Eine Hamburgerin erlebt Angpang

Mai 2019, Nepal, Anpang (2500 m hoch gelegen) von Marina Sandmeier

Namaste!

Mein Augenarzt Dr. Kaupke hat hier in Hamburg eine Stiftung gegründet (H.I.T. Stiftung gGmbH) und bildet fachfremde Reisende aus, die bereit sind, in Schwellenländern mit Schulkindern Sehtests zu machen. Die Stiftung bezahlt und schickt Brillen dorthin, wo Schulkinder sie brauchen. Er selbst opfert auch seinen Urlaub für diese Tests. An einer dieser Ausbildungen nahm ich teil und beschloss, die Schüler an “unserer” Schule in Angpang zu testen. Einen Koffer mit einem teuren und hochkomplizierten Augenscanner zum Screening und stapelweise Testunterlagen bekomme ich mit und muss mich bei meinem eigenen Gepäck dann sehr beschränken.

Ankunft in Kathmandu: heiß und furchtbar staubig ist es hier; grausam chaotischer, permanent hupender Autoverkehr, überall liegt Müll herum und wilde Hunde und Kühe wühlen darin herum. Eine Müllabfuhr gibt es  immer noch nicht. Auch eine tote Kuh sehe ich am Straßenrand liegen. Kathmandu ist jetzt vor dem Monsun noch staubiger als es bei meinen vorherigen Aufenthalten vor sechs bzw. vor dreizehn Jahren hier im Oktober war. […]

Angpang und Corona

Kul Dhoj blickt auf die von ihm gegründete Schule.

 

In Angpang unterhalb vom Mount Everest begann die Hilfe von „Kinder von Nepal“. Auch dieses Dorf auf 2450 m Höhe erlebte mit, wie das Virus das Leben verändert. Der  „Bürgermeister“ Kul Dhoj – er ist der Motor der Entwicklung; einen eigentlichen Bürgermeister gibt es nicht – blickt zurück auf das Jahr:

„Unter den jungen Leuten waren all jene außerhalb, die Zimmerleute oder Maurer sind. Aber unglücklicherweise verloren sie durch das Virus ihre Arbeit und mussten heimkehren. Auch jene jungen Leute, die in Norwegen arbeiten, verloren ihre Anstellung.

Bei jedem lief  das Leben jetzt sehr langsam. Denn der Lockdown löste einen großen Druck aus. Es war sehr schwer, all das zu bekommen, was in einem Haushalt nötig ist oder was man täglich braucht. Jeder hatte so viel Angst vor dem Virus. Jeder war am Anfang so besorgt. Aber immer noch sind wir hier sehr sicher. Doch es fehlen die Jobs. Keiner hat ein Einkommen. Ein Vorteil war immerhin, dass es die Familien wieder genießen konnten, zusammen zu kommen. Normalerweise arbeiten ja alle Jugendlichen weit weg.

Viele junge Leute kamen zurück von Gurkha, von Namche Bazar und Pokhara, als sie ihre Arbeit verloren. Und ihre Gemeinden zwangen sie für zwei Wochen in Quarantäne. Genauso erging es jenen, die von Kathmandu herkamen.

Dann litten viele plötzlich unter einer Erkältung oder einem Fieber, das es früher einmal im Dorf gegeben hatte. Sie hatten sehr hohe Temperatur und schliefen einen Monat lang. Einige starben daran. Sie dachten, sie hätten Corona. Erst langsam kamen alle wieder zu Zeremonien zusammen. Ab der zweiten Novemberwoche bis zum Beginn des Dezember gab es sogar drei Hochzeiten.

Das Virus verursachte Leid für jeden rund ums Dorf. Arme Familien hingen vom Verdienst ihrer Jungen ab oder vom Lohn des Ehemannes. Und die Anpflanzungen waren nicht bereit für die Ernte. Sogar reiche Familien hatten seit dem Lockdown Probleme. Sie konnten sich keine Vorräte holen. Die Regierung verbot es, selbst zu laufen oder zu fahren.  Wenn jemand krank wurde, brauchte er von der Distriktverwaltung eine Genehmigung oder eine Gesundheitsanalyse oder einen Brief vom Hospital.

Nach drei Monaten des Lockdown kam der Nahrungsmangel. Ich informierte „Kinder von Nepal“ und bildete mit meinen Freunden, die ein gutes Einkommen haben, eine Cooperation. KvN schickte 4000 Euro und wir brachten etwa 10 000 zusammen.

Ich fragte die Verwaltung im Distriktzentrum Salleri, als all das Geld beisammen war, ob ich eine Erlaubnis zum Verteilen bekomme. Danach bat ich die Reishändler, für Angpang große Mengen bereit zu stellen. 985 Säcke a 30 kg wurden verteilt, an alle Familien im Dorf-Verbund, nicht nur in meiner Gemeinde. Diese Spende löste für zwei Wochen die Probleme. Danach konnte jeder selbst Weizen und Himalya-Hirse und Kartoffeln ernten. So war diese kleine Reisspende sehr wertvoll.

Die Folgen des Virus waren nicht nur schlimm für die Zimmerleute und Maurer, weil sie ihre Arbeit verloren, sondern auch für jene Familien, deren Väter vom Trekking abhängen oder die in Kathmandu leben. Der Lockdown begann ja in der Hauptwandersaison im Frühling. Alle Bergführer mussten jetzt in ihre Dörfer und standen da: Sie waren nicht mehr gewöhnt, als Bauern zu arbeiten. So saßen sie in der Falle. Ihre Eltern oder Verwandten halfen ihnen sehr, zu überleben. Inzwischen begannen sie auch mit der Landwirtschaft.“

 

Kul Dhoj schließt einen Blick auf das Geschehen im Dorf an. „In Angpang gibt es 84 Familien. Fünf von ihnen hatten Geburten: Es waren vier Mädchen und ein Junge.

Ende 2020 erlitt ein Mann einen plötzlichen Tod, nur 53 Jahre alt. Ihm ging es den ganzen Tag lang gut, aber am Abend musste er sich übergeben.  Seine Söhne und die Nachbarn brachten ihn sofort zum Krankenhaus, aber es war zu spät. Am Tor zum Krankenhaus verschied er. Im Lockdown ist es sehr schwer, Medikamente zu bekommen und zu einem Krankenhaus zu gehen.

Das Jahr war nicht schlecht, wenn man die Entwicklung der Gemeinde betrachtet. Aber ein Projekt wurde von einem Erdrutsch vernichtet: Die Jungs wollten ein Volleyballfeld haben und eine Gemeindehalle für Hochzeiten und für Todeszeremonien. Aber die Mauern waren so schwer und der Boden nicht stark genug. Und wir hatten viel Regen. So kam es zu dem Erdrutsch.

Auch ebneten wir einen Feldweg durch das Dorf und einen, der zur Schule führt. Das ist besonders gut für Kranke, die zum Hospital  müssen. Und man bekommt schnell vom Markt alles Nötige für seinen Haushalt.

Wir bekamen auch einen Tempel für eine Göttin – keinen reinen Naturplatz-Tempel, sondern ein Paar von Felsen steht unter einem großen Holzgerüst. Der Tempel wurde letztes Jahr gebaut, aber ohne Tor. Deshalb gab jetzt eine Familie das Geld dafür, für das notwendige Material, und es wurde alles fertig, bevor das große Tempelfest kam. Insgesamt war es gut, um die jungen Leute anzustellen. Das verhalf ihnen wirklich zu einem kleinen Einkommen.

Es gab zwei überraschende Unfälle – zwei Zimmerleute wurden dabei verletzt. Einer passierte bei einem Hausbau, und einer beim Bau des neuen Schultrakts. Der erste stürzte ab und brach sich ein Bein. Der zweite rutschte von einer Leiter. Er brach seinen Arm.  Beide mussten nach Kathmandu zur Behandlung.

Abgesehen davon bekam ein Junge Krebs und musste nach Kathmandu. Er blieb zwei Monate da, aber er erholte sich nicht. Er kam zurück. Der Doktor riet, dass er jedes Essen bekommen sollte, das er sich wünscht. Im Dezember fuhr er wieder nach Kathmandu und bekam andere Medikamente. Jetzt hörte der Schmerz in der Wunde auf und wir hoffen, er wird wieder gesund.“

Unsere Corona-Hilfe in Nepal II

Unsere Corona-Hilfe in Nepal II


Saurav sortiert die Lebensmittel für das Weitergeben. Sunita wuchs in Pokhara in schweren Verhältnissen auf, sah aber immer Kinder in den Straßen, die noch ärmer waren als sie. Ihnen zu helfen, wenn sie einmal groß ist, das war  ihr Wunsch. Jetzt erfüllt sich etwas davon.

Sunita schreibt dazu Ende Mai: „Vor mehr als zwei Monaten begann in Nepal die Ausgangssperre wegen der Corona-Pandemie. Die Tempeltüren sind immer noch zu, in den Flughäfen herrscht geisterhafte Stille, die Straßen sind leer und die Geschäfte geschlossen. Die Leute stecken immer noch in ihren Häusern fest. Das ist die neue Normalität. Während sich die Weißer-Kragen-Menschen irgendwie erhalten können, sind die Blauer-Kragen-Menschen von dieser Pandemie am Härtesten betroffen. Die Blauer-Kragen-Menschen sind die Tagelöhner, die ihr Geld verdienen und am gleichen Tag wieder ausgeben. Weiterlesen „Unsere Corona-Hilfe in Nepal II“ →