Schwiegersohn nicht mehr auf seinen Feldern zu schuften. Er widmet sich dafür, wie er sagt, der Sozialarbeit: Er ist in drei Schulen als Elternbeirat oder Helfer und koordiniert auch die Erdbebenhilfe des Distrikts ein bisschen mit. Nur ist die unrealistisch: Zu wenig Geld; zu viel Zwang, in der nassen Monsunzeit neu zu bauen, wo alles Holz verschimmelt. Jeder kritisiert sie.

Dieser Distrikt stellt für jedes Dorf einen „village secretary“. Der untersteht dem Bürgermeister, hat aber momentan fast dessen Job, weil es seit 18 Jahren keine Bürgermeisterwahl mehr gegeben hat.
Kul kontert ihn gut, weil er durch seine Aktivitäten eine Art Dorfführer geworden ist.

16. Tag

Ich schau vor, Kuls Haus stehend, ins Tal. Links steht das kleine Toilettenhäuschen. Sein Fenster hat auch diesen schönen Ausblick. Drin muss man auch duschen, einfach mit einem Eimer Wasser über den Kopf.
Chet, Kuls Tochter, schaut kurz aus dem Küchenfenster rechts: „Thomas! Breakfast is ready!“ Sie hat so eine freundliche, sanfte, herzliche Stimme dabei. Hab ich heut noch in mir.

Wir gehen danach zu den drei Webereien. In der großen unterm Dach, wo die Sonne hereinscheint und alles mit Holz ausgekleidet ist, liegt Lebensglück. Bei der dritten war ich vorher noch nicht. Sie ist die einfachste, in einem alten Wohnhaus am Weg nach Kerung. Die Frauen dort haben kaum Tageslicht. Trotzdem machen sie feinste Spezialmuster: Schrift in die Stoffe.

Ich sag Kul, dass er dort die Lampe von Klaus Hünig einsetzen könnte, die er einmal im Internet entdeckt hat und geschickt: Sie funktioniert ohne Strom. Man zieht einfach ein Gewicht hoch, und wenn es runterläuft, dreht es einen Dynamo. Aber Kul sagt, das Licht sei zu schwach.

Alle Weberinnen schenken mir sehr herzlich Stoffe, die sie gemacht haben. Ich weiß nicht, warum so viel Sympathie.

Kul erzählt von einem alten, schmalen, braun gebrannten Mann, 72, den wir treffen. (jeder ist braungebrannt; die Haut unter dem Hemd auf dem Bauch, wo nie Sonne hinkommt, ist viel heller). Sein Sohn lebt in Indien. Somit fehlt er, um sich um die Eltern zu kümmern. Eltern müssen umgekehrt immer für Kinder sorgen, bis diese selbstständig wohnen. Danach müssen die Eltern für ihre Nachbarn da sein.

Am Abend schenken mir Chini und und ihre Kinder Dipesh und Bipan auch kleine Webstoffe. In ihrer halbdunklen, alten Küche. Mit so viel Traurigkeit der Jungen, weil ich morgen gehen muss. Rudra, der Vater, sagt: „Sie kommen bestimmt mal nach Deutschland, wenn sie groß sind.“ Ich schau, dass das geht.

Zu Kul kommen plötzlich alle Männer vom leitenden Dorfteam zu Besuch. In die abendliche Küche. Nur wegen mir. Abschied. Ich bekomme von jedem einen Kata, den Abschiedsschal.

 

Durch Flussbetten, durch Schlaglöcher - die Fahrt ist rau
Durch Flussbetten, durch Schlaglöcher – die Fahrt ist rau

17. Tag

Abfahrtstag. Früh aufstehen, 5 Uhr. Plötzlich tauchen alle Kinder der drei Häuser auf, alle mit Abschiedsschals für mich, Renuka, Janaki, Manila, alle still und ernst. Bipan und Dipesh sind voller Trauer. Sie winken von ihrem Balkon, während wir durch den Wald nach oben steigen zur Straße. Alle Ballspiele auf dem Hof sind vorbei, das Lachen, Spiele ausdenken, Nepali lernen, Jux machen.

Sie träumen von dieser Welt, die wir Westleute haben. Dipesh stellte sich einmal ein Auto zusammen, aus Holzstücken und einem alten Lenkrad.
Er ist einer, der immer lacht.

Unser Jeepfahrer ist ein junger, sehr beweglicher Mann, mit Verantwortung im Gesicht. Anders als der Fahrer bei der Herfahrt, der erst zufrieden war, wenn er eine kritische Situation hergestellt hatte. Die genoss er dann kurz und schimpfend, dann löste er sie langsam auf.

So ein Fahrer verdient fast nichts, sagt Kul. Das meiste Geld geht an die Ticketverkäufer. Die Jeeps gehören einem Mann, der viele besitzt. In das Geschäft reinzukommen als Fremder, ist kaum möglich. Das Dorf Angpang könnte sich nicht ein eigenes Taxi/Jeep-System aufbauen.

Die Fahrt ist sehr schön: Klarer Blick auf die Schneegipfel des Himalaya, grün bewaldete Abgründe hangabwärts, tief, immer mit einzelnen Häusern besetzt. Manche Häuser noch mit Strohdächern. Ein Fotograf wäre begeistert und würde ein Buch draus machen, bis runter zum Fluss, wo auch ein altes Strohdachhaus steht, mit einem Reklameschild an der Wand: Smartphone.

Kul erzählt, dass er in der Nacht wenig schlief, weil seine Frau Kalu Zahnweh hatte. Das kommt öfter und geht wieder.

Unser Fahrer wird immer müder. Nach 8 Stunden kommt Kathmandu – ein Gigant. Die äußeren Stadtviertel voller Metall- und Ziegeleifirmen. Überall kleine Geschäfte. Dazwischen die neuen, reichen, schönen Häuser, farbenfreudig bemalt und oft in antikem griechischem Stil, mit Walt Disney-Touch.

Ein Mitreisender empfiehlt eine Hintenrum-Straße als Abkürzung, weil vorn Stau. Im Stau schwirren viele Motorroller. Passanten oft mit Atemmaske.

Als wir ankommen, handelt Kul hart mit drei Taxifahrern für das Reststück zu seiner Stadtwohnung. Es sind zwei Zimmer mit Küche in einem modernen Wohnblock, den ein alter Mann bauen konnte, weil seine Söhne als Ingenieure in Australien und Amerika leben.
Kul bezahlt das einfache Appartement zusammen mit seinem Bruder (90 Euro pro Monat), als Schlafplatz für seine Kinder Kalpana und Ashok, die in Kathmandu ausgebildet werden. Kalpana (23) hat Angpang fast nie gesehen, weil sie bei Tante und Onkel groß werden musste, um eine gute Schule zu haben. Ashok (18) ist auf dem Sprung ins College.

Kalpana machte hier das Erdbeben mit, im Haus. Es war so schockierend, dass sie nicht davon erzählt.
Sie spricht fließend Englisch, lacht dabei, ist aber ernst, wenn sie für sich ist. Das kann daher kommen, weil sie Medizin studieren wollte, und es nicht ging. Sie dachte als junges Mädchen, dass ihr Vater genügend Ausländer kennt, die sie unterstützen könnten. Aber dieses Studium kostet 40 000 Euro. Als Kul ihr sagte, dass es nicht geht, sprach sie über Jahre tief enttäuscht nicht mehr mit ihm.
Sie wurde mit dem Bachelorabschluss Lehrerin. „Alle sagen, dass ich eine gute Lehrerin bin. Das hätte ich gar nicht gedacht. Aber ich will noch weiter studieren und den Master machen. Danach mache ich in Kathmandu eine Sprachschule auf. Ich will selbstständig sein.“

Den Doktortitel hat sie auch noch fest vor. Wenn es in der Medizin nicht geklappt hat, dann halt in Literatur. Sie will im Ausland studieren, möglichst in Australien. Und sie will jetzt alles ohne ihren Vater schaffen, ohne seine Beziehungen.
Kalpana ist so dynamisch und entschieden. Die neue nepalesische Frau. Ohne Hindu-Fesseln.

Ashok will hingegen Arzt werden. Er ist auch fest entschlossen. Er will diesen Dr.-Titel. Er ist ein sehr herzlicher Mensch, gemütlich und still.

18. Tag

Wir treffen Madeleine Steurer wieder. Sie half unserem Verein, Spendengeld zu überweisen, ohne dass es die Regierung wegnahm. Ihr Mann Roland ist in der Entwicklungshilfe.
Madeleine nimmt uns zum Shanti Lepra Zentrum mit, das Marianne Großpietsch aus Dortmund 1992 in Kathmandu gründete. Davon hatte Christine Wilhelmi erzählt, die als Hamburger Lehrerin nicht weit von Angpang ein Schulzentrum aufgebaut hat. Sie nahm von dort gute Ideen mit, was man in den Bergdörfern mit einfachen Mitteln herstellen kann.

Im Zentrum treffen wir zum Glück sofort auf Heiko, den Sohn der Gründerin. Er lebt wie ein Hippie, entspannt und exotisch. Er sagt: Viele der früheren Herstellungsideen haben sie gelassen, weil kein Markt dafür da ist. Die Käufer fehlen. Die Menschen sind zu arm.

Durch die Werkstätten, die blieben, führt er uns: Frauen und Männer bemalen selbst gemachtes Papppapier zu Elefanten, flechten bedruckte Zeitungsstreifen zu Bögen für Schreibpapiermappen, pressen Altpapier zu Heizbriketts, backen damit in verbesserten Lehmöfen: Wenig Wärmeverlust, regelbare Luftzufuhr durch eine Blechscheibe mit Löchern.

Kul ist fasziniert von den Briketts. Er will noch einmal kommen und die Pressmechanik ausmessen zum Nachbauen. Eine Familie in Angpang, sagte er vorher, könnte von diesen Briketts leben. Aus Laub und alten zerrissenen Büchern der Schule was machen.

Es lohnt sich, im Internet die Geschichte der Shanti Leprahilfe nachzulesen. Wie Marianne Großpietsch einen leprakranken Jungen adoptierte, in Deutschland zum Abitur brachte, seinen von Lepra verkrüppelten, sterbenden Vater sah und ein Hilfszentrum aufbaute. Dafür spendete auch Hape Kerkeling.
In dem Zentrum können auch Volontäre arbeiten. Wir treffen zwei deutsche Mädchen.

In Bhaktapur. Trümmer, geschlossene Geschäfte
In Bhaktapur. Trümmer, geschlossene Geschäfte

Ich fahre mit dem Bus nach Bhaktapur, eine alte Königsstadt 15 km entfernt. Drei Schüler neben mir sagen, wann ich raus muss im endlosen Häusermeer von Neu-Bhaktapur und führen mich zur Altstadt rauf. Nur sie ist vom Erdbeben zerstört. Hier sind viele schmale Häuser in den engen Gassen zusammengestürzt. Die Hälfte der Geschäfte sind zu. Bagger und Lkw räumen Schutt. Ich denke mir, hier wäre es gut, wenn Deutsche wiederaufbauen. Weil sie schnell und gut sind. Später sagt uns Roland Steurer, dass die deutsche Entwicklungshilfe diese Aufgabe bekam.
Im alten Tempelbezirk führt mich ein junger Mann, der von der Hotelfachschule kommt und keinen Job bekam. Er erzählt, dass er beim Erdbeben Glück hatte. Er war mit Touristen unterwegs im Freien. Aber ein Freund von ihm, der französische Touristen führte, starb unter herabfallenden Tempelbalken. Er erzählt mit weicher, mitfühlender Stimme von ihm, still.

Der junge Mann zeigt mir eine Thanka-Malschule, wo die Lehrer am Boden sitzen und prachtvolle Gemälde malen, mit feinstem Pinsel und unglaublicher Schönheit. Sie meditieren vorher lange. Dann haben sie das Motiv aus der hinduistischen oder buddhistischen Götterwelt vor Augen, vorher nirgends jemals gewesen. Und malen.
Die Verkäuferin erzählt alles. Ich sage, ich kann nichts kaufen. Ich kapiere, dass seit dem Erdbeben, 25. April, niemand kaufte. Weil kein Tourist da ist.
Nebenan ist eine Schal-Weberei. Auch hier keine Kunden.

Wir gehen zum Töpfermarkt, einem Platz mit Handtöpfereien und großen Brennöfen. Die Häuser außen herum sind teils beschädigt. Kein Tourist. Ältere Frauen sitzen in der Sonne und rücken schnell ihre Blusen hoch, als ich komme. Sie wollten etwas Sonne auf ihren Busen. Ein junger Töpfer sagt, er hat schon allen seinen facebook-Freunde im Ausland geschrieben, dass Bhaktapur noch steht, dass seine Töpferei wieder anläuft, dass sie Touristen brauchen.

Ich esse in einer ganz kleinen Küche bei einem Innenhof-Tempel heiße Linsenpfannkuchen, eine Spezialität des Newari-Volkes. Die wortkarge Frau, die sie backt, schenkt mir am Ende einen Pfannkuchen. „Here, Sir, this is a present from me for you!“ Sagt sie still, in mühsamem Englisch. Ich träume später von ihr, dass sie wie eine Mutter zu mir ist.

Ich finde den Busstop für die Heimfahrt (25 Cent). Er ist neben 50 weißen Kastenzelten aus China, die in einer Reihe stehen als Notherberge für die Erdbebenfamilien.

Der Bus zurück führt Meilen durch Kathmandu. Ich schau mir verzweifelt die Fassaden an, ob ich erkenne, wann das Zentrum kommt. Am Ende frage ich den Fahrer. Er und sein Hilfsjunge, der immer Kunden herbeiruft bei den Stops und kassiert, sind sehr freundlich. Irgendwann zeigen sie: Raus und da lang. Ich laufe in die Altstadt. Aufatmen: Da ist Kathmandu schön. Die Gassen, die kleinen niedrigen Läden, die alten Häuser, die Tempelglocken, die Basarstimmung uralter Zeit.

19. Tag

Den berühmten Tibet-Bookshop durchstreift: 1000 Bücher über Tibet. Auch den ähnlich bekannten Pilgrims-Bookshop entdeckt: Er ist zur Hälfte mit gutem Kunsthandwerk voll.

Mit der Ehefrau meines Hotelbesitzers unterhalten, über die Frauen in Nepal. Weil ich immer beobachte, dass sich die Frauen für sich halten, getrennt von den Männern. Es gibt auch kein Flirten zwischen Mädchen und Jungen. Ab und zu sieht man Jungen Hand in Hand: Keine Homosexualität, sondern ein Zeichen guter Freundschaft
Sie sagt, dass die Mädchen und Jungen immer noch von ihren Eltern verheiratet werden. Aber man kann sich dagegen wehren. Sie heiratete zum Beispiel vor elf Jahren auf eigene Faust eine Kaste nach unten. Sie ist Brahmanin, ihr Mann ist Chetri. Deshalb waren ihre Eltern dagegen.
Zur niedrigsten Kaste gehören die Schneider, Schuster, Schmiede und Silberschmiede.

Sie erzählt weiter, dass die Frauen immer arbeiten, ihr Leben lang. Dies wird aber von den Männern nicht geschätzt. „Die Männer beherrschen alles.“ Es gibt schon ein paar mutige Frauen, die sich wehren, „aber sie werden nicht gehört“.

Sie und ihr Mann wollten gern drei Kinder, aber sie haben nur zwei, weil sie jedem eine gute Schule und Ausbildung geben wollen. Das können sie für das dritte Kind nicht mehr bezahlen.
Einer ihrer Söhne ist noch daheim momentan, weil seine Schule vom Erdbeben komplett zerstört wurde. Der andere Junge kann schon wieder in provisorische Klassenzimmer.

Ihr Hotel „Souvenir Guesthouse“ (reservation@souvenirguesthouse.com) am Rand von Thamel, dem bunten Touristenviertel mit seinen 500 schönen Läden, hat 13 Zimmer und nur zwei Gäste: Eine ältere Holländerin, die als Stammgast extra herflog, um der Familie in dieser touristenlosen Nach-Erdbebenzeit etwas zu verdienen zu geben, und mich.
„Wir haben sowieso nur fünf Monate Saison und kommen schwer durch. Unsere Regierung sollte dem Ausland sagen, dass alles sicher ist, dass die Touristen wieder kommen können.“

Ich kaufe nebenan im Secondhand-Laden extra ein Buch, weil dort sonst nur Ausländer kaufen, und die fehlen ja. Also wird dort überhaupt nix verdient. Es ist die Beschreibung eines Engländers, der 1988 durch Nepal reiste und Entwicklungshilfe-Projekte unter die Lupe nahm (Charlie Pye-Smith: Travels in Nepal) . Er gab sich als Ziel: Unterhaltsam schreiben und trotzdem kritisch. Das gelang. Ein ganz gutes Buch, weil er so viele alte Bücher zitiert, wie Nepal langsam aus einem isolierten Königreich in den West-Konsumrausch fiel. Schockierend sein Besuch bei einem kleinen Ureinwohnerstamm (Chepang) in den niedrigen Bergen neben Kathmandu, der damals von den Brahmanen gezielt betrickst, ausgenommen und existentiell bedroht wurde.

Am Abend bittet mich eine ältere Frau auf der Straße, ihr aus einem Bündel von schönen, kleinen China-Taschen eine abzukaufen, für 2 Euro (im Laden kosten sie einen Euro). Ich muss fürs Kleingeldwechseln ewig im Supermarkt an der Kasse warten. Sie ist so glücklich drüber, dass ich mir diese Mühe mache. Draußen spricht mich sofort noch eine andere Frau an, ob ich ihr auch etwas abkaufe. Sie braucht das Geld bestimmt genauso wie die erste Frau. Aber ich lehne ab. Hinterher ärgere ich mich drüber. Was sind zwei Euro. Aber das Gefühl, ausgenutzt zu werden, ist schuld.

20. Tag

Kul holt mich zum Frühstücken ab. Er denkt, ich will wie alle Touristen in einen der schönen Touristentreffs gehen zwischen den Häusern, wo ein bissl Grün dabei ist. Aber ich geh immer in die einfachen nepalesischen Miniküchen. Kul übersetzt die Speisekarte. Wir nehmen Gemüsepfannkuchen und Yoghurt (curd, eine Spezialität in Kathmandu, vor allem in Bhaktapur). Die Sonne scheint. Ich bin glücklich, obwohl der Blick auf einen Parkplatzhof geht, auf Beton, Autos und Kies.

Wir kaufen Kunsthandwerk ein für die Weihnachtsmärkte hier in Pegnitz (der Erlös hilft dann in Angpang). Dafür gibt es irgendwo im ersten Stock einen Supermarkt, kaum beworben. Wer findet hier hin? Wovon leben sie? Die Treppe nach oben hat Risse vom Erdbeben.

Am Abend sind wir bei Madeleine und Roland Steurer eingeladen. Ein Haus im Garten auf einem Hügel. Zwischen Bananenstauden der Blick auf eine grüne Reisfeldebene (links) und auf den Himalaya (geradeaus).
Madeleine zeigt auf das Asphaltwerk mitten in den Reisfeldern: Maoisten kauften nach und nach still Felder auf, bis sie alles hatten für ihre Ziele. Für Fabriken, für mehr Häusermeer.
Sie erzählt von amerikanischen Sekten, die sich eindrängen. Sie versprechen einer Familie die Einrichtung eines Wasserhahns für fließend Wasser – und bitten dafür um Bekehrung.

Roland Steurer erzählt aus seiner Zeit in Sri Lanka nach dem Tsunami. 1000 Wohnungen gebaut, d.h. die GIZ (Entwicklungshilfe) gibt nur Material, bauen muss jeder selbst. Erst so entsteht Eigenverantwortung für das Haus.
In Nepal kommt er mit den Ämtern gut zurecht. „Die Ebene der Staatssekretäre ist in Ordnung.“ Sehr gut arbeitet das Gesundheitsressort. Aber viele wollen mit einem Amt verdienen. In Sri Lanka gab es deshalb über 80 Minister, in Nepal schon mal vier Dutzend.

Kul ist begeistert von dem Ehepaar. Er freut sich so über ihre Bescheidenheit und Herzlichkeit. Roland Steurer lädt ihn und zwei Freunde ein, an Kursen teilzunehmen, die zeigen, wie man erdbebensicher baut.

Wir werden nachhause gebracht. Der Fahrer ist sehr freundlich, ein wahrer Nepalese. Wir fahren durch die dunklen Straßen. Mir kommt, welch einzigartige Position wir „Reiche“ in diesem Meer von Armen haben.

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