Reisebericht 2025

Thomas Knauber hat den Reisebericht 2025 am 28.08.26 überarbeitet und vervollständigt.

Für Diejenigen die vorher bereits gelesen haben geht es mit Teil 15 weiter.

 

Wir sind zurück aus Nepal: Hans, Michael, Daniel und ich. Hans (74), Michael (68) und Daniel (43) hatten sich vorher spontan gemeldet, ob sie mitfahren können. Wir waren dank viel Humor immer ein fröhliches Team. Und erlebten viel. Michael sagte nach zwei Wochen: „Ich hab das Gefühl, schon ein halbes Jahr da zu sein.“ Und gleich am Anfang sagte er: „Ich hab nicht gewusst, wie viel Armut hier ist. Da müsste man überall helfen.“

Ich schreibe wieder in Etappen, was alles war – und stelle Lehrerin Uma voran, die immer unsere KvN-Spenden verteilt. Sie begrüßte uns in Okhaldhunga im Osten von Kathmandu und drängte darauf, gleich die Besprechung zu allen Kinder-von-Nepal-Dingen zu machen. Sie saß mir gegenüber und ich sah beim Aufblicken in ihre Augen. Sie waren so tief, so anders als im Alltag – wie von einer innen großen Frau, die das Leid aller armen Schüler sieht und es mit nicht nachgebendem Willen lindern will.

Deshalb rief sie uns auch an, als wir abreisten. Zum Erinnern, zum Wachhalten der Aufgabe von „Kinder von Nepal“ in uns.

Wir besuchten die Schulen von Maidane und Bagam. In Maidane gab uns Rektor Indra Magar einige Wünsche mit auf den Weg: Ob wir für den alten Betreuer des Schülerhostels, wo weit entfernte Kinder während der Woche wohnen, ein kleines Gehalt geben können?

Ob wir ein Computer-Training für die Lehrer übernehmen können, das zehn Tage dauert. Ob wir fünf Smart-Boards für die Klassenzimmer bezahlen können, je 1500 Euro teuer.

Ob wir vier kleine Überwachungskameras übernehmen können, für Klassenzimmer – so dass die Lehrer ihre Schüler im Lehrerzimmer sehen können.

In Bagam sagte Rektor Bharat Shresta, dass eine weitere Englisch-Lehrerin nötig ist (1500 E Jahresgehalt), um die kleine Schule als „English school“ attraktiv zu machen. Wir bezahlen dort schon Englisch-Lehrerin Ushina Tamang. Weiter fehlen 1800 Euro Jahresgehalt für Junglehrerin Junu Shresta. Sie unterrichtet die ersten Klassen und sorgt für Tanzstunden.

Beide kommen aus diesem Dorf. Beide wollen in ihrer Heimat arbeiten.

Später, im Tiefland nach Indien, fragte uns Ram Nepal (er ist Ranger im Naturpark), ob wir nicht armen Mahdi-Familien eines Dschungel-Dorfes helfen können.

Bei einer kleinen Bergtour am Schluss hatten wir Roshan als Träger. Er findet in der kurzen Touristensaison kaum Aufträge und arbeitet sonst als Maurer. Wir fragten uns, wie er die 30 Euro pro Monat für die Schulgebühren für seinen Sohn zusammenbringt, der in der dritten Klasse ist.

Das sind einige Beispiele, wo man direkt helfen kann.

Wo KvN schon hilft, sahen wir auch: Bei Mutter Poonam, die nahe Indien in einer Lehmhütte vier Kinder großzieht. Bei Maya, die in einem überteuerten, hässlichen Zimmer mit ihrem Sohn mühsam überlebt. Bei Sami und Nishal, beide blind, die in Pokhara mit bewundernswerter Bescheidenheit alle Schwernisse fröhlich überstehen.

1.

Es geht los: Irgendwann Mitte Oktober um 7 Uhr morgens am Nürnberger Hauptbahnhof. Wir treffen zum ersten Mal zusammen, Michael, Hans und ich. Daniel muss später nachfliegen, weil er nur zwei Wochen Zeit hat.

Michael und Hans kennen sich bisher nur per Zoom. Trotzdem geht danach alles gut: Wir haben nie Streit.

Nach einem eiskalten Flug, der in 10 km Höhe durch minus 50 Grad rast, sind wir in Bangkok. Und kapieren kurz vor dem Weiterflug, dass wir am falschen Terminal sind. Danach stehen wir vor den Beamten des Kathmandu-Flughafens: Hans und ich haben irgendeinen Buchstaben falsch im Visum.

Dann fehlen bei der Gepäckausgabe unsere Koffer. Ich begreife zum ersten Mal den Vorteil, zu dritt zu sein. Denn allein wäre ich nicht draufgekommen, was Hans erspäht: wir stehen am falschen Band.

Kathmandu kann für einen ordentlichen Nordeuropäer ein Schock sein, mit seinem asiatischen Gewirr, den zerbrochenen Gehsteigen, hingebastelten Geschäften und wilden Stromkabel-Bündeln. Aber Hans war schon in Indien und China, Michael im fernen Nordasien. Also kein Problem.

Wir trudeln durch den dichten Motorradverkehr zum kleinen „Souvenir Guesthouse“, wo schon ein Gast aus dem Vorjahr logiert: Remi aus Frankreich, 69. Er erzählt, dass er bald ins Tiefland fährt, um dort einer Schule mit Material zu helfen. Und dass er einmal einen nepalesischen jungen Mann in die Fremdenlegion vermittelte, wo schon 1200 Nepalesen Dienst tun. Dieser junge Mann verpflichtete sich dann noch weiter und war danach Franzose. „Er ist glücklich.“

Zehn Millionen Nepalesen arbeiten im Ausland, hören wir später. 30 Millionen Einwohner sind noch im Inland. In Deutschland mit seinen fast 84 Millionen Einwohnern leben nur 3,7 Millionen im Ausland.

Wir sehen uns die Altstadt Kathmandus an, wie aus Tausend+Eine Nacht, später die große Boudhanath-Stupa und den Verbrennungstempel Pashupatinath. Wir treffen bei den Pagoden des Durbar Square ein Mädchen in der schönen Newar-Tracht und fragen zwei exotisch-schöne junge Frauen, schmale edle Gesichter,  aus welchem nepalesischen Volk sie stammen.  Aber sie haben afrikanische Wurzeln. Sie kommen aus Australien.

Für den nächsten Tag hab ich Student Mahesh gefragt, ob er wieder mitgeht zum Gänse-Retten. Sie sitzen neben Enten, Hühnern, Hähnen und Küken in schmutzigen kleinen Käfigen beim Tierhändler am Fluss. Das Schlachtmesser liegt einen Meter hinter ihnen. Michael schaut sich das Ganze an: „Es ist gut, dass du das machst.“

Der Händler steckt die Gänse in große Beutel. Ein Taxifahrer bringt uns hinaus zu weiten Wiesen am Fluss. Die Gänse lassen in seinem Kofferraum kleine Federn liegen. Er sammelt sie ein und winkt ab, als ich mich entschuldige. Er macht es gern, es ist sein Beitrag.

Mahesh und ich sind uns nicht mehr sicher, wie wir voriges Jahr zu unserem guten Uferpunkt kamen. Wir landen jetzt bei einem schmalen Zufluss, mit Gestrüpp. Es geht steil runter. Hans hat da ein gutes Gespür für die Freude der Gänse. Er sagt: „Hast du gesehen? Sie gehen nicht weg von uns, wir sind Freunde für sie.“

Mahesh schneidet alle Fesseln durch, die Gänse tauchen und planschen und jubeln. Aber oberhalb taucht eine Frau auf, die Kräuter pflückt, und später kommt ein kleiner alter Mann dazu, der sich an den Bach setzt. „Mahesh, sag ihm, wir sind Vogelexperten und setzen die Gänse aus, es ist ein Schutzprojekt.“ Mahesh: „Gute Idee.“ Aber wir sind uns nicht sicher, ob alle Gänse überleben.

2.

Mahesh führt uns durch die nahe Universität. Es sind meist ältere kleine Gebäude in struppigen Wiesen und lockeren Wäldern. Jungs spielen Cricket, so gut es geht – ein Fänger steht im hohen Unkraut und taucht oft in die Blätter.

Wir queren einen Wald und treffen auf Studenten, die ihn gerade säubern. Es ist eine Werbekampagne für einen parteilosen Bürgermeister-Kandidaten, der in seinem Viertel wiederholen will, was der junge parteilose Balendra Shah (35, früher ein Rapper) vor wenigen Jahren für ganz Kathmandu schaffte: Stadtchef werden, korruptionsfrei und tatkräftig.

Die Studenten sind begeistert, dass wir da sind. Wir werden gefilmt. Utsav entdeckt das Video später im fernen Okhaldhunga auf seinem Handy bei Facebook: „Ich hab euch gesehen! In der Überschrift stand: ,Touristen holzen Wald ab'“ – oder so ähnlich.

Wir gehen weiter nach Kirtipur, einem tempelreichen uralten Vorort. Von da über eine Hängebrücke zu kleinen Restaurants. Mahesh sagt: „Hast du gesehen? Der Mann am Ende der Brücke ist blind.“ Wie viele Blinde gibt es in Kathmandu? Der blinde junge Mann Nishal in Pokhara erzählt uns später, dass es allein in seiner Stadt (320 000 Einwohner) ungefähr 500 Blinde gibt.

Wir bekommen einen Blick für sie. Ich sehe später einen älteren Mann mitten im Verkehr von Kathmandu, der einen Blinden vorsichtig quer über die Spuren schiebt.

Wir nehmen jetzt ein Taxi zum Affentempel Swayambhunath. Der Fahrer erzählt: Wer neu ins Business einsteigt, muss als Taxi ein Elektroauto kaufen.

Er war früher Koch im Hyatt-Hotel, arbeitete zehn Jahre in Hotels in Dubai und auf den Malediven, kam zurück und bekam zu wenig Lohn für seinen 12-Stunden-Tag am Herd. Der Taxi-Erlös ist besser: Er kommt auf 60 000 bis 70 000 Rupi im Monat (um die 410 Euro).

Der Tempel liegt auf einem Berg. Wir sitzen am Rand der malerischen Gebäude in einem Dachcafé. Das Abendlicht kommt. Alles sieht schön aus. Dann eine lange Treppe runter. Bettelnde Frauen rechts und links. Eine wird unwirsch aufdringlich.

Zum Essen wandern wir in das unscheinbare „Western Tandoori“ in unserer Straße, das schon voller Touristen ist – sie müssen irgendwo bei Google gelesen haben, dass es gut ist.

Danach startet im „Souvenir Guesthouse“ eine Diskussion zwischen Remi und Hotelier Madan sowie seiner Frau Samjhana, in welcher Farbe eine lange Wand am Eingang gestrichen werden soll. Es gibt, sagt Samjhana, ein hinduistisches Feng-Shui namens „Vastu Shresta“ (gesprochen Bastu). Das würde hier Orange empfehlen.

Ich bin strikt dagegen, lieber Beige. Remi: „Unmöglich! Das sieht aus wie Caca d’Oie!“ (Gänsekacke). Auch zwei Damen aus Bordeaux, beide um die 80, amüsieren sich. Sie treffen gerade fidel wie Sechzigjährige ein, von einem privaten Hilfsprojekt im Tiefland. Sie ziehen Remi auf: „Warum bist du nicht verheiratet?“ Remi: „Da kommt nur Schlimmes raus. Das hab ich vermieden.“

3.

Am dritten Tag geht es in den Osten, 180 km einen breiten Fluss entlang und dann im Knick 50 km hoch in den Vorhimalaya, zu Uma in Okhaldhunga. Wir sind um 3 Uhr morgens wach, stehen pünktlich vor dem Guesthouse und klettern in den indischen Großraumjeep, der früher mal elf Personen fassen durfte und später neun. Der Fahrer lädt immer mehr Leute ein, hier und da abgeholt. Dann kommt der 10. Gast dazu: Das Mädchen Puja, jung und schön. Sie hat gar keinen Sitzplatz mehr, sondern muss zwischen Fahrer und Michael auf die Kupplung gepresst werden. Michael sitzt vorn, wegen seiner langen Beine. Er unterhält sich wunderbar mit ihr, bevor sie einschläft, den Kopf an des Fahrers Schulter. Ich sehe im Rückspiegel die feinen Konturen ihres Gesichts – filmreif.

Als wir ankommen, kann sich Hans fast nicht mehr von der Innentür lösen. Nach neun Stunden ist er festgewachen. Er beschließt: Nie mehr. Und tatsächlich buchen wir später für die Rückfahrt einen Jeep nur für uns (30 Euro pro Mann, also bezahlbar). Aber wir verpassen dadurch den Blick ins Volk. Zum Beispiel werde ich bei der Herfahrt so ein guter Freund meiner Sitznachbarin. Sie lädt uns prompt zum Lichterfest ein, das gerade ansteht.

Unser Fahrer bringt uns bis vor die Haustür von Uma. Ehemann Raju ist da, Sohn Utsav, Pflegetochter Laxmi und Pflegesohn Suman. Suman kam im Alter von sechs Jahren in Uma´s Familie, aus der nahen Verwandschaft. Und Laxmi´s Vater fragte Uma vor 1,5 Jahren, ob sie bei ihr bleiben kann, weil seine Frau durch einen Erdrutsch starb. Drei weitere Töchter leben noch bei ihm – in ärmsten Verhältnissen in einem kleinen Haus, weil er nur ein Hilfsarbeiter ist.

Uma und Raju setzen uns in einen mit blauen, gemusterten Teppichen schön eingerichteten Raum. Geben Schals und stecken Kerzen auf eine kleine Torte.

Suman – er ist Englischlehrer – bittet uns um kleine Reden. Dazwischen lässt sich die Mutter von Raju sehen, über 90. Klein und schmal kann sie alles noch selber machen, lebt aber in ihrer Welt: Sie schimpft vor sich hin, gegen ihren verstorbenen Mann.

Wir tauschen Geschenke aus und Utsav lässt verspätet einen Schaumkracher los, der weiße Fetzchen in die Luft jagt.

Am nächsten Morgen steigen wir wieder in einen Jeep, weil eine kleine Bergtour ansteht: Rauf auf den Pikey, 4065 m hoch. Das klingt nach viel, ist aber nur ein runder Hügel. Ich hab ihn extra ausgesucht, um Hans etwas Bergwelt erleben zu lassen. Und bin richtig froh drum, weil wir an seinem Fuß das typische Bergdorf des Himalaya erleben, das Triste, Kalte und Abgelegene.

Utsav will uns raufführen. Er war im August selber da und ist begeistert, uns alles zu zeigen. Michael bleibt aber unten, weil er wegen eines Knieproblems nicht in die Höhe gehen kann.

Dieser Pikey war früher völlig unbekannt. Dann wurde die Hamburger Lehrerin Christine Wilhelmi dorthin empfohlen, als sie in der Nähe, in Maidane, eine Schule baute.  Ganz skeptisch stieg sie hinauf – und staunte: Von da hat man tatsächlich einen prachtvollen Blick auf die ganze Himalaya-Kette, vom Kangchendzönga rechts über den Everest in der Mitte bis zum Dhaulagiri links.

Und heute? Heute schleppen schwitzende Nepalesen mit letzter Kraft gewaltige Touristenkoffer durch die Dörfer dorthin. Hinter ihnen stolzieren locker lächelnd im Khaki-Look die Koffer-Eignerinnen. Es ist bedrückend anzuschauen.

Ihr Ziel ist das inzwischen neu benannte „Pikey Basecamp“, früher namenlos und drei graue Häuser. Ungefähr auf 3700 m Höhe.  Zwei von ihnen sind jetzt Hotels. Mit zig Betten drin, ready für jeden Ansturm.

Unser Fahrer Dawaa ist der Bruder von Diki, die ich voriges Jahr bei Uma kennengelernt habe. Sie kommt aus einer großen armen Familie auf dem Land. Sie ist so arm, dass sie ihr Studium fünf Jahre unterbrechen musste.

Dawaa bringt uns in die möglichste Nähe des Pikey, in das Dorf Lambuje. Aber unterwegs hält er mal im kleinen Ort Thade, bevor es auf die Feldwege geht. Dort treffen wir zufällig zwei Freunde von Utsav, um die 20 wie er. Es sind bescheidene, sympathische Jungs, ganz unscheinbar. Aber sie haben’s drauf: Sambohav Raut und Bishal Baniya nehmen nämlich an internationalen Wettbewerben im „Model“-Showlaufen teil. Dafür kleidet sich Sambohav in zwei prachtvolle Kostüme, einmal als Adliger und einmal als Krieger. Wie er damit auf der Bühne steht und schreitet, das macht seine Punkte. Zuletzt gewann er  eine Schau in Thailand.

Jetzt fahren sie mit dem Motorrad über die Dörfer, um für einen Show-Abend daheim zu werben.

Anschließend rumpelt unser Jeep über so schlechte, zerfurchte Pisten zum Pikey, dass Michael sagt: „Schlimmer als im Pamir.“ Und da war es schon katastrophal. Hans und er können nicht fassen, dass es solche Straßen gibt und dass sie von den Jeepfahrern bewältigt werden. Fünf Mal rechne ich damit, dass wir umkippen. Aber unser Allrad-„Bolero“ richtet sich immer wieder auf.

Von Dorf Lambuje zum Pikey-Basecamp sind es nur drei Stunden. Wir sind schon auf 3500 m Höhe und müssen bloß noch 200 m höher bis zu unserem einfachen Hotel am Fuß des Hügels. Aber man ahnt es nicht: Uns geht die Luft aus. Hans wird immer langsamer und ich auch. Es fehlt der Sauerstoff.

Utsav nimmt unterwegs einen kleinen Jungen an die Hand, dessen Mutter vorausgeht. Er unterhält sich so gut mit ihm. Mit einer so klaren, herzlichen Stimme, mit so viel Seele drin. Es ist wunderbar zum Zuhören. „Utsav“, sag ich, „du musst Kindergärtner werden, nicht Geschäftsmann.“ Sein Studienziel ist nämlich Business.

Mit letzter Kraft und letztem Sonnenstrahl treten wir aus dunkelgrauem Dunst durch die Küche in die Wirtsstube des Hotels. Es hat ungefähr 1000 Zimmer, also kein Problem, obwohl viel Andrang ist.

Die Küche ist typisch Bergdorf: Ein dicker sympathischer Wirt mit dunklem Zopf kocht und dirigiert. Zwei Frauen managen den Rest zwischen Töpfen und Pfannen. Alles ist ein bissl vollgestellt und -gehängt. Die erstaunliche westliche Speisekarte kriegt all ihre Sachen aus diesem altmodischen Raum.

Drinnen sitzen noch eine Frau aus Norwegen und ein Amerikaner. Ihr sympathischer Führer Pasang ist eigentlich Lehrer, aber seit drei Jahren Trekking-Guide. Außerhalb der Saison, im Sommer, unterrichtet er in Kathmandu.

Sein Bruder wurde bis zum Studien-Ende von Ausländern unterstützt, sagt er. Jetzt ist er so erfolgreich, dass er Restaurants eröffnet und Verwandte einstellt.

Zu Gast ist auch eine Gruppe junger Nepalesen. Denn das ist der neue Trend: Die Nepalesen erkunden ihre Berge. Die Mädels haben einen Tischlautsprecher dabei und tippen auf das Handy – schon erklingt Tanzmusik. Sie ziehen ihre zögerlichen Boyfriends hoch und fordern uns auf: Macht mit! Die Nepalesen freuen sich immer, wenn Touristen mittanzen.

Ich tanz´ sowieso gern und erwisch´ ein Mädel als Partnerin, das besonders ist: Radhika. Sie ist vielleicht 25 und hat einen speziellen Rhythmus im Körper. Es ist, als ob sie voller Tanz ist.

Es sind Tihar-Tänze, die erklingen, fürs Lichterfest geschrieben – mit langen Liebesdialogen und unvergesslichen Chören. Die Mädchen sind wie Schauspielerinnen: Sie mimen die ganze Sehnsucht, das ganze Liebesleid des Songs, mit ihren Händen und mit ihren Augen. Der Mann bleibt immer auf Abstand und spielt verhalten seinen Part.

Ich versteh natürlich nix vom Text, mach aber feste mit. Und lache immer über Radhika, über ihren gespielten Ernst. Aber sie verkneift sich das Mitlachen und tanzt immer weiter, Runde um Runde.

Am nächsten Morgen sagt Utsav: „Das ganze Hotel spricht über dein Tanzen!“ Kein Wunder, denn wir wurden gefilmt. Am nächsten Tag läuft´s auf TikTok. Utsav entdeckt da Radhika. Sie ist eine selbstbewusste Influencerin, muss also immer ein bisschen Neues liefern.

Als wir zum Beispiel am nächsten Morgen oben auf dem Pikey sind, zum Sonnenaufgang, tanzt ihre Gruppe wieder. Handymusik und los, immer im Kreis um die Gebetsfahnen.

Für diesen Aufstieg hat Utsav drei Uhr nachts vorgeschlagen. Aber wir handeln ihn runter auf 4 Uhr. Es ist immer noch zu früh, weil der Rest vom Hotel erst um 5 Uhr losgeht. Utsav fragt noch kurz den Wirt, wo´s langgeht, und dann ab in die Nacht.

Anfangs geht es gut, dann kommt der Sauerstoffmangel und mühselig schaffen wir es bis oben. Ich hab mich angezogen wie ein Bär, in Erwartung eiskalter Winde, aber es ist ruhig und warm.

Der Blick auf die Schneegipfel ist spektakulär, und der Weg runter ein Kinderspiel. Kurioserweise macht nämlich die dünne Luft runterwärts null aus.

Wir marschieren gleich weiter nach Lambuje, wo Dawaa, Uma, Raju und Michael mit dem Jeep warten. Unterwegs überholen wir einige der jungen Tänzerinnen vom Vorabend. Da ist es interessant: Während wir auf jeden Stein achten müssen, damit wir nicht ausrutschen, schaut eins der Mädel überhaupt nicht auf den Boden. Sie blickt in ihr Handy, das sie links hält, und macht mit dem rechten Arm die Choreographie mit, die ein Korea-Tänzer zeigt. Ungestört vom Geröll kommt sie mühelos runter.

Danach erlebe ich die souveräne „heutige junge Nepalesin“, weil nämlich ihre Freundin bei einem Wanderstop kühl fordert: „Tanz mit!“ Kein „bitte“ und keine Freundlichkeit, sondern ich werde verwertet. Denn ein Tanzfilm auf TikTok zieht besser, wenn ein Tourist dabei ist.

Wir wandern weiter an einem kleinen Bauernhaus vorbei, wo wir den Kindern schon beim Hinweg etwas zum Essen geschenkt haben. Es sind kleine, strahlende Kinder mit Tibet-Augen wie aus dem Bilderbuch.

100 Meter dahinter steigt eine junge Frau den Hang hoch, hinter sich eine kleine Yakherde. Sie sieht uns still an und ich spüre ihre Trauer, dass sie in diesem einsamen Bergleben feststeckt, wo man immer eine Daunenjacke und eine Mütze braucht, wo der Schmutz nicht mehr von den Händen geht.

Täglich sieht sie in der Wandersaison das Kontrastleben vorbeilaufen: Eine große Gruppe von Engländern, die wir im Gasthaus von Lambuje sehen, und ein junges Paar aus Amberg, das über den Pikey laufen will, weiter zum Kloster Junbesi.

  1. Am Rückweg vom Pikey-Berg tue ich ein gutes Werk: Den Müll vom Weg aufheben. Und Dawaa, unser Fahrer, tut auch ein gutes Werk. Er lädt drei der Tanz-Mädels hinten auf seinen Pick-up – sie müssen nämlich in unsere Richtung. Sie  stehen fröhlich da oben, singen im Wind und schreien auf, als Dawaa denselben Übermut losläßt wie ein Jeepfahrer vor uns: Er rast senkrecht einen Hang hoch.

Hinten wieder runter und da gibt´s einen kleinen Stop. Alle steigen auf einen Hügel, um fern die Schneegipfel zu sehen. Rechts steht ein alter kleiner Tempel aus der Zeit vor dem Hinduismus, verfallen und vergessen. Er macht das Gleiche, was alle Tempel und Kirchen tun – er kapselt einen lichtvollen Fleck ein. Damit sich der Erbauer reinsetzen kann und das Licht für sich hat. Doch es fehlt seitdem der Landschaft und dem Himmel.

Zurück in Okhaldhunga geraten wir in die Tanzwelt des Lichterfests – und in Uma´s Obhut. Sie sorgt so gut für uns, besser als ein Hotel. Um 5 Uhr früh steht sie auf, putzt durchs ganze Haus und werkelt an einem 5-Gänge-Frühstück. Zwischendurch sagt sie: „Ich denke dran, Buddhistin zu werden.“ Das hab ich ihr aber stark ausgeredet, weil die Buddhismus-Chefs genauso schlecht sind wie die anderen Religions-Chefs.  Und sie sagt: „Alle Nepalesen sind so geschäftstüchtig. Ich will aber nicht so sein.“

Am Abend klingt Musik von der Straße hoch, auch noch mitten in der Nacht. Ich geh runter und seh´ nach. Viele Frauen tanzen – ein schönes Bild wegen ihrer bunten Saris.  Und wer ist der Disc-Jockey? Suman. Am Häuserrand hat er eine dicke Box stehen und tippt ins Handy, welche Songs rauskommen.

Suman ist der Pflegesohn von Uma und Raju sowie Englischlehrer ohne Aufstiegschancen. Er erzählt später, dass er eine Freundin in Dubai hat. Sie spart dort. Was sie verdient, geht in die Hochzeit und danach kommt Australien. Suman hat sich erkundigt: Wenn er Tricks anwendet, kann er die geforderten hohen Summen fürs Visa auf ein Drittel senken. Dann studiert er dort nochmal und bleibt.

Suman hat so einen guten Charakter – wie die ganze Familie. Auch Laxmi, jenes Mädchen aus Maidane, das Uma vor 1,5 Jahren aufnahm, weil ihre Mutter verunglückt war, gibt ihr inneres Lächeln inzwischen mutig nach außen. Ich krieg Fotos von ihr zusammen, die umhauen.

Sie fragte mal Utsav, ob er sie heiraten will –  will er nicht. Aber vielleicht wird´s noch.

In der nächsten Nacht geht auch Hans mit runter zu den tanzenden Frauen, Michael später auch. Sie sind glücklich über uns Fremde. Eine der Frauen – sie ist Englischlehrerin – erklärt mir alles. Eine der tanzenden Hausfrauen lacht: „We Nepalese are happy people!“

Zwei Kinder sind auch dabei. Samriti ist 10 und fragt mich nach meinem Alter. Sie ist schockiert: Soo alt! Und als ich gehe, sagt sie: „You are very sweet! I will miss you!“ Und ihr kleiner Freund, 12, wiederholt es im besten Schulenglisch: „I miss you!“

Jetzt gibt´s noch einen zentralen Lichterfest-Tag, den Uma mit viel Deko und Pomp auf ihrer Dachterrasse feiert. Michael, Hans und ich bekommen „Malla“ (Blumenketten) umgehängt und Farb-Tupfer auf die Stirn. Plus Geschenketeller.

Das Essen ist speziell und der Tanz danach auch, stundenlang. Chini Maya (67) kurbelt alle mit Juchzern an, darunter Anita und Ram. Anita verlor vor Jahren  ihren Mann, weil er als Elektriker einen Stromschlag erlitt. Sie blieb mit vier Töchtern arm zurück. Ram ist ein so freundlicher Holzhändler mit europäischem Gesicht. Jetzt zeigte sich beim Tanz, was so ein Tanz kann. Denn Anita, die im Vergleich zum Vorjahr so traurig ist, weckt fühlbar Interesse bei ihm. Es kommt ein bisschen Verbindung zustande.

Wir sahen auch den besten Tänzer des Distrikts, Sibadash Gurung mit seinem Pfauen-Tanz. Er bot ihn bei einem Gastspiel von wunderbar klassisch gekleideten Schülerinnen aus dem nahen Rumjatar auf dem Marktplatz.

Wir lernen zwei Freunde von Utsav kennen. Bisal ist ein schmaler Junge, immer lachend. Suman hat etwas wilde Haare und ein blasses Gesicht, 21, und ist ein Genie: Er denkt so gut, dass er aus einem Praktikum bei einer Konstruktionsfirma heraus eine eigene Firma gründen konnte und jetzt Aufträge für Hausbauten hat, für Straßen und Kanalisation.

Wenn er mit seinen Freunden feiert, sagt Utsav, dann nie mit Alkohol – wegen des Hinduismus. Aber sie stürzen sich auf etwas Ähnliches wie Red Bull, genannt Ixtra. Stark beworben an jeder Plakatwand.

Wir fahren zur Schule nach Maidane. Uma erzählt unterwegs, wie viel Zeit sie jede Woche opfert, um hin und her zu kommen. Sie hat nur an den Samstagen frei. Also laufen sie und Laxmi am Freitag Abend zwei Stunden von Maidane ins Dorf Thade und nehmen von da einen Jeep oder Bus. Wegen der vielen Serpentinen dauert es noch eine Stunde, bis sie daheim sind. Am Sonntag Morgen geht es sehr früh zurück, wieder mit zwei Stunden Fußmarsch.

In Maidane hat Uma inzwischen ein ganz kleines Haus gemietet, wo sie mit Laxmi wohnt – ohne Heizung. In früheren Jahren hatte sie nur ein winziges Zimmer im Lehrerwohnhaus.

Der Weg nach Maidane ist anfangs breit geschottert, ziemlich neu, und danach rumpelt´s durch schlimmste Furchen. Rektor Indra Bahadur Magar erwartet uns in seinem Haus. Es ist erst 20 Jahre alt, sieht aber schon urtümlich aus: Lehmboden, dunkel, kaum Mobiliar, mit einfacher Feuerstelle.  Wir bekommen geröstete Maiskolben und Tee. Hans und Michael erwähnen das später oft im Rückblick: So ein einfaches Essen und es hat genügt.

Indra Magar zeigt uns dann die Schule, einst von Christine Wilhelmi aus Hamburg gegründet. Es gibt inzwischen zwei große Solarplatten mit Batterien, die Strom speichern. Auf den neuen Betontrakt wurde eine Etage aus Metallstreben gesetzt. Darin ist das Science-Zimmer untergebracht (Wissenschaftsfächer). Das Lehrerzimmer drunter hat neue weiche Sessel und dort sollen wir uns alle kurz vorstellen.

Hans flüstert mir zu: „Was soll ich sagen?“ Mir fällt blitzartig ein, dass er am Flughafen in Frankfurt erzählte, dass er fast kleine Solaranlagen mitgebracht hätte, aber nicht wusste, ob sie gebraucht werden. Jetzt steht er auf und erklärt seine Idee: Solaranlagen für den Selbstbau, kindgerecht.

Ich hab schlagartig das Gefühl, dass ein großer Mitstreiter neben mir steht, endlich, und ich nicht mehr alles allein machen muss.

Hans hat den großen Vorteil, dass er als Elektroniker und Bastelgenie in Nepal viel geben kann. Michael betrachtet das und sagt: „Was kann ich tun, als Journalist? Eigentlich nichts.“ Aber er ist ein Literatur-Freak. Seine Buchtipps bringen uns weiter. Und er beobachtet gern Menschen. Und das, was er in den Menschen in Nepal sieht, mündet in Hilfe: Er springt spontan mit Spenden ein.

Wir wandern durch die Schule. Vorbei an einer Blumenreihe: Jedes Kind, das Geburtstag hat, bringt dafür eine Tagetes-Pflanze. Wir sehen die neue Bücherei, nicht so europäisch-perfekt wie im nahen Kerung, aber immerhin. Wir sehen die kargen Klassenzimmer mit ihren rohen Steinwänden, der Eiseskälte, der alten Tafel und den schmalen Holzbänken, alles dunkel, weil es nur ein Fenster gibt.

Hans kann es nicht glauben, dass die Lehrer nicht rausgehen und Holz fällen und kleine Öfen in die Zimmer stellen. Indra Magar lächelt – er kam bisher nicht auf die Idee. Das ganze bergige Nepal hat keine Öfen in den Schulzimmern. Obwohl die Kinder oft barfuß dasitzen. Darum pocht Uma so auf unsere KvN-Hilfe: Sie kauft den Kindern Schuhe.

16 Lehrer unterrichten hier 160 Schüler. Eigentlich viele für so wenige Kinder. Ich schlage Uma später vor, deswegen bei unseren Lehrergehältern hier zu sparen. Denn drei der Lehrer sind KvN-Lehrer. Aber sie wehrt ab: Maidane hat 12 Klassen, deswegen die vielen Lehrer. Und es ist eine Schule für drei Dörfer.

Wir gehen hinüber zur Gesundheitsstation. Die deutsche Organisation NepalMed betreut sie. Die Tochter von Indra Magar, Srijana Magar, 21, ist hier nach drei Jahren Ausbildung in Kathmandu der „Dentist Helper“. Kausila Katwal ist eine Hilfs-Krankenschwester und -Hebamme. Beide haben sechs bis sieben Patienten am Tag. Übers Jahr sind es 2500.

Bei einem früheren Besuch erklärte uns die damalige Doktor-Assistentin Samrita (sie ist inzwischen mit ihrem Mann nach England gezogen), warum sie so viele Patienten hat: Das Essen ist schlechter geworden (chinesisches Fastfood) und Zucker sorgt rundum für Zahnprobleme.

Reise 8

In Maidane müssen wir am Abend ins alte Dorf Maidane laufen, etwa 2 km entfernt.  Uma sagt: „Da wird der Ausklang des Tihar-Tanzfestes gefeiert, ihr sollt dabei sein.“ Wir treffen auf Lehrer Padam Bahadur, der uns herzliche Grüße an Christine Wilhelmi mitgibt, an die Gründerin der Schule in Maidane. Sie kennen sich von ganz von früher. Er unterrichtet inzwischen in der Schule in Bakharai, 40 Minuten entfernt.

Und wir laufen an einem kleinen, ärmlichen Haus vorbei, in dem die drei Schwestern von Laxmi mit ihrem Vater wohnen. Eine der Schwestern tanzt später, in einem hellblauen Kleid. Sie sieht bedrückt aus. In der Nacht kommt sie in meinen Traum und sagt: „Wir sterben in Raten.“ Ich sage es Uma, auch den Grund dafür. Es ist nicht nur der Hunger. Es ist Mißbrauch. Uma schweigt betroffen. Sie denkt, sie kann nichts tun, nichts ändern. Nepal ist so. Sie bittet dann eins unserer Mitglieder in Pegnitz, für die Schwestern da zu sein. Er sorgt für Essen. Uma bringt Reissäcke hin.

Das kleine Dorf hat hinter einem großen Sportfeld ein Gemeinschaftshaus. Eine Gruppe von Jungs kocht hier Kartoffeln (Uma: „Alle sind meine Schüler!“) – denn es kommen viele Gäste, vor allem ältere Leute.

Dann tanzen Mädchen. Sie haben so schöne alte Kleider. Mit ihnen erwacht die alte Königszeit.

Die Schülerinnen sind wie verwandelt, in Schönheit getaucht. Viele sind barfuß – kein Problem, so war es früher.

Aber ein Mädchen hat einen modernen Tanz einstudiert, vom Handy aus fernen Ländern importiert. Hier das kleine Video:

https://youtube.com/shorts/4-dg5bCkPxU?feature=share

Und dieses Video zeigt einen alten Tanz der Schülerinnen:

https://youtu.be/BWvLUnOyFoc

Am Ende müssen alle im Kreis tanzen, wir dabei. Ein flacher Korb kommt in die Mitte und  jeder wirft fürs Dorf etwas Geld hinein. Die Jungs haben ihre Kochtöpfe verlassen und heben lachend alte Frauen hoch und tanzen mit ihnen rundherum.

Wir bedauern, dass wir gehen müssen. Kälte hat mit der Dunkelheit Einzug gehalten. Uma sagt: „So ist Maidane. Wir gehen nie ohne Jacke raus.“

Reise 9

Auf nach Bagam, in das kleine, so schön gelegene Dorf nicht weit von Angpang. Unser Fahrer Dawaa kommt spät, wegen Reifen tauschen und Batterieproblem. Dann rollt er in die katastrophalen Feldweg-Furchen. Ich glaube, die Nepalesen lieben solche Abenteuer. Denn es wäre auch hintenrum gegangen, zu Fuß von der Teerstraße her.

In Bagam, sagt Uma, geht es wieder aufwärts mit der Schule. Denn vor zwei Jahren gab es dort nur 40 Schüler. Aber dann tauschten sie die Lehrer und jetzt sind es 85 Kinder.

Rektor Bharat Shresta ist ein lächelnder, westlich kluger Mensch. Er weiß: Wir unterstützen schon 16 Kinder und eine Lehrerin; und alles, was er darüberhinaus wünscht, klappt nicht – weil wir nicht so viel Geld haben. Trotzdem machen er und das Schulkomitee einen riesigen Aufwand für uns.

Es ist so schön in dieser kleinen, freundlich bunt bemalten Schule, wo auch die Klassenzimmer viel freundlicher sind als in Maidane. Viele Kinder in ihren blauen english-style-Uniformen warten auf uns. Es sind so begabte Kinder. Wach, fröhlich und intelligent. Sie üben ihr Englisch. Und wir denken: So gute Kinder im hintersten Winkel, unglaublich.

Bei der Begrüßung ertrinken wir in Blumenketten. Sie reichen Hans bis zur Stirn, weil er sich nicht traut, welche abzulegen. Wir bekommen gerahmte Dankesschreiben. Und das Schulmikrophon muss fünf Reden durchhalten. Eine kommt von Raju, Umas Ehemann. Er hätte Politiker werden sollen, flüstert Utsav. Weil er so lang und engagiert redet (alle Nepalesen, die mal ein Mikrophon erwischen, sprechen urlang, obwohl nach zwei Minuten keiner zuhört).

Die junge Englischlehrerin Ushina Tamang leitet durch den Nachmittag und übersetzt. Sie bedankt sich bei mir, dass wir ihr Gehalt sichern: „I thank you really, really, really, really, really.“

Am Ende gibt es einen Rundtanz aller Gäste, der wieder Geld sammelt – für Jung-Lehrerin Junu Shrestha. Genau wie Ushina kommt sie aus Bagam, machte in der Bezirksstadt Salleri ihre Ausbildung und würde gern in Bagam arbeiten. Rektor Bharat kriegte das für die bisherigen acht Monate hin. Aber wie geht es weiter?

Sie ist eine besondere Frau: Schmal und groß mit einem klassisch schönen Sherpagesicht. Aber in ihrer Miene liegt Bedrückung. Weil ihr Leben so schwer ist. Sie hat alle Tänze der Kinder einstudiert, die wir jetzt sehen. Sie unterrichtet die ersten Klassen. Und dann? „Es wäre gut“, sagt Uma, „wenn ihr für Junu 7000 (41 Euro) im Monat geben könntet.“ (Aber es ist jetzt nicht in unserer Kalkulation für 2026, weil unser Geld so knapp ist.)

Die Tänze sind so schön. Mädchen und Jungen aller Altersstufen machen mit. Sie kommen aus dem Umkleide-Klassenzimmer und berühren schnell die Erde mit ihrer Hand und führen sie zur Brust. Dann gehts los – ihre Tänze erzählen von Nepal (mit Fahnen) und von den ausgewanderten Vätern (mit grünen Zweigen, ihrer verlorenen Heimat; mit Rucksack, weinenden Kindern und Handy als einziger Verbindung zur Familie). Eine Liedzeile lautet: „Wir müssen in die Ferne gehen…“

Am Ende übergibt Hans bunte Socken, die ihm eine strickende Nachbarin aus Gunzenhausen mitgegeben hat. Und Rektor Bharat hebt das Mädchen  Binusa  Magar hervor, das ganz schüchtern vortritt. Es hat heute seinen achten Geburtstag. Binusa ist eines jener armen Kinder, die über „Kinder von Nepal“ gefördert werden.

Zwischen den Tänzen unterhält sich Michael lange mit einem Jungen. Und Hans hat einen ganzen Pulk von Kindern um sich, die er zu neuen Rhythmus-Gesten für die Tanzmusik bringt – ein so lustiger Akt, dass alle Erwachsenen drüber lachen.

Ich hab die Kinder gleich am Anfang angesprochen, damit sie nicht so schüchtern bleiben. Hans ist genauso begeistert von ihnen wie Michael – so ein kleines Bergdorf und solche Kinder.

Das Schulkomitee lädt uns noch zum Essen ein. Es gibt Reismehl-Kringel in dem alten Haus hinter der Schule, scharf gewürzte Gurken, nepalesische Bratkartoffeln, Ei und Teigfladen.

Dann fahren wir heim, schaukelnd durch die Furchen. Wir halten noch vor einem noblen Restaurant, das ein früherer Schüler von Uma betreibt. Dort sitzt eine Frau aus Leipzig, die auf eigene Faust unterwegs ist – erst zum Poon Hill und jetzt zum Pikey. „Höhere Berge schaff` ich nicht mehr. Also mach ich die kleinen.“ Ihr einheimischer Träger ist eigentlich Lehrer von Beruf.

Dann ist es Nacht und wir stecken in den Kurven kurz von Okhaldhunga. Raju sagt: „Noch 30 Minuten.“ Uma: „Noch 20 Minuten.“ Ich zu Raju: „Sie ist der Experte, es ist ja ihr Schulweg.“ Raju: „Sie ist Experte für alles, für Kochen, Unterricht, Einkaufen…“

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Eigentlich war geplant, zum Kloster Junbesi zu fahren, wo wir zwei Kinder unterstützen. Unser Mitglied Dr. Michael Studen traf die beiden Jungs einmal bei einer Wanderung und sah ihre Not. Aber es sind viele Stunden mit dem Jeep durch die Kurven. Doch Hans ist inzwischen allergisch gegen Jeeps. Also stellen wir um: Wir fahren zum zweitheiligsten Tempel in Nepal, nach Halesi (der heiligste ist der Verbrennungstempel in Kathmandu).

Unser Fahrer ist der Bruder des Schul-Chairman von Bagam und auch Rektor Bharat Shresta ergeift die Chance und quetscht sich in den Jeep. Uma hat alles dabei, was man zum Räuchern braucht. Mit vielen Treppen, alles neu gemacht, geht es runter in die Tempelhöhle. Sie wird problemlos von drei Religionen benützt: Die Hindu verehren hier eine Form von Shiva. Die Buddhisten erinnern an Padmasambhava aus dem 8. Jahrhundert, der mal hier war und einen „versteckten Schatz“ hinterließ, d. h. eine „terma“. In Tibet war das nämlich üblich: Ein Mönch versteckt etwas Heiliges für die Nachfahren, oder er legt eine geistige Spur zu Heiligem. Irgendein begabter Mensch (tertön) hat dann später einen Traum und findet den Inhalt. Hier in der Höhle entdeckte man so die Biographie dieses Padmasambhava. Darin werden die Möglichkeiten der Höhle fürs Meditieren beschrieben – weshalb bis heute viele Vajrayana-Praktiker kommen.

Die dritte Religionsgruppe stammt aus dem Volk der Kirati Rai. Ihre mündliche Überlieferung (mundhum) berichtet, dass die Ahnengottheit Raechhakule die Höhle bewohnte.

Diese Höhle, 185 km südöstlich vom Mount Everest zwischen den heiligen Flüssen Dudh Kosi und Sun Kosi gelegen, lädt zum Hinhocken und Schauen ein. Denn rechts sitzt ein Buddhist auf einer Matte und gibt Uma eine heilige Schnur und eine Banane. Links ist ein Hindu-Priester, der Utsav mit dem Gott der Erziehung und Bildung verbindet. Unten gibt es eingegittert den heiligen Lingam. Ein alter Priester passt drauf auf. Dauernd kommen exotische Gäste, z. B. in tollen Saris aus Indien.

Warum gibt´s diesen heilige Lingam (= Zeichen, Ursprung), der wie ein Phallus aussieht? Die Archäologen sagen laut Wikipedia: In vor-vedischer Zeit gab es einen Gott Rudra („der Wilde“) und einen Steinkult. Rudra wurde mit dieser Steinform verehrt.
In der Folgezeit kam es zu einem Götterstreit: Wer ist der Chef? Shiva setzte sich durch und verwies Brahma und Vishnu auf untere Plätze. Shiva gab sich als eine Feuersäule, was der Lingam-Form entsprechen soll.

So ein Profi-Lingam hat oben den eigentlich verehrten Rudra-Zylinder (Shiva = Zerstörer), in der Mitte einen achteckigen Vishnu-Teil (Erhalter) und unten einen viereckigen Brahma-Sockel (Schöpfer).

Jetzt hat Halesi noch ganz kleine Höhlen abseits, wo sich auch Buddhisten stundenlang hineinsetzen, und eine große Höhle über der ersten großen Höhle. Dort sitzen zwei Buddhisten am Rand und murmeln Gebete. Ich schau sie mir genau an – zu genau, weil sie aggressiv reagieren. Ich hab nach dem Hinausgehen Herzschmerzen. Es ist ein versteckter Angriff. Sie wiederholen ihn nachts im Traum.

Unsere Fahrt zurück nach Kathmandu ist erst möglich, nachdem uns Uma in ein Trend-Lokal in Okhaldhunga eingeladen hat. Es liegt ganz abseits und ist vollgesprayt mit rockigen Musikszenen. Niemand da außer uns, das heißt der ganzen Familie – aber die Größe der luftigen Räume erzählt von gutem Besuch sonst.

Dann kommt der Abschied. Suman wiederholt immer wieder: „Ihr seid so gute Freunde geworden. Ihr gehört zur Familie. Es ist schwer, euch fahren zu sehen.“ Uma hat extra einen guten Fahrer ausgesucht, Rolas. Sie ruft uns später an: „Wart ihr mit ihm zufrieden?“

Rolas ist ein lachender Mensch, aber müde, weil er nur sechs Stunden Schlaf hatte. Denn in der Tihar-Zeit laufen die Jeeps dauernd hin und her. Er dreht die Musik laut, quetscht sich unten im Tal auf der monsun-zerstörten Strecke wie ein Le Mans-Fahrer vor – und verliert die gewonnen drei Minuten beim Tanken. Wir füttern ihn mit Äpfeln, Bananen und Nüssen, damit er durchhält. Am Handy hängt er auch oft – eigentlich verboten.

Vor der Stadt Dhulikhel nah bei Kathmandu ist ein Stau von 30 km. Kein ordnender Polizist zu sehen. Drum steigt ein dicker Fahrer aus und ersetzt ihn. Gleich gehts besser.

Wir haben Zeit, aus dem Fenster zu sehen. Bewundern einen Bus, dessen Dach mit Leuten, Koffern und Tieren beladen ist. Bestaunen die grünen Reisfelder, wo gerade die Ernte läuft. Die Frauen tragen so schöne dunkelrote Saris und Fez, mit Gold bestickt. Es blitzt in der Sonne.

Dann lädt uns Rolas im Außenbezirk von Kathmandu ab. Utsav hat ihn fünf Minuten vorher angerufen, er soll uns da ein Taxi besorgen. Klappt alles. Wir zockeln durch den üblichen Abendstau zum „Souvenir Guesthouse“.

Michael sagt am nächsten Morgen: „Was? Jetzt nur zwei Tage frei, und die sind schon mit Patan und Bhaktapur verplant?“ Das sind Schwesterstädte von Kathmandu, uralte Königssitze mit Tempelpracht. Er ist immerhin für Bhaktapur zu gewinnen. Und gratuliert sich später dafür, weil es so schön ist.

Bhaktapur hat auf einem Hügel die sensationelle Altstadt mit ihrem weltberühmten Yoghurt, in Tontöpfchen verkauft, die jeder locker wegwirft. Weil es ja Keramiker wie Sand am Meer gibt. Oder gab. Denn die qualmenden Brennöfen sind abgebaut. Die kleinen Läden mit der riesigen Töpferscheibe und einem alten Mann dahinter, der mit einem Stecken antreibt, sind bis auf einen verschwunden. Dafür gibt es Jungs, die einen top Keramik-Shop eingerichtet haben, in dem Touristen werkeln können: ein oder drei Stunden (18 Euro) oder ganztags Töpfertraining (24 Euro). Alles online zu buchen.

Bhaktapur hat ja viele Kunsthandwerk-Läden. Aber abseits von diesen Gassen gibt es etwas Besonderes: Die Peacock-Paperfactory. Wir haben Pushottam Chetri als Führer, den ich im Jahr zuvor zufällig kennenlernte, weil ich am Pagodenplatz auf einer Tempelkante neben ihm saß. Er ist so ein guter, ehrlicher Mensch. Er kennt den Gründer dieser Papierfabrik, Ram Narayan Prajapati. Denn der war sein Professor beim Studium. Pushottam studierte Geschichte, Politik und Philosophie.

Purshottam führt uns rein, sagt drei Worte zum Professor und darf uns in die höchsten Gemächer leiten. Es ist ein uraltes Haus, dem Ram Prajapati viele neue Holzschnitzereien hinzufügte. Er stellte auch große Götterfiguren auf die Etagen, riesige Elefanten, und mixte zwischenrein die Papier-Schöpferei, die Druckerei und die Bastel-Ecke für seine Helfer.

Unten der Showroom ist ein El Dorado für Papierfreaks, vor allem wegen der Tempeldrucke. Aber der Verkaufsschlager ist ein Buch, in viele Sprachen übersetzt, das die Symbole und Figuren hinduistischer Tempel erklärt. Sowas gab´s vorher nicht.

Purshottam zeigt uns auch den Pagodenplatz. Er erklärt die symbolischen Zahlen (5 x 11; 108 Opfertiere zu Neujahr) in der Deko, erläutert die Königsreihe („viele Könige waren psychisch gestört“), entschlüsselt die Kasten: Die höchste Kaste (Brahmanen) entspricht dem Kopf von Vishnu, die nächste (Chetri) seiner Brust, und so weiter bis zu Gottes Beinen, zu den unteren Kasten (Silberschmiede, Schneider, Musiker). „Früher war alles gleichwertig, ohne Abwertung. Erst später hat man die unterste Kaste als die Unberührbaren erfunden.“

Der höchste Pagodentempel von Bhaktapur, separat in der Altstadt, hat tantrische Priester, sagt Purshottam. Ein Nepalese darf nicht eintreten. Was die Priester dort machen, weiß keiner.

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Wir fragen Purshottam zur Politik. Purshottam sagt: „Ab in ein Café! Hier auf der Straße kann man nicht frei sprechen.“ Er denkt, hinter dem Aufstand der Generation Z vor wenigen Wochen (gegen ein Verbot der sozialen Medien; die Regierung erschoss Demonstranten; wir sahen ausgebrannte Verwaltungen) standen die USA. Die Amerikaner hätten einige NGO (Hilfsvereine) in Nepal, um China zu beobachten.

Purshottam erklärt uns dann die Flagge Nepals – 1962 eingeführt, aber 200 Jahre älter. Das Blau darin steht für Frieden, das Rot für Leben (es ist auch die Nationalfarbe) und das Weiß für Reinheit. Die Zackenform erinnert an die Berge. Die weißen Symbole stehen fürs Königshaus (Mondsichel mit Stern) und für den Rana-Clan (Sonne), der lange herrschte.

Michael fragt Purshottam, ob es schwer ist, ein Hindu zu werden. „Problemlos.“ Ob er sich als Hindu fühlt? „Ich bin ein Mensch. Im Kern muss ich Gutes tun, einen guten Charakter haben.“

Purshottam erzählt von sich: Vor Corona gehörte er zu den zehn Millionen Nepalesen, die ihr Land verließen, um in fernen Ländern mehr Chancen zu haben. Er lebte sechs Jahre in Dubai – zwei Jahre bei einer Security, zwei Jahre in einem Laden, zwei Jahre in einem Schweizer Hotel. Dort wäre er gern geblieben, aber wegen Corona kamen keine Touristen mehr. Purshottam kehrte heim, um Touristen zu führen. Aber auch das lässt nach. Aktuell war er der Guide für US-Frauen und dann Däninnen rund um Bhaktapur, durch die hügeligen Wälder zu kleinen Tempeln. Es sind viel zu wenig Aufträge.

Purshottam hat zwei Kinder, 7 und 16, aus einer ersten Ehe und ein Kind (sechs Monate) aus seiner zweiten Ehe. Die Scheidung verlief gütlich; auch seine erste Frau hat einen neuen Partner.

Er lädt uns in sein Dorf drei Kilometer entfernt ein: „Ihr könnt meine Familie kennenlernen.“ Aber wir haben keine Zeit, weil wir schon knapp dran sind und noch zum Tempel Changu Narayan aus dem 3. Jahrhundert fahren wollen, zur ältesten und heiligsten Pagode Nepals vier Kilometer weiter.

Der Platz soll eine uralte Kultstätte sein, die durch folgende Legende dem Vishnu anheim fiel: Vishnu tötete einmal einen Brahmanen, der sich einem bösen Dämon zugewandt hatte. Der Lehrer des Brahmanen sagte erbost: „Das ist einer der fünf größten Frevel gewesen, die überhaupt möglich sind. Zur Strafe wirst du mal enthauptet werden.“ Vishnu flog daraufhin auf Garuda (halb Mensch, halb Adler; er überbringt Anweisungen der Götter) ängstlich durch die Lande, stoppte hier in Changu und wurde von einem Einsiedler geköpft, weil er ihn nicht als Gott erkannte. – Seitdem ist das Kultbild des Tempels zweigeteilt. Es darf nur von Buddhisten und Hinduisten betrachtet werden.

Und: Wer in diesem Tempelhof an einem Vollmond-Mittwoch betet, dem werden die Sünden vergeben.

Purshottam weiß so viel zu den Skulpturen, zum Nebentempel mit seinen erotisch beschnitzten Streben, zur sagenhaften Holzschnitzkunst aus 1500 Jahren, dass er in der Abenddämmerung noch nicht fertig ist. Er entläßt uns: „Kommt wieder!“

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Noch eine kurze Notiz zu Purshottam, unserem Führer in Bhaktapur: Das „tam“ in seinem Namen bedeutet „bester Mann“. Und er sagt: „Ich will das erfüllen.“ So gut lebt er, so gut ist er. Wir sind froh, ihn zu treffen. Er hat da Erfahrung: „Ein guter Mensch trifft immer gute Leute.“

Wir nehmen ein Taxi zurück nach Kathmandu und fahren an Frauen vorbei, die schwere Reissäcke tragen – es ist Erntezeit, Dreschzeit.

Am nächsten Tag ist eigentlich ein Ausflug nach Patan geplant, in die dritte Königsstadt – aber Hans und Michael machen Pause. Hans nutzt sie, um zu den blinden Masseuren von „Seeing Hands“ zu gehen, gleich ums Eck in einer erstaunlich stillen Seitenstraße. Er ist begeistert von ihnen: „Das Beste überhaupt.“

Ich rufe Mahesh an, unseren immer freundlichen Student mit dem roten Roller, ob er noch einmal hilft, Gänse zu retten. Weil ich nicht weiß, ob dafür am Ende unserer Reise noch Zeit ist.

Der Lehrling des Tierhändlers (und Metzgers) ist ein so guter, kluger Junge, mit viel dunklerer Haut als die meisten Nepalesen – vielleicht wegen eines indischen Ursprungs. Er versteht sofort und schneidet perfekt Löcher in die Plastiktüten, damit die Gänse ihre Köpfe rausstrecken können. Mahesh nimmt eine Tüte mit drei Gänsen zwischen die Knie und ich die andere in die Hand. Die Gänse bleiben still bis zum großen Fluss, dann sind die ersten blitzartig weg. Drei andere stapfen durch den klebrigen Uferschlamm. Mahesh fängt sie ein und wirft sie ins Wasser. Noch jetzt, beim Schreiben, hab ich die Freude der Gänse, die Sonne, vor mir.

Vor zwei Wochen traf ich (bei Michael) in Hersbruck die Künstlerin Ute, die im Herbst nach Kathmandu fliegt und mit der einheimischen Zeichner-Gruppe arbeitet („Kathmandu sketchers“). Sie will auch Gänse befreien. Ich werd´ sie mit Mahesh verbinden.

Mahesh erklärt jetzt einem kleinen Mädchen, das still am Fluss bei einem Birnbaum steht, woher wir kommen. Dann sagt er: „Thomas, was machen wir jetzt? Ich kann dich zu den Tempeln von Pharing fahren.“ Sie stehen entlang der Straße nach Süden: Rechts prunkvolle buddhistische Großtempel mit Gold und Farbenpracht, links hinduistische Waldanlagen. Darunter ist der Tempel für die Göttin Dakshin Kali, der Saraswati Tempel mit einem Fischteich, der Jal Binayak Tempel. Ohne Mahesh wäre ich nie dahin gekommen. Der Kali-Tempel ist so berühmt, dass die Leute dort an den Wochenenden Schlange stehen.

Mahesh bringt mich danach in ein kleines Naan-Restaurant, wo die Fladen an der Innenwand eines Holzofens kleben, bis sie durch sind. Es ist ein ganz billiges und gutes Essen. Und ich nehm ihn danach zum Zoo in Patan mit, um traditionell die Elefantendame Pawankali zu besuchen, 76 Jahre alt.

Mahesh ist stumm vor Begeisterung, im Zoo endlich all die Tiere zu sehen, von denen er bisher nur gelesen hat: Himalayabär, Rhinozeros, Flusspferd, Tiger – alles neu. Zweimal geht er zu den Tigern.

Am Abend sind wir zurück im „Souvenir Guesthouse“, wohin jetzt der Schüler Samrakshak Regmi kommt, 15. Seine Mutter Ganga Devi ist dabei und sein Vater hat uns eine Tüte mit Gebäck mitgegeben. Samrakshak wird von „Kinder von Nepal“ unterstützt, auch seine Schwester Supriya, 18. Sie stammen aus Pokhara und zogen aus der Armut fort nach Kathmandu. Supriya will den Bachelor machen und dann ins Ausland gehen. Samrakshak hat sich in dem einen Jahr, wo ich ihn nicht gesehen habe, so gewandelt: Weg vom immer lachenden Jungen, hin zu einem ernsten, klugen jungen Mann. Aus ihm wird sicher mal etwas.

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Madan, unser so freundlicher Hotelier, sagt: „Kein Problem, ich fahr euch zum Chitwan-Nationalpark in den Süden.“ Er liegt am Weg zu unserem Fernziel Bhairahawa, einer großen Stadt, wo KvN eine arme Mutter mit vier Kindern unterstützt. Weil wir zu dritt sind, ist diese Autofahrt nicht viel teurer als drei Bustickets. Madan packt alles in seinen Dacia und wir starten nach Westen, gen Pokhara – weil die direkte Südroute durch die Monsun-Erdrutsche gefährlich ist. Von der Westpiste biegt er dann irgendwann nach Süden ab – und schon sind wir da, durch bergige Täler.

Michael fragt Madan unterwegs, warum er keine Gästeliste hat im Hotel, nie nach einem Pass fragt. Er sagt, weil jedes Hotel gewisse Steuern bezahlt, ob voll oder leer. Das ist sehr nachteilig, wenn mal Touristen ausfallen wegen Corona, Erdbeben oder Demonstrationen. Andererseits kann ein Hotelier, wenn es gut läuft, seine Einnahmen verstecken. Aber er kann damit wenig anfangen, sagt Madan. Denn wenn er dieses Geld plötzlich  für einen Autokauf vorkramt, muss er die Herkunft nachweisen.

Autos sind übrigens teuer in Nepal, weil bei der Einfuhr 250 % aufgeschlagen werden.

Im flachen Süden, dem Terai, landen wir in Nepals Wohlstand. Wir kreuzen riesige Städte mit viel Industrie. Madan bringt uns im Touristen-Dorf Sauraha am Rand von Chitwan direkt zum Haus von Ram Nepal, dem Nationalpark-Ranger, der mir im vorigen Jahr sagte: „Wenn du nochmal kommst, dann schläfst du bei mir.“

Ich hab inzwischen richtige Reiseleiter-Qualitäten, d. h. telefoniere alles vorher an und höre von Ram: „Klappt, ihr könnt kommen, es ist genug Platz, meine Eltern sind sowieso kurz nach Indien zu einer religiösen Tour.“ Michael später: „Wahrscheinlich hat er sie schnell ausquartiert.“

Es sind drei denkwürdige Tage am Rand des Nationalparks, weil wir richtiges Familienleben mitbekommen, viel sehen und mit Ram so einen guten Führer haben.

Das erste ist: Elefanten laufen durch die Straße. Mit ihrem weichen Schritt, exotisch rundlich und grau, sehr freundlich. Das zweite: In der kleinen Schneiderei rechts vom Haus lebt eine Frau aus Polen. Sie wohnte 25 Jahre lang in Essen,  verliebte sich bei einem Nepal-Ausflug und ist seit sieben Jahren hier. Sie ist glücklich bei den Schwiegereltern, sagt sie. Ab und zu macht sie mit ihrem Mann Ausflüge, z. B. war sie gerade hinter dem Annapurna-Massiv in Muktinath. Sie erzählt, dass viele Ausländer nach Sauraha ziehen, vor allem auch Russen. Sie bleiben aber oft nur während der warmen Saison.

Aus dem Hotel gegenüber tritt dann Peter auf die Straße. Er stammt aus einem kleinen Dorf nicht weit vom Städtchen Gunzenhausen unseres Hans entfernt. Er ist schmal, braungebrannt, drahtig und fränkisch lustig. Das überdeckt: Er hatte eine schwere Krankheit und war nicht glücklich in seinem Job bei der Bahn, in einem Stellwerk. Mutig las er sich im Internet zusammen, was es braucht, um allein zum Everest-Basecamp zu kommen und lief los. Jetzt, am Heimweg, hat er noch ein bisschen Zeit fürs Tiefland und macht am nächsten Tag eine geführte Radltour durch die Felder. „Servus!“ grüßt er dabei. Uns reißt´s richtig herum: Ein bayerisches Servus in Nepal.

Ram bringt uns gleich nach der Ankunft zu einem Tier-Krankenhaus in einem Park, wo kleine waise Rhinos aufgepäppelt werden und gefährliche Tiger eine Chance haben: Sie bekommen etwas Chemisches zu essen, das sie von der Lust auf Menschenfleisch befreit. Klappt es nicht, müssen sie getötet werden.

Über Sauraha und den Chitwan-Nationalpark steht aktuell etwas in der SZ: Die fast 10 000 km² Natur vor der indischen Grenze sind UNESCO-Welterbe. Hier leben 68 Säugetierarten. 600 Naturpark-Führer wie Ram kümmern sich um die Touristen.

In den sechziger Jahren wurde noch so viel gejagt, dass es nur noch 100 Rhinos gab. Deshalb entstand 1973 der Nationalpark. Heute gibt es hier wieder 700 Rhinos. Manche laufen durch Sauraha. Sie aus den Feldern der Bauern zu vertreiben, kann gefährlich sein, weil sie präzise zustoßen. Rettungstipps sind: Auf einen Baum klettern; sich hinter einem dicken Stamm verstecken; oder seine Jacke hinwerfen, dann hat das Rhino was zu tun.

Balendra Shah

Wir fragen Ram zur Regierung in Nepal (das ist Ende Oktober). Er sagt: „Die aktuelle Regierung tut nur 5 % fürs Volk. Ich hoffe, dass die neue Regierung 80 % tut. Die anderen 20 % sind egal.“ Jetzt gibt es diese neue Regierung, seit März,  mit dem Hoffnungsträger Balendra Shah.

Die SZ schreibt dazu aktuell: Dieser neue Ministerpräsident von Nepal ist der Sohn eines Ayurveda-Heilkundlers. Er wuchs in guten Verhältnissen auf. Schon früh war er unzufrieden damit, wie Kathmandu regiert wurde, wie schmutzig es war. Er wurde Bauingenieur und kam vor 15 Jahren als Rapper in die Hip-Hop-Szene. Sein Lied „Balidan“ (Opfer) von 2019 enthält die Zeile: „Führer, alle Diebe, plündern des Landes Juwelen…“ Das Video dazu wurde auf Youtube 15 Millionen Mal angesehen.

2021 kandidierte Balen Shah (32) als Unabhängiger für das Bürgermeisteramt in Kathmandu. Er machte die Stadt sauberer und behindertenfreundlicher, sorgte für Straßenlicht und bot Live-Übertragungen der Stadtratssitzungen. Illegale Privatbauten ließ er abreißen. Er ließ auch Straßenveräufer von der Polizei vertreiben, was nicht gut ankam.

Für die Wahl zum Premierminister schloss sich Balen Shah jetzt der Partei RSP an, die 2022 vom früheren Fernsehmoderator Rabi Lamichhane gegründet wurde. Lamichhane, für ein paar Monate auch Innenminister, landete später wegen Genossenschaftsbetrugs im Gefängnis. Für die Wahl kam er aber auf Kaution frei. Er konnte jetzt seinen Parlamentssitz verteidigen, war aber – vermutet SZ-Korrespondent Thomas Hahn – wegen dieser Vorgeschichte nicht ideal fürs Amt des Premiers. Deshalb nahm seine RSP dann Balen Shah als Kandidat auf.

Der heimische Politik-Analyst  Purunian Acharya weist daraufhin, dass Balen Shah jetzt ein Expertenteam und Unterstützung braucht. „Unter dem bestehenden Staatsapparat kann er nichts leisten.“

Der frühere Premier K P Sharma Oli, ein Kommunist (74), war viermal Premier gewesen. Er trat jetzt im gleichen Wahlkreis wie Balen Shah an, verlor aber gegen ihn.

Ram und seine Frau Bipana – sie ist Lehrerin – haben zwei Kinder, Rubis (9) und Rubinka (5). Als uns Ram zur Touristen-Tanzshow mitnimmt, die jeden Abend volles Haus hat, ist er ganz perplex: Rubis tanzt mit, als uns die Tänzer des heimischen Taru-Volkes dazu auf die Bühne bitten… Sonst tanzt er nie. Obwohl alle Kinder in Nepal das Tanzen durchs Mitmachen lernen.

Ich hab mich auch schon drauf eingestellt, seit dem Vorjahr. Wenn irgendwo Tanz ist, dann mitmachen. Es freut die Nepalesen so sehr – es ist wie eine Verbrüderung. Also sind Hans, Michael und ich sofort dabei.

Ram erzählt, dass seine Familie „Brahman“ ist und nicht aus dem Terai kommt. Also nicht zu den Taru gehört. Aber trotzdem ist er irgendwie Taru. Sein Großvater zog nämlich einst aus den Bergen ins Flachland. Wegen Überschwemmungen und Dürren musste er aber oft umsiedeln.

Ram selbst ging zwei Jahre nach Dubai, um mehr Geld zu verdienen. Er arbeitete an der Kasse eines Restaurants. Wer ins Ausland will, wendet sich nach einem medizinischen Test an einen Agenten in Kathmandu. Der hat Listen, welche Berufe wo gebraucht werden. Ist man geeignet, bekommt man die Chance. Meist arbeitet man dann ein halbes Jahr ohne Lohn, d. h. der Verdienst geht als Gebühr an den Agenten.

Ist dann die Realität z. B. in Arabien anders als geschildert, nützen keine Beschwerden, sagt Ram. Denn die Agenten haben immer Ausreden, um kein Geld zurückgeben zu müssen. Und die einfachen Arbeiter, oft Bauern aus dem Himalaya, können sich nicht wehren.

Im Moment denkt Ram wieder an vier Jahre Dubai. Denn wir merken: Es tropft durch sein Blechdach. Es müsste geflickt werden. Aber Ram will gleich aufstocken, wie sein Nachbar gegenüber: Der hat oben ganz neu vier kleine Zimmer. Per booking.com kommen da Touristen.

Aber Ram zögert: Wenn er so lange weg ist, fehlt er den Kindern. Also macht er weiter als Naturpark-Guide und packt uns in ein Tuk-Tuk. Hans streikt: In so etwas Enges steigt er nicht ein. 50 Kilometer in dieser Kiste? Er kommt da nie mehr raus. Aber am Ende ist er doch drin und hört dem Fahrer zu. Der war früher Trekking-Guide in den Bergen, bis seine Knie schmerzten. Dann nahm er 4000 Rupi Kredit auf (14 % Zinsen) und kaufte sich das Ding.

Er bringt uns zu einem See, von Militär bewacht, weil sich heute wegen des ständigen Regens nix anderes lohnt. Hier sehen wir Kormoran, Hirsch und Kingfisher. Dann tuckern wir zu einer Krokodilfarm. Wir sehen: So ein 4-m-Ding beginnt mit 12 cm Länge. Hier wird für die Natur nachgezüchtet. Denn als in den fünziger Jahren die Bergbauern in die Ebene kamen, gingen sie der Malaria straff an den Kragen – mit Austrocknen des Landes. Die Krokodile verschwanden.

Am nächsten Tag beginnt das Highlight für Michael – eine Bootstour auf dem Fluss. Der schweigsam stakende Boy sagt nur eins: „Hände raus aus dem Wasser.“ So hocken wir züchtig drin und sehen: Drei Krokodile, zwei Pfaue hoch oben in den Bäumen, Adler, zwei Eisvögel, schwarze Störche mit weißen Hälsen.

Wir steigen aus und laufen ein bisschen durch den Wald (= Dschungel) zu Rams Haus. Sogar Michael hat jetzt einen Blutegel. Auch der kleine Rubis: Er schreit panisch auf (und das als Dschungelboy, wo er das Zeug doch kennt!).

Am Abend erleben wir noch Tänze von jungen Leuten mitten in der Stadt, barfuß auf dem Pflaster. Weil Tihar-Ausklang  ist, Lichterfest-Ende.

Und am nächsten Morgen kommt unsere Elefantentour: Es ist so malerisch, wie die Elefanten mit ihren Sitzpodesten auf dem Rücken auf einer großen Wiese warten. Dann kommen sie zur Aufstiegleiter und wir sitzen drin. Hans und ich hinten, d. h. wir sehen nur den Schwanz wackeln. Michael und ein Engländer neben ihm (er muss zu einer Hochzeit im Punjab) haben´s viel besser: Sie haben die großen Ohren vor sich, den Rüssel, die nackten Füße des Mahut, der mit Druck an der Ohrwurzel alles lenkt.

Diese Mahuts, sagt Ram, werden immer tierfreundlicher. Sie versuchen, möglichst wenig zu schlagen.

Wir schaukeln lange dahin, steil in den Fluss runter, steil wieder hoch, durch den Wald, durch Matschgruben – und denken immer, der Elefant und wir kippen um. Wir müssen umkippen, bei dem Gewicht so hoch oben. „Das kam vor 20 Jahren noch vor“, sagt Ram. Aber inzwischen ist alles besser vergurtet. Wir überleben.

Als es nach Stunden und 3,5 km vorbei ist, vorbei an drei Rhinos, beschließt Hans: „Das nächste Mal bezahl ich alle vier Plätze und hab den Elefant für mich. Das war ja unmöglich – viel zu eng.“ Ram ist verblüfft. Auf die Idee ist noch keiner gekommen.

An der Stelle kann ich mal die Garmin-Armbanduhr von Hans erwähnen. 400 Euro teuer und so vollgepflastert mit Tricks, dass er eine Woche brauchte – als gewiefter Ingenieur -, um alles zu kapieren. Diese Uhr zeigt Landkarten, Wege, Pfade. Neben anderem. Hans zeigt drauf: „Sogar unser Elefanten-Weg ist drauf! Da muss nur mal einer vor uns hier gewesen sein und hat es eingespeist – schon siehst du es. Ist verrückt, oder?“ Die Uhr misst auch die Höhe. Hans stellte also schon zu Beginn der Reise fest: Kathmandu liegt auf 1500 m, die berühmte Höhle Halesi auf 1560, Umas Haus auf 1720 und der Fluss unten im Tal auf 620. Maidane und unsere Schulen: 2500 m und höher.

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Wir genießen den Joghurt von Bipana (hier das Rezept: Milch, Wasser und Starter, dann 8 Std stehen lassen und 3 Std in den Kühlschrank), spielen mit den Kindern Karten, schauen Rubinka beim Seifenblasen-Spaß zu – und müssen wieder gehen. Rubinka weint. Wir sagen: Wir kommen wieder! Aber es nützt nichts. In den Armen ihrer Mutter fallen die Tränen.

Unser kleiner Bus zur Großstadt-Haltestelle kostet 3000 R (20 km, 18 Euro), der große Bus von dort nach Bhairahawa (150 km) nur 850 (5,30). Es ist eine denkwürdige Fahrt. Denn diese Straße parallel zur indischen Grenze und zum Himalaya ist im Bau. Wird geteert. Hat Stau. Wir schätzen, dass es 40 km Stau sind. Ein Laster am andern.

Unser Busfahrer schert immer wieder aus und pfuscht sich vor. Er macht es so oft, dass sein Motor streikt. Klappe hoch, nachschauen – Hans sagt als erfahrerer Ingenieur: „Der kann probieren, was er will – es liegt an der Batterie. Die ist leer von dem vielen Anlassen.“

Neben mir sitzt Anita aus den USA, vielleicht 40 Jahre alt und schmal. Sie hat so gute Augen. Wir verstehen uns sofort. Sie ist hier im Terai aufgewachsen, im flachen Land,  und Tochter eines Schulleiters. Dann ging ihr Mann nach Amerika. Er holte sie nach: „“Ich hab ein Jahr lang geweint vor Heimweh. Man muss da die guten Leute suchen.“ Sie wohnten in Seattle („schön, weil da freundliche Leute sind“), in Texas („zu heiß“) und jetzt sind sie in Northern Carolina. Ihr gefällt es dort, weil die Landschaft so ans Terai erinnert.

Anita ist Friseuse und arbeitet mobil. Sie betrachtet im Stillen meine Haare und beschließt: „Way too long!“ Sie müssen dringend kürzer werden. Sie erzählt von ihrem Mann im IT-Business, von ihren zwei Kindern (eins ist vier, das andere schon im College) und von ihrem Eindruck jetzt in Nepal, für ein paar Wochen daheim: „Ich würde keine Hausfrau sein wollen wie meine Mutter. Sie ist 98 und war immer nur Hausfrau. I want to be busy.“

Als unser Bus den Atem verliert, sagt ein Schwabe, der solo hinten sitzt: „Ich war grad in Kolumbien.Wenn da sowas passiert, dann fährt man einfach bei einem andern Bus mit, der grad vorbeikommt.“ So machen wir es. Raus und rüber zu einem japanischen Kleinbus, der ein bisschen leer aussieht. Eine gute Wahl: Der Fahrer ist freundlich und spurtet sich an den vielen Lkw vorbei. Wir sehen: So viele Straßenbaustellen, wo nichts passiert. Nur zwei Stellen, wo langsam gearbeitet wird.

Wir passieren einen Bus, der eine Ziege auflädt, ablädt, uns auflädt und wieder ablädt. Dazwischen schau´n wir aufs Handy: Daniel, der uns nachgereist ist und nach zwei Tagen Kathmandu auf der gleichen Strecke ist, steckt im gleichen Stau. Er schickt uns Screenshots von wo er ist. Mühselig kommen wir drauf: Nicht weit weg.

Es wird Nacht. Wir trudeln in der Halb-Millionen-Stadt Bhairahawa ein, direkt an der indischen Grenze,  und finden ein Taxi zum Hotel. Ungefähr um 20 Uhr sind wir da. Daniel tritt erst nachts um vier durch die Zimmertür: Sein Fahrer weckte immer andere Busfahrer, erzählt er, die zum Schlafen gestoppt hatten, mitten auf der Straße, und ließ sich die Piste freimachen – sonst hätte es noch länger gedauert.

Daniel ist, denke ich, ein „good sport“: Keine Klagen, problemlos im Dunkeln vom Busbahnhof zum Hotel gelaufen. „Ich fand´s alles interessant“, sagt er, „mal reisen wie die Nepalesen. Von denen hat auch keiner gemeckert.“

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Unser Hotel in Bhairahawa ist genial. Es sorgt für Scherze. Weil ich es unmöglich finde: Viel zu teuer. Hightech a la Hilton. Und die andern sind glücklich, vor allem Hans und Michael – endlich ein gescheites Hotel, super sauber, eigenes Restaurant, pipapo.

Ich schrieb vorher an Shashank, seit letztem Jahr mein bester Freund dort in der Stadt, ob er uns ein kleines Hotel besorgen kann. Er delegierte es an seine Schwester, die eine Reiseagentur hat. Und so kamen wir an diese Kiste der Hotelkette Landmark: Innen hohl, außen voller Zimmer. Ich befürchtete das Schlimmste an Rechnung, 100 Euro die Nacht. Aber es war am Ende schockierend billig: 140 Euro für drei Nächte mit Frühstück. Und keine Gäste. Wir sind lange die einzigen.

Immerhin: Das Hotel zeigt, dass Nepalesen perfekt westlich bauen können. Als wär´s in New York.

Am ersten Morgen laufen wir nach Indien. Zwei Kilometer entfernt. Null Visum, aber man kanns ja mal probieren. Auf dem Weg sehen wir die bunt bemalten Lastwagen Nepals geparkt. Daneben die Müllhalde von Bhairahawa, bergig, grau, stinkend, rund um viele abgestorbene Bäume geschüttet, Krähen drüber. Und sehen Frauen in Schwarz, wo nur der Sehschlitz von Leben zeugt. Dann landen wir bei Polizisten unter Planen: Geht nicht. Indien ist tabu für uns

Später hören wir: Als Tourist ist es am gescheitesten, online ein Visum zu beantragen und dann nach Indien reinzufliegen, ganz grenznah. Dort kriegt man dann ein Visum (am Flughafen leichter als in Kathmandu) und hat fürderhin ein Jahr lang freie Einreise. Shashank sagt, dass es nur 25 km bis zur nächsten großen Stadt sind, wo alles noch billiger ist als in Nepal. Alle Bhairahawa´er gehen dort ihre Lebensmittel und Kleider kaufen.

Shashank und seine Mutter begleiten uns jetzt zu Mutter Poonam in ihrem Randdorf der Stadt, nicht weit von der Müllkippe. Ihre Geschichte hab ich schon einmal erzählt: Der Ehemann, ein Alkoholiker, meldet sich nicht mehr aus Malaysia. Poonam muss die vier Kinder irgendwie durchbringen. Sie wohnt in einem einzigen Zimmer, einem Lehmbau, das einem der sieben Brüder ihres Mannes gehört. Die Hälfte der Familie schläft auf dem harten Bett, die andern auf dem Boden. Mücken fliegen.

Wir fragen ihren Sohn Krishna, 13, hoch aufgeschossen seit dem letzten Jahr, was er einmal werden will. Er will lernen, wie man ein Geschäft aufmacht – business. Nötig wären eine Million Rupi, etwas über 6000 Euro.

Ich gebe Poonam von mir privat etwas Geld, Michael und Hans und Daniel machen es spontan genauso. Und Sunita half ihr jetzt im Mai und die Tuk-Tuk-Idee wird Wirklichkeit. So ist zumindest einer Familie geholfen.

Als wir zurück zur Straße gehen, bekommen wir kurz mit, wie viel Leid es außerdem in diesem Dorf gibt. Denn ein Vater schimpft gerade brutal seine Tochter zusammen, vielleicht zwölf, die in dünnem Kleid, verängstigt, mit nur einer Hand dasteht. Ihr handloser Arm und ihr abgehärmtes Gesicht gehen nicht aus meiner Erinnerung.

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Bhairahawa ist in den letzten 20 Jahren unglaublich gewachsen. Wir sahen die Armut von Poonam und erleben jetzt das Elternhaus von Shashank: Wohlhabend. Auch die Mutter von Saurav (er lebt in Pegnitz) lädt uns ein. Auch hier sehen wir ein schönes Haus. Die ganze Großfamilie von Shashank und Saurav schaffte es,  auf diesen früheren Wiesen gute Häuser zu bauen.

In der Innenstadt gibt es noch eine lange alte Marktstraße. Weit außen stehen die großen Hotels wie das Landmark. Zu ihren Füßen: Ein Mann mit Zuckerrohr-Karren. Die Presse darauf kracht, der Saft fließt – die Leute stehen Schlange. 500 Meter weiter eine offene Schneiderei an einem Straßeneck. Hans lässt sich seine Hose enger nähen und die Frauen, alle schön in ihren bunten Gewändern, lachen, weil er diese Hose dafür vor ihrem Laden auszieht. Aber nix Schlimmes, weil zweite Hose drunter.

Hans geht später auch zu einem Friseur: Offener Laden, kleine Holzbank an der Wand, wie der Mann schläft, wenn keiner kommt, und so geübte Bewegungen hat, als er Hans rasiert.

Daniel und ich stoppen am Abend noch in einer kleinen Konditorei/Imbissstube, ganz nepalesisch. Der Eigentümer besitzt ein kleines Hotel gegenüber, wo ich beschließe, das nächste Mal reinzugehen. Aber er ist nicht sicher, ob mir der Standard passt. Er rät ab. Dafür erklärt er uns, wie er seine Süßigkeiten macht, z. B. die „Black Java Plum“. Alles basiert auf gedickter Milch + Sirup + viel Aufwand.

Er erzählt auch über Nepal: Überall Korruption und es wird nicht besser. Außerdem haben Fabriken geschlossen. Nepal war früher berühmt für seine Reifenproduktion – vorbei.

Auf den wackligen Stühlen im Hinterzimmer sitzt auch ein Nepalese mit langem Haar, ein bisschen Hippie. Der Wirt sagt später: „Das ist der Hongkong-Mann. Er war schon in 43 Ländern. Meistens lebt er in Hongkong.“ – Dieser Mann erzählt uns von Hamburg, München, Berlin, der Slowakei – er hat es geschafft, er ist rausgekommen.

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Am nächsten Tag nehmen wir ein Taxi zu Buddhas Geburtsort. Nur 14 km außerhalb von Bhairahawa liegt dieses berühmte Lumbini, voller kleiner Hotels für Buddha-Fans. Dahinter erstreckt sich ein riesiger Park, wo es die Kunst ist, den passenden Eingang zu finden. Ein bisschen links im Park steht eine Kiste wie ein Supermarkt: Das ist die Abdeckung des Geburtsplatzes. Und rechts sowie außen herum haben -zig Nationen (Buddha-Vereinigungen) tolle Tempel hingestellt. Ein deutscher ist dabei, innen aufwändig bemalt. Sehr schön ist der chinesische Tempel; eine weiße Pracht der thailändische und ein Wunderwerk der aus Kambodscha.

Jetzt ist gar nicht klar, ob die kleine Grube unter Glas in der Supermarkt-Kiste wirklich Buddhas Geburtspunkt enthält. Zwar steht außen herum ein Haufen alte Architektur von früheren Tempeln, schiefe Ziegelmauern und Bruch, und die Leute stehen Schlange. Aber es kam auch schon mal ein König Ashok vorbei, vor Hunderten von Jahren, und errichtete außen an der Wand eine Säule: Eigentlich wurde er da geboren, sagte er.

Ich erinnere mich an meine Fähigkeiten mit der Wünschelrute, breche einen Zweig von einem Baum und suche selber. Ich komme auf einen Punkt 25 Meter weg von der Säule, in einer Wiese. Da müsste damals der kleine See gewesen sein, wo Buddhas Mutter hochschwanger stoppte und gebar.

Dieser See ist jetzt ein quadratisches Becken voll grünem Wasser und Schildkröten. Auch einen mächtigen Buddha-Baum gibt es zum Nachdenken. Wir bewundern die indischen Frauen in ihren teuren Saris, die in seinem Schatten dem Tourismus einen Glanz von Schönheit verleihen.

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Von der indischen Grenze nehmen wir einen Bus zurück in die Berge nach Pokhara. Wir geraten in einen Stau. Viele Menschen kommen uns am Straßenrand entgegen – vielleicht war irgendwo ein Fest. Erst nach Stunden geht es weiter und wir kommen durch eine Landschaft, wo Michael sagt: „So schön wie in Italien.“ Wegen der weiten Täler, der Berge drum herum und des blauen Himmels drüber.

Pokhara ist für uns wie Bali. Blauer See, Sonne, superbilliges + schönes „Little Tibetan Guesthouse“ mit Palmengarten und altenglischen Zimmern. Live-Musik am Strand, gepresst volle bunte Souvenir- und Kleiderläden.

In unserem Guesthouse sitzt eine ältere Dame aus München vor ihrem Zimmer. Sie kommt seit Jahren immer für vier Monate. Sie bleibt in diesem freundlichen Guesthouse, bis das Wetter zu kalt ist. Dann zieht sie ins wärmere Chitwan, in Richtung Indien.

Wir besuchen das blinde Ehepaar Sami und Nishal, die ich im vorigen Jahr am Seeufer kennengelernt habe. Dort singen sie fast jeden Tag am Weg für Touristen, mit Karaoke und Lautsprecher. Aber immer mehr Arme haben das entdeckt. Jetzt sehen wir alle 30 Meter jemanden singen. Die Einnahmen sinken.

Sami (31) und Nishal (30) werden von Junu (13) betreut. Dieses freundliche, stille Mädchen hat keine Mutter mehr. Sie ist die Tochter von einem der beiden Brüder von Sami. Sami hat auch eine Schwester.

Nishal hat genauso zwei Brüder und eine Schwester. Ihre Mutter starb, als Nishal 18 Jahre alt war. Er wurde an den Augen operiert, als er noch ein Junge war und konnte dann für einige Jahre sehen – bis ihn ein Lehrer ohrfeigte und die Nacht erneut begann.

Nishals Heimat ist weit im Westen, 6 km vor der Grenze zu den indischen Bergstaaten. „Das nächste Mal“, sagt er, „fahren wir dorthin, 20 Stunden mit dem Bus. Ich zeig euch mein Dorf.“

Daniel, Hans und Michael bewundern Sami und Nishal. Weil sie so fröhlich sind. Weil sie ihre zwei kleinen, teuren Zimmer (12 000 Rupi im Monat, 70 Euro) so ordentlich und licht eingerichtet haben, mit großen Plastikplanen an der Decke gegen die Lecks und den Monsun. Weil Sami problemlos für uns kocht, alles blind.

Nishal zeigt uns die Blindenschrift, wie er sie sticht – es gibt sie auf Englisch und Nepali. Er zeigt uns seinen Umgang mit dem Handy, das auf laut gestellt ist und für jede Funktion eine Sprach-Ankündigung hat. Er rattert das durch, hört genau hin und stoppt, wo er es braucht. Dann fragt er die Chat-GBT-Dame, was  er wissen will und bekommt eine perfekte Antwort – so verbessert er auch sein Englisch.

Irgendwann erzählt er uns von seinem Traum, Gitarrespielen zu lernen. Er zieht seine Gitarre aus dem Plastikschutz, bissl verstaubt. Eine Saite fehlt. Das Geld für den Unterricht fehlt. Michael hilft ihm spontan. Und auch später wieder, von Deutschland aus. Sami und Nishal gehen Michael nicht aus dem Kopf: „Wie man so glücklich leben kann, wenn man nichts sieht und so wenig hat.“

Als wir drei später in die Berge steigen und Michael wegen seiner Knieprobleme in Pokhara bleibt, bringt er Nishal eine neue Saite für die Gitarre. Beim Aufziehen springt ein Nippel ab. Michael sucht ihn am Boden und findet ihn nicht. Nishal zeigt ihm, wo er hörte, dass der Nippel landete. Da war er.

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In Pokhara hat Suman zwei arme Familien eingeladen, die KvN unterstützt: Großmutter Laxmi Paliyar mit ihren Enkeln Nikita (8) und Nikashma (3) sowie Sanish und Sanisha Gurung, 5 und 3,5 Jahre alt.

Bei Laxmi ging ihr Sohn vor Jahren zur Arbeit ins Ausland und rührt sich nicht mehr. Sie muss ihre Schwiegertochter und die beiden Enkel vom Erlös eines kleinen Obstladens ernähren. Sie bringt uns als Dank Orangen mit.

Sanish und Sanisha haben arme Eltern, die die Gebühr für den Kindergarten und die Schule nicht aufbringen können. Anders als in den Bergdörfern muss man in Pokhara dafür bezahlen.

Die Kinder spielen jetzt gern mit uns, im Schatten vor dem Haus auf der Straße. Sie sind genau wie deutsche Kinder – und bringen uns ganz sinpel ein Kartenspiel bei.

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Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug zur japanischen Zen-Stupa (weißer Großtempel) auf einem Berg hinter dem Fewa-See. Dieses riesige runde Ding soll den Weltfrieden fördern, wie viele ähnliche Bauten in anderen Ländern. Er kann aber auch der geistigen Spionage dienen. Die hinduistischen Bürger von Pokhara schafften es nicht, den Tempel abzulehnen. Nach 16 Jahren Abwehr wurde er von den Japanern durchgesetzt.

Wir lassen uns über den See rudern, steigen Pfade hoch zur Stupa und hinten wieder runter – zu einer berühmten Höhle, in deren Innern ein Fluss tobt.

Dann queren wir draußen die Straße und kommen in einen kleinen Park, wo dieser Fluss noch ganz idyllisch vor sich hinläuft. Dort ist ein kleines Becken, ein Wish-Pool. Jeder kann Münzen reinwerfen. Bleiben sie in der Mitte auf einem Metallkunstwerk liegen, bringt das Glück. Wider Erwarten klappt´s bei mir, was mir viel Bewunderung von zwei Damen einbringt.

Am Abend geht´s zur ersten Geburtstagsfeier von Mayara, der kleinen Tochter von Sushma und Madhu. Hans will nicht mit – lieber chillen im „Tibetan Guesthouse“. So verpasst er Sensationelles. Denn Madhu ist Sport-Professor (was ihn oft ins Ausland zu Wettbewerben bringt) und sein Vater war bei der Regierung für Fischzucht zuständig, auch für Forschung. Er betreibt jetzt noch eigene Forellenbecken, die im Jahr sechs Tonnen Fisch einbringen. Entsprechend ist er in seiner Rente wohlhabend. Entsprechend wohnt er. Und Madhu, der so freundliche, ehrliche, kompetente Sohn, gleich mit. Sie leben in einer „Colony“, die mitten in Pokhara von einer Mauer umgeben ist. Der Stadtplan macht hier einfach blank: Keine Straßennamen.

Am Eingang (schmiedeeisen und groß) hält uns ein uniformierter Rentner auf: Exakter Check. Mit Anruf in der Villa von Madhu, ob wir überhaupt eingeladen sind. Unser Taxifahrer merkt sich dann, was der Rentner sagt, wo er kompliziert abbiegen muss. Dann sind wir da: Noble Straße, noble Autos, grüne Vorgärten, weiter hinten ein Café für die 53 Häuser (82 sind geplant), auch ein See zum Genießen und eine Sporthalle mit Swimmingpool.

Ein Haus hier, sagt Madhu, kostet ungefähr 280 000 Euro. Dafür ist es exklusiv und hat exklusive Nachbarn. Es sind viele Ausländer, die in Nepal arbeiten. Einen treffen wir gleich, nämlich den sportlichen Forest aus den USA. Er ist um die 40 und seit acht Jahren hier. Er hat zwei Kinder und ist Fitnesstrainer. Er gibt in Pokhara Militär-Trainings und nimmt die Gurkha-Soldaten raus in die Berge, für Spezialcoaching.

Spricht Forest amerikanisch, hat er einen gutturalen Unterton wie der Marlboro-Cowboy. Spricht er nepalesisch, ist das komplett weg – er könnte ein Europäer sein. Madhu bescheinigt ihm, ziemlich gut Nepalesisch zu können.

Bei der Geburtstagsfeier ist unser Daniel der Star, weil er so fotogen und jung aussieht. Michael und ich sinken dagegen zurück. Ich beobachte Sushma, die hier in diese reiche Familie geheiratet hat. Sie war früher eine selbstbewusste junge Frau, Lehrerin für Hebammen, in Indien ausgebildet. Sie wollte nie heiraten, beugte sich aber der Regel, dass ein Mädchen über 32 verloren ist, weil es keinen mehr abkriegt. So kam sie spät  in die von ihren Eltern bestimmte Ehe, in dieses viel zu ruhige Colony-Leben. Am Tisch sitzt sie am Ende unglücklich da, vor all dem guten Essen. Ich frage, wie es ihr geht. Und weiß, sie würde am liebsten draußen im Normalleben sein, schlank wie früher  und fröhlich. Aber sie muss dieses Dirigat der Schwiegereltern mitmachen.

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Jetzt haben wir grad noch ein paar Tage Zeit, um in die Berge zu gehen. Ich erinnere mich an Ram, unseren Naturpark-Ranger aus dem Tiefland, der gesagt hat, er kann uns einen guten Trekkingführer vermitteln. Das ist Madan, eigentlich Lehrer und schon länger Ranger. Beide sind um 4 Uhr morgens in Pokhara, via Nachtbus. Ram kommt mit, um das Trekking-Business zu lernen. Madan hat sofort unsere Sympathie, weil er so ein kluger und freundlicher Mann ist.

Michael bleibt am See zurück, weil er mit seinen Knien Probleme hat und genießt dort die Tage. Daniel, Hans und ich sind gespannt auf Poonhill – diesen berühmten Mini-Hügel voller Tourismus, 3210 m hoch. Jeder, der sonstwie nicht weit in den Himalaya kann, steigt hier in aller Morgenfrühe rauf und betrachtet den Sonnenaufgang über Annapurna und Dhaulagiri.

Unser Taxifahrer nach Birethanti, dem Start-Dorf des Aufstiegs, erzählt: Er war 16 Jahre in Dubai, wo er anfangs keine gute Arbeit hatte, aber dann ins Taxi-Geschäft kam. „Ein schönes Land“, sagte er, „aber strikt: Wenn du einen Zentimeter über den Mittelstreifen fährst, kommt die Polizei.“  Er konnte dort nichts sparen, weil er seinen ganzen Lohn nachhause schickte, um seinem Sohn eine gute Schule zu ermöglichen.

Unterwegs überholen wir einen rumpeligen Bus, der auch nach Poon Hill fährt: Seit September ist ein grober Feldweg hochgeschoben. Er karrt also noch mehr Touristen ran. Jeeps fahren auch – wir sehen einen, überladen mit Mineralwasser, der die Hotels in Ghorepani, dem Dorf am Fuß des Dreitausenders, versorgt.

Madan sagt nicht viel, um uns nicht zu schocken: Er geht extrem weit hinauf für unsere erste Übernachtung. Wir passieren -zig Hotels in Kleinstdörfern, die froh um uns gewesen wären – aber nein. Irgendwann überholen wir eine Familie aus Israel mit drei Kindern, die kurz vor dem Kollaps sind. Der Vater animiert sie mit allen Tricks – aber es nützt nichts. Die Mutter sagt: „Nie mehr in ihrem Leben werden sie nach Nepal gehen.“

Wir passieren eine kleine Kirche (!) und 45 Ziegen. Beim Mittagsstop zieht Madan ein Fernglas raus und erzählt von seinem Hobby, der Vogel-Beobachtung. Er bräuchte das Ding gar nicht, denn er sieht weit oben Adler fliegen, wo unsere Augen nichts mehr entdecken.

Unser Träger ist Roshan, ein einfacher Mann. Er schnürt die Rucksäcke von Hans und mir zusammen. Daniel trägt seinen eisern selbst, als ewige Erinnerung an die schweigenden Qualen des Himalaya.

Roshan ist außerhalb der Saison ein Maurer. Er hat einen Sohn, für den er eine gute Schule bezahlen will. Dafür dieser Träger-Stress.  Aber passiert ihm als Vater beim Trekking was, ist es vorbei – „die Regierung hilft uns nicht in Nepal.“

Ich träume von ihm. Roshan gehört da zum alten Volk von Nepal, das noch mit Zaubern zu tun hat.

Am nächsten Abend treffen wir in Ghorepani ein, dem Dörfchen mit ca. 1000 Hotels gleich unter dem Gipfel. Madan ermuntert uns, schnell noch einen Abend-Walk zum Poon Hill zu machen, als Training. Hans schafft die 2610 Stufen aber nur, weil wir so viele Witze machen und bei jedem Podest stehen bleiben.

Oben ist die Abendsonne spektakulär. Alle Gipfel in goldenen Tönen. Aber zurück im Hotel ist die Lust auf den Morgen, auf 4 Uhr früh Aufstehen und nochmal Poon Hill, bei Hans und Daniel stark gesunken. Ich bin stur: Extra wegen dieser Morgensonne bin ich gekommen, also geh ich rauf. Daniel schließt sich um 3.45 Uhr spontan an. Und Wunder über Wunder: Diesmal schaffen wir die Stufen spielend. In 35 Minuten sind wir oben.

Dort ist es saukalt. Ein internationales Meer von Touristen erscheint. Ein älterer Mann ist gnadenlos barfuß in Sandalen da. Nepalesische Mädels und Jungs singen auf dem wackligen Aussichtsturm „den“ Hit und alten Folksong „Resham firiri…“. Er erzählt von einem kleinen Seidentuch, das hoch hinaus fliegt und die Gedanken eines verliebten Jungen zu seiner Freundin dort oben trägt.

Die Sonne kommt. 1254 Handyfotos werden gemacht. Wir steigen wieder ab. Voller Frohsinn – denn in Ghorepani gibt es eine deutsche Bäckerei. Gutenn Kuchen. Aber ich und Hans haben dort eine Mission: Wir wollen die Verkäuferin davon überzeugen, dass ihr Kuchen aus der Mikrowelle inhaltlich hinüber ist. Weil die Mikrowelle die Moleküle so durchdreht, dass sie im Magen ein Chaos anrichten. Es gelingt uns. Sie ist beeindruckt.  Aber ich weiß nicht mehr, wie wir es schafften.

Heimwärts laufen wir in einem Schuss nach unten. Es ist mirakulös: Rauf bist du k.o. wie nix, und runter geht´s problemlos. Hans hat gelesen, dass die Angst schuld dran ist: Der Körper weiß nicht, was ihn aufwärts erwartet und macht vorsichtshalber mal auf schwach. Runter kennt er alles und zack! – ist er da.

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Unser Bus zurück nach Kathmandu ist nicht teuer, aber „de luxe“. D. h. ein sehr schönes Mädchen in Tracht ist die Stewardess. Und unterwegs gibt es sogar in einem Luxus-Restaurant (düsterer Beton-Holz-Stil) umsonst Essen.

In Kathmandu  zeigt sich, wie gestählt Daniel, Hans und Michael mittlerweile sind. Denn es gibt null Klagen über zu enge Autos. Hans organisiert ein kleines Taxi, in das wir nur gepresst reinpassen, hinten und vorne voll Gepäck und ein Rucksack auf dem Dach, den Michael mit Arm aus dem Fenster festhält. Früher hätte Hans gesagt: „Da steig ich nicht ein.“

Unser Hotelier Madan hat  im „Souvenir Guesthouse“ für jeden sein altes Zimmer bereit. Wir treffen Utsav, der mit seinem Schulfreund Susan gekommen ist. Susan ist ein so guter junger Mann, schmal und lächelnd. Seine Mutter starb, als er zwei Jahre alt war. Er musste aufs Feld und konnte nur die einfache Regierungsschule besuchen. Sein Vater kümmerte sich nicht um ihn. Utsav nimmt Susan oft auf seinem Motorrad zu weiten Touren mit.

Ich treffe noch einmal Mahesh zum Gänse-Retten. Mahesh ist so gut, unermessbar. Wir sind am Morgen des Abflugtages beim Tierhändler, der auch gleich der Metzger ist. Auf der Holzplatte hinter seinen Käfigen liegt das große Schlachtmesser. Der Mann steckt mein Geld zu einem dicken Geldbündel. Dünne Hühner und Hähne schauen zu, wie unsere sechs Gänse in die Freiheit rauskommen. In blaue Plastiktüten werden Löcher für die Köpfe geschnitten. Füße gefesselt, reingesteckt und los.

Mahesh sagt: „Wir brauchen kein Taxi. Ich nehm drei Gänse vorn und du hältst die andere Tüte.“ So geht es mit seinem roten Roller in die Freiheit, an den Fluss, in die Sonne. Dort sagt eine alte Frau: „Das ist richtig, was ihr macht.“

Eine Gans schwimmt sofort weg. Die andern schauen die Umgebung genau an, um sich abzusichern. „Beim nächsten Mal“, sag ich zu Mahesh, „schreib ich auf, was die Gänse bei der Fahrt sagen. Da machen wir ein kleines Buch draus. Vielleicht hilft es, damit wir die Tiere besser achten.“

Im Flugzeug sitzt ein Mädchen aus Poon Hill neben mir, aus den Bergen, aber elegant. Sie ist in der 12. Klasse und erscheint mir erst arrogant mit ihrer teuren Tasche. Sie sagt, dass ihr Vater seit acht Jahren in Japan arbeitet. Deswegen hat sie Geld für solche Kleidung. Sie will ihn besuchen. Sie ist traurig: So lange war ihr Vater nicht daheim. Bei anderen in der Klasse ist es genauso. Alle Väter sind irgendwo im Ausland.

Sie will einmal Krankenschwester werden, in Australien. Weil: „Nepal ist unterentwickelt.“ Sie fragt mich: „Wie viele Länder haben Sie gesehen? Wie ist das Wetter in Deutschland? Denn in Japan ist es kalt.“ Ich erzähle ihr vom teuren Deutschland, von den Problemen alleinerziehender Mütter, von den Obdachlosen.

Reisebericht 2024

Nach und nach schreibe ich wieder über meine Reise nach Nepal, immer kurz, damit es nicht langweilig wird. Es waren nur drei Wochen und ich konnte wegen der Monsun-Straßenschäden nicht zu unseren Schulen fahren. Aber Uma kam am Schluss mit Utsav nach Kathmandu. Und ich hatte so endlich die Zeit, auch jene Kinder zu treffen, die wir in Pokhara und an der Grenze nach Indien unterstützen.

Trotz der Kürze war alles sehr interessant. Am Ende saß ich in Kathmandu in einem kleinen Imbiss, neben mir ein offenes Fenster. Da dachte ich: So war diese Reise – als ob ich in das offene Fenster eines Hauses geblickt hätte. Ich sah viel von Nepal.

1. Der Flug

Es beginnt mit einer großen Erleichterung am Flughafen in Frankfurt. Denn dort haben die Herren beim Einchequen problemlos meine zwei Koffer mit den vier Computern von Dr. Bulst  angenommen. Ich bin so erleichtert. Kein Aufhebens wegen der Lithium-Knopfzelle drin, weil ja alle Lithium-Akkus verboten sind.

Ich hatte die Computer dicht in Zeitungspapier gepackt. Avis und Sunita stopften noch alte Klamotten dazu, zum Abfedern. Aber bei der Ankunft war alles zerschmissen: Die Koffer waren so herumgeworfen, dass die Computer wie lose fliegend drin herumlagen.

Uma freute sich dann später sehr über die Bildschirme. Sie hatten wegen ihres Gewichts bei einem der Koffer die Balance verbogen. Er rollte nicht mehr richtig und machte Zuckungen. Aber ich bog das mit Gewalt zurück.

Uma rief sofort den Rektor im fernen Maidane an, ob er Tastaturen hat. Hatte er nicht. Also zum Computershop. Dort gab es sie, inklusive Maus, für sage und schreibe 4 Euro. Ich weiß nicht, wie das geht. Wie man für 3 Euro eine große Tastatur herstellen kann und für einen Euro eine Maus. Aber wahrscheinlich ist es „Made in China“. Wozu die Nepali ein Sprichwort haben: „Kaufst du ein chinesisches Gerät, hast du es am einen Tag und am andern nicht.“ Weil kaputt.

Jetzt habe ich im Flugzeug einen interessanten Sitznachbarn, Miguel de Matos. Er kommt ganz lachend an, vielleicht 60, mit ein bisschen Bauch und grauen Haaren. Er vertreibt die indische Frau von seiner Sitznummer und sagt: „Ich bin aus Portugal. Ich fliege nach Indien. Das ist das erste Mal, dass ich nach Indien fliege.“

Das Gespräch mit ihm hätte man aufnehmen sollen. Er ist Wirtschaftsberater in Porto, nördlich von Lissabon. Und geschieden. Reiche Frau, ein Kind. Jetzt nahm er einmal einen jungen Inder als Untermieter. Mit ihm verstand er sich sehr gut. Deshalb kommt plötzlich ein Anruf aus Indien: Hochzeit, ob er nicht teilnimmt? „Am Mittwoch war der Anruf, am Donnerstag hab ich nachgedacht, am Freitag Ja gesagt und am Samstag den Flug gebucht.“ Jetzt ist Sonntag.

Seine fünf Mitarbeiter schaffen es auch ohne ihn, Firmen zu vernetzen. Denn das ist Miguels Geschäftsidee: Er nennt seinen Kunden andere Firmen, die ihnen bei der Produktion helfen.

Daneben ist er Schachspieler, seit er fünf Jahre alt ist. Schach trainiert das Gehirn, sagt er. Und ein kluges Gehirn lässt sich nicht von Politikern einlullen. Darum hat Miguel einen Verein gegründet, der eine Stiftung werden soll. Dieser Verein verteilt Schachbrett-Tische an Schulen. „Du hilfst in den Bergen des Himalaya? An wie vielen Schulen? Ich schicke je zwei Schachtische hin. Die stellt ihr irgendwo ins Eck, ohne Aufsicht, und lasst die Kinder spielen. Sie müssen klug werden. Nicht alles glauben, selbst denken. Das ist mein kleiner Beitrag für die Welt. Wenn ich mal sterbe, dann hab ich was für die Welt getan.“

Warum ist er so motiviert? Weil er ein Buch geschrieben hat: „Sei frei. Werde ein freier Unternehmer.“ Um es in Brasilien zu veröffentlichen, flog er hin. Er traf dort zufällig auf spiritistische alte Frauen, die ihm zwei Vorleben nannten: Einmal war er ein Kardinal, der jeden um die Ecke brachte, der anderer Meinung war. Dann war er ein Desperado mit Schiff, der auf eigene Faust Welthandel betrieb.

Diese Leben lösen jetzt, als Ausgleich, wahrscheinlich sein positives Handeln aus. „Wir sollten nicht so mit Effizienz arbeiten. Schau dir Europa an. Nach dem Krieg ging alles hoch und dann durch wilden Kapitalismus wieder runter.“

Am Schluss lacht er: „Ich schreib´ auch Gedichte und bin Philosoph. Mein zweites Buch geht übers Universum, über Gott.  Wir müssen erkennen: Wir sind alle zusammen der Schöpfer. Jeder hat da eine Aufgabe, eine Mission: Dieses Leben durchführen. Und wir müssen bescheiden sein. Ich hab auch Autos gehabt – hab ich alles weg. Weil nur wichtig ist: Ich bin. Den Rest kann man weglassen.“

Er erzählt noch von den Brasilianierinnen, mit welch schönem Klang sie das Portugiesische sprechen – und sagt dann auf Wiedersehen. Er wird abgeholt in Neu-Delhi zur Hochzeitsfeier 500 Kilometer im Norden. Dann geht es noch nach Dharamsala im Vorhimalaya, nach Kaschmir  und zur Hippie-Halbinsel Goa im Süden.

Sein Buch gibt es bald auf Englisch. Vielleicht auch gut für die Kinder unserer Schulen.

2. Kathmandu

Es ist eine erlebnisreiche Reise, bis dahin, dass ich fast von einem kleinen Elefanten gegessen werde. Und sie beginnt in Kathmandu mit dem Taxi-Fahrer am Flughafen, der von 500 Toten spricht, die der übermäßige Monsunregen gekostet hat. Uma sagt später, es sind 200.

Uma und Utsav haben mir abgeraten, nach Okhaldhunga zu kommen, weil die Straße an zehn Stellen zerstört ist. Sie wagen aber später selbst diese Reise und Utsav sagt: „Es war schlimmer als letztes Jahr unsere Fahrt von Patle herunter.“ Damals setzte der Jeep oft am Boden auf, weil die Furchen so wild ausgewaschen waren.

Jetzt muss ihr Jeep im Fluss fahren, weil die Uferstraße in Blocks zerbrochen da liegt. Utsav zeigt Bilder von Häusern, die wie hingeworfene Schuhschachteln in den Fluten liegen. Den ganzen nächsten Tag über malt er sich ängstlich die Rückfahrt aus, ob sie gut geht. Sie geht gut: Um vier Uhr los und um 16 Uhr Ankunft. Sie haben extra einen Sitz dazu gebucht für die Computer. Alle vier PC´s kommen heil an.

Uma und Utsav ziehen sich am Morgen unseres gemeinsamen Tages  erst einmal bestens an, ich auch, um zur deutschen Botschaft zu gehen und nach ihrem Visumsantrag vom Juli zu fragen. Die Frau am Empfang wünscht lange dies und das, um schließlich in einem dicken Buch den Eintrag zu finden, wann Uma das letzte Mal da war. Dann kommt ein Zettel durch die Scheibe: Uma soll ihre Anfrage per Mail schicken. Dann kriegt sie eine Mailantwort.

Danach setzen wir uns im „Souvenir Guesthouse“,  meinem schönen kleinen Hotel,  unter dem Baum zusammen, um über „Kinder von Nepal“ und unsere Hilfe im nächsten Jahr zu sprechen. Uma hatte Werner im Laufe dieses Jahres schon viele arme Kinder nachgemeldet, so dass es jetzt 160 sind. Werner hatte aber durchgerechnet: Wenn es bei 130 Euro pro Kind bleibt, sind das über 19 000 Euro. Und die Lehrergehälter (20 000) dazu – kaum zu schaffen. Danach sind wir blank.

Aber für Uma ist es schwer, das zu verstehen. Sie hat noch mehr Kinder auf ihrer Liste: Die große LGS-Schule in Okhaldhunga bat sie dringend, sich für weitere sieben sehr arme Schüler einzusetzen. Und diese Schule bräuchte im Grundschulbereich einen Lehrer dazu.

Die Schule in Jhamire meldete zwei Kinder zusätzlich (eines der Kinder hat Herzprobleme und sein Vater trinkt); die Schule in Thade ein Kind.  In Bagam sind es fünf Zugänge. Die JMS-Schule hofft auf Unterstützung für einen hinkenden Jungen, dessen Vater blind ist und die Mutter waise.

In Maidane sollten wir dem von uns bezahlten neuen Sportlehrer etwas mehr Gehalt geben, weil er auch „Gesundheit“ unterrichtet. Auch die andere KvN-Lehrerin bräuchte mehr Lohn. In Bagam wäre es ein Lehrer, der etwas mehr bräuchte.

In Maidane sind die Grundschullehrer frustriert, weil sie in den obersten Klassen eingesetzt werden – aber von der Regierung nicht das entsprechende Gehalt bekommen. Das Government lässt diese „higher secondary“-Stufe unbeachtet.

Ich sage, wir sparen jetzt so: Alle Kinder, die im ersten KvN-Jahr neue Schulkleidung bekamen, brauchen das im nächsten und dritten Jahr nicht wieder. Sie kommen mit weniger Unterrstützung zurecht.

Kinder, die aus Sherpa-Familien kommen (wo die Väter oft trinken), bekommen Reissäcke. Damit ist ihr Essen gesichert.

Und Uma sieht sich jedes Schicksal genau an, um zu entscheiden, wo wie viel nötig ist.

Werner fliegt morgen nach Nepal und bespricht – nach seiner Wanderung im Umland von Okhaldhunga –  mit Uma und Utsav noch einmal alles.

Utsav ist bei meinem Gespräch so ein guter Junge, so ein guter Charakter. Es hat mich richtig gerissen: Ich muss genauso sein, kommt mir blitzartig.

2. Entenrettung

Am Flughafen riecht man beim Rausgehen sofort Kathmandu: Eine Mischung aus Benzin und Tempelduft. Wie eine Wiege. Reinlegen und langsam werden. Ich glaub´, man macht hier alles langsam.

Es ist so eine Freude in meinem kleinen Hotel. Alles gemütlich. Vor dem Tor zischt der Verkehr vorbei, die schöne Nepalmusik läuft irgendwo. Und ich bekomme Zimttee und Momos.
Ganz neu gibt es einen Hund. Er ist ca 2 cm groß, 30 Tage alt und heißt Max. Er wurde von belgischen Gästen gestiftet, damit der geistig behinderte Sohn der Hotelfamilie eine Freude hat.

Ich gehe zum SIM-Karte wechseln – 600 Rupi für vier Wochen = 4,20 Euro. Man bekommt mehr für den Euro als früher.
Dann bin ich bei einer bescheidenen Schneiderin im Hintergassenviertel, um mein T-Shirt schmaler nähen zu lassen. Dann bei einer anderen Schneiderin am Weg zum Fluss, um Zwirn zu kaufen. Es ist ein großer Akt, weil sie nur Nepali kann. Aber ich hab vorher ein Buch gekauft: „Basic Nepali für Anfänger“.

Ich bin extra langsam unterwegs. Und hab vor, in diesen drei Wochen zehn Enten oder Gänse frei zu kaufen. Mutig fange ich sofort an. Es ist eine denkwürdige Aktion. Die Hühner, Enten und Gänse stecken in ganz kleinen alten Käfigen – fix und fertig von diesem Leben vor dem drohenden Tod. Der Händler sitzt vorn am Gehsteig wie ein Sultan: Schwer, mit Schnurrbart und unbeweglich.

Ein schmaler Motorradfahrer, sehr freundlich, hilft mir. Ich kann aber für meine zwei Enten und zwei Gänse nur wenig runterhandeln. Ein junger Metzger im Hintergrund schneidet mit blutigem Messer die Schnüre fürs Zusammenbinden der Füße. Dann kommen alle vier in Plastiktaschen. Der Sultan sticht liebevoll Löcher rein, damit ihre Köpfe rausschauen. Ich wundere mich: Er, der reglose Tierhändler, hat so viel Mitgefühl.

Dann laufe ich zum passenden Steilufer. Als ich die Enten und Gänse aus ihren Tüten ziehe, steht ein großer behinderter Junge aus der Armensiedlung neben mir (diese Hütten klemmen zwischen Ufer und Häusern, auf einem Sandstreifen). Er versteht: „Fliegen lassen!“ Und ist so begeistert.
Plötzlich hab ich zehn Neugierige um mich, die Hälfte Kinder. Alle arm, alle kein Englisch, alle strahlen, als sie sehen, wie begeistert die Enten baden und die Gänse froh dahinschwimmen.

Eine Mutter lädt mich zum Tee in ihre Hütte ein. Sie sagt immer wieder: „ Pani!“ = Wasser. Ich denke, wegen des Tees. Aber da kommt ein großer Junge mit etwas Englisch: Sie meint das Monsun-Hochwasser vor zehn Tagen. Es ging bis zur Hüttendecke. „Und die Regierung gibt kein Geld.“ Ich gebe 1000 Rupi und nochmal 1000 = 14 Euro. Auch nicht viel, aber in Kathmandu doch. ‎

Derweil öffnet die Mutter eine kleine Blechkiste vor ihrer Matratze, auf der ich sitze: Drin ist ein weißer Hase, ganz zart.
In dem Moment bringt der Opa eine Ente kopfüber rein. Ich denke: „Das ist meine. Jetzt sind sie in den Fluss gestiegen und haben sie rausgefangen.“ Ich befühle die Ente: Sie ist nass. Ich frage dreimal nach. Und betone: „Fliegen lassen!“ – Aber die Mutter wiegelt ab, der Besitzer der Ente wohnt woanders. Ich bin zu unklar im Kopf, um meine Ente einfach zu schnappen und rauszugehen.

Später träume ich von dem kleinen Opa mit seinem runzeligen Gesicht. Er entschuldigt seinen Diebstahl: Er ist ein Jäger, und drum kann er die Enten nicht schwimmen lassen.

Die Gänse haben wahrscheinlich überlebt, weil sie ein so gutes inneres Warnsystem haben.

Wie ein Lohn für meine halbe Tierrettung finde ich am Abend interessante Straßen und Dinge. Es ist nämlich Drachensteig-Zeit. Die immer so fröhlichen Kinder klettern auf Schuttberge und probieren es. Oder sie stehen auf der höchsten Tempelstufe.
Derweil bieten unten an der Tempelkante die Frauen vom Land ihr Gemüse an. Eine Mutter hat ihren Sohn dabei, zwei Jahre alt. Er sitzt gebeugt über einem Handy, das am Boden liegt, zwischen Petersilie und Karotten. Drauf läuft ein Comic.

Samjhana, die Hotelfrau, sagt am Abend, dass diese Armenhütten am Fluss reichen Leuten gehören, die sie vermieten. Und sie denkt, dass nicht alle Bewohner so arm sind wie es aussieht.

4. Max und Madan
Heute will ich neue Bäche erkunden, für eine sichere Enten-Rettung. Aber dann ruft Sunita aus Pegnitz an (sie und ihr Mann Saurav kommen aus Nepal), ich soll meine Busfahrten nach Pokhara und Lumbini, wo wir vor allem arme Mütter unterstützen, umstellen. Eine andere Route hat weniger Verkehr. Deshalb gehe ich zurück, um es Hotelier Madan zu sagen. Er managed alle Busse für mich. Da kommt ein Drama. Denn ein Sohn der Hotelfamilie, Prashaman (14), ist geistig etwas behindert. Er läuft auch hinkend und schwer. Er tritt aus Versehen rückwärts auf Max. Es kommt so viel Blut raus.

Jan aus Belgien hatte den kleinen Max extra für den Jungen gekauft, weil er mit seiner eigenen behinderten Tochter sah, wie glücklich sie mit einem Golden Retriever war. Jetzt hebt Jan den kleinen Max in einem Tuch hoch. Er ist wie tot. Madan nimmt sein Motorrad und beide fahren zur Tierklinik. Nach 1,5 Stunden kommen sie wieder: Keiner weiß, ob der Mund oder die Nase getroffen sind oder etwas Inneres. Nach einer Stunde müssen sie wieder hin. Abends schicken die Ärzte Bilder von Max in einem kleinen Käfig. Er soll mindestens drei Tage bleiben.

Jeder hatte ihn so gern, weil er so viel Liebe gab. Er lehnte sich immer an den Fuß von Madan und schlief da ein.

Später stirbt er in der Klinik. Die Ärzte bedauern, dass sie keine Durchleuchtungsgeräte haben wie in Europa. Madan und seine Frau Samjhana trauen sich nicht, es den beiden Kindern zu sagen. Bis zum Tihar-Fest anfang November sagen sie immer: „Max ist noch in der Klinik.“ Das Tihar-Lichterfest ehrt auch Tiere, zum Beispiel die Krähe, die Kuh und den Hund. Am Tag des Hundes wollen sie einen neuen Max kaufen.

Für Madan ist der Tod von Max schlimm, sagt er, weil er ihn an den Tod seiner Mutter erinnert. Sie starb an Durchfall, als er ein halbes Jahr alt war. In seinem Dorf gab es keinen Arzt. Sein Vater war beim Militär. Nach altem Heilwissen verweigerten die Nachbarn seiner Mutter das Trinken. Sie verdurstete.

Madan wuchs dann bei Verwandten auf. Sein Dorf liegt in Richtung Pokhara. Dort baute man damals nur Zuckerrohr an. Sein Vater brachte aber ab und zu das gute Gemüse von den Feldern in Kathmandu, vor allem Weißkohl. Der duftete dann durchs ganze Dorf.

Mit 15 Jahren wechselte Madan nach Kathmandu ins College, gleich neben Thamel, dem Touristenviertel. Hinter seiner Schule war eine weite Wiese. Darin heulten Füchse und Frösche quakten. Heute ist alles bebaut.

Wo die Busabfahrtsstelle nach Pokhara ist, war auch Wiese, mit einem einzigen Feldweg. – Nach Bhaktapur (26 km östlich) pendelte ein Elektrobus über die Reisfelder. Thamel hatte nur ein paar Häuser.
„Und jetzt? Überall Häuser. Nepal verliert seine Schönheit. Alles wird zugebaut.“

Madan startete mit seinem Cousin ein kleines Hotel. Zweimal zogen sie um. 1991 meldete er das jetzige Guesthouse an – mit Bankhilfe gekauft. Wenn wieder ein Erdbeben käme ohne Touristen, oder wieder eine Pandemie ohne Gäste, sagt er, dann ist es aus. Er kommt grad so über die Runden.

Seine Frau Samjhana, 45, wuchs im Tiefland zu Indien auf, in der großen Verwaltungsstadt Bharatpur. Mit 18 Jahren kam sie nach Kathmandu. Seitdem war sie viel zu selten daheim – in den letzten Jahren überhaupt nicht.

Sie lacht immer und sagt: „Madan sieht alles negativ, ich positiv. Ich vertraue unseren Göttern. Es wird schon weitergehen.“ Für mich ist sie wie eine Schwester, weil wir so ähnlich denken.

Samjhana bekam jetzt ein neues Zimmer ganz oben auf dem Dach, wo sie mit den Jungs Prashaman und Pratyus (18) schläft. Endlich sind die Zeiten unten im dunklen Hausgang vorbei. Aber Madan hält es dort noch aus. Bereit für unerwartete Gäste, bereit für 4-Uhr-Aufstehen, wenn ein Gast früh zum Jeep muss.

Samjhana´s Problem ist im Augenblick, eine gute Zimmerfrau fürs Hotel zu finden. Die erste war 25 Jahre da und sah die beiden Jungs aufwachsen. Sie besucht sie bis heute. Die nächste Frau putzte nicht eigenständig und fehlte oft. „Es ist so schwer, jemanden zu finden. Jeder will möglichst wenig arbeiten und viel verdienen.“

Jetzt kam ein junger Mann, Kisan Shrestha, 21. Er stammt aus einer Hotelfamilie und macht alles perfekt. Aber er bleibt nur, um eine Wartezeit nach Korea zu überbrücken. Den Sprachtest bestand er schon, in einem halben Jahr geht es los. Er soll beim Bau von Schiffen helfen. „Die ersten drei Jahre darf ich nicht heim, aber dann hab ich Urlaub.“

5. Whiskey und Bali

Das „Souvenir Guesthouse“ hat viele Gäste aus Frankreich, Holland und Belgien, die schon seit Jahrzehnten kommen und wie Eltern zu den beiden Jungs sind. Sie spielen oft mit dem behinderten Prashaman, den sein Vater Madan „unseren Sonnenschein“ nennt. Er ist es auch. Er hat ein so offenes, schönes Gesicht.

Ein Gast ist z. B. Dominique aus den Niederlanden, 82, der ganz wackelig geht – aber statt in einem Altersheim unterzugehen, fliegt er nach Kathmandu. Dort dreht sich zwar keine junge Frau mehr nach ihm um, sagt er, aber das ist ihm egal.
Oder Jan, Ex-Hippie und Motorradfreak, der Ehemann von Colette. Er sammelt Whiskey und hofft auf eine große Wertsteigerung seiner Bottles.
Oder Remi aus der Nähe von Paris, 67, immer lustig aufbrausend wie ein Süditaliener. Er wohnt nicht weit von Guyancourt, der Pegnitzer Partnerstadt bei Versailles. Ihm machte die Corona-Sperre so zu schaffen, dass er danach ganz Frankreich abfuhr, 45 000 Kilometer. Hier in Kathmandu pachtet er das Motorrad von Madan und stürzt sich in die Staus.
Vier Wochen im Jahr lebt er hier und acht Wochen in Bali. D. h. in Bali-Nord mit Familienanschluss. Er braucht das, weil er daheim so allein ist.

Ins „Souvenir Guesthouse“ kommt auch immer Hiltjen aus Amsterdam. Sie ist eine Heilerin, schon in Rente, und bietet Tausend Arten von Therapien. Einmal traf sie in Sibirien einen Schamanen. Kaum saß sie mit ihm zusammen, konnte sie eine ihr unbekannte Sprache fließend sprechen. Später anderswo auch Sanskrit. Nobody nows how.

6. Tempel-Ekstase

Sunita schreibt, dass ich einen bestimmten Tempel besuchen soll. Es ist ja Dashain-Fest, 15 Tage lang, und die Göttin Durga mit ihren bis zu 18 Armen schaffte es einst am 10. Tag (dashain = die Zehn) einen büffelartigen Dämon zu besiegen. Obwohl sehr mütterlich, hat sie große Kriegspower, um das Böse runterzubuttern.

In diesem Tempel ist viel los, sehr interessant. Zwar ist der Hauptteil in Reparatur, aber daneben, etwas tiefergelegt, steht ein alter Durga-Altar. Hier legt man Blüten und Kokosnüsse ab und küsst den Boden. Die Leute stehen Schlange, barfuß.
Ein Mädchen gerät in Ekstase. Sie schüttelt sich am ganzen Körper, was man willentlich kaum schafft. Die Frauen neben ihr lassen es laufen. Dann bekommt sie eine Kerze und eine Kokosnuss in die Hand. Es wird besser.

Außen am Zaun hocken kluge Frauen, die sich nicht anstellen wollen. Sie reichen ihre Opfergaben mit ein bisschen Geld durch. Eine arme Frau spricht drei Meter weiter flüsternd den Priester an, damit er ihr die gebrauchten Kokosnüsse rauswirft.

Vor dem Tempel liegen viele Bettler am Boden, geübt, ohne Bein. Ein kleiner armer Mann läuft als Affengott verkleidet herum. Am Eingang wartet hoch gestapelt Farbenpracht – Blumen und Glitzer in Rot und Gold. Die Opfergaben.

Neben dem Tempel lockt ein Open-Air-Markt unter Plastikplanen, innen einen Kilometer lang. Stände dicht an dicht. Der Lehmboden liegt voller Verpackungsplastik. Jeder rutscht drauf aus. Alles brodelt unter dem kalten LED-Licht. Aber es macht keinem was aus.

Die Standbetreiber sind so kluge Leute – gefesselt an ihren Stand, fast bewegungslos, den ganzen Tag über.

7. Buch vom Everest

Ich schau noch bei dem so klugen und bescheidenen Secondhand-Buchhändler neben meinem Hotel vorbei. Er erzählt, dass er aus einem Dorf neben Pokhara kommt und seit 35 Jahren in Kathmandu ist. Seit 20 Jahren hat er diesen Raum, 3 x 3 m, ein paar Stufen über der Straße. Dicht voll mit Büchern. Er kann nur schwer davon leben, obwohl gegenüber zwei neue Hotels gebaut wurden, mit Luxusgästen bestückt. Aber diesen Leuten wiegen die Bücher zu viel in der Tasche. Und sie schauen lieber ins Handy, sagt er.

Er muss 35 000 Rupi Miete (246 Euro) bezahlen und 10 000 Rupi (70 Euro) für sein Zimmer drei Strassen weiter. Das ist extrem viel, bei dem geringen Verkauf.

Ich nehme zwei Bücher für 6,80 Euro. Das hilft aber auch nicht groß weiter.

Eines der Bücher ist so gut. Ein David Robertson sammelte alle schriftlichen Zeugnisse über George Mallory (1886 – 1924), jenen jungen englischen Bergsteiger, der es fast bis zum Gipfel des Everest schaffte. Seine Briefe, die Briefe von Freunden, alle Reports aus den Alpinzeitschriften.

Mallory stieg schon als Kind über Dächer. Er sah so gut aus, dass jemand wähnte, einen griechischen Gott eintreten zu sehen, als er ihn das erste Mal sah. Er kletterte wie eine Katze. Er überlebte den Einsatz im Ersten Weltkrieg (viele Bergfreunde wurden erschossen). Er heiratete, hoch verliebt. Er brach zweimal mit zum Everest auf. Vor dem dritten Mal sagte er, 38 Jahre alt: „Das ist kein Bergsteigen da oben, das ist Krieg. Ich werde nicht zurückkommen.“ Mit Andrew Irvine, einem jungen Bergsteiger und Genie im Technischen (er verbesserte noch vor Ort auf der tibetischen Seite die gerade erfundenen Sauerstoffflaschen) stieg er schließlich in die letzte Etappe. Unten sahen sie im Fernglas zwei schwarze Punkte in den aufziehenden Wolken verschwinden, hoch oben.

Das war im Juni vor 100 Jahren.

Mallory hinterließ drei kleine Kinder und eine Frau, die depressiv schon mit dem Ende der Ehe gedroht hatte, weil er nie daheim war: 1/2 Jahr Everest, 1/2 Jahr Vorträge bis in die USA, 1/2 Jahr Everest, 1/2 Jahr Vorträge, 1/2 Jahr Everest.

Mein Buchhändler hat das Gesicht von George Mallory, seine guten Augen. Vielleicht wiedergeboren.

8. Mahesh und die Rollertour

Ich laufe mal los, um einen Bach aufzutreiben, der entenfähig ist. Entensicher. Laut Stadtplan gibt es ihn weit im Südwesten. Ich komme an zwei nagelneuen Konditoreien und einem Supermarkt vorbei, mitten in der Einfachheit der alten Viertel. Ich sehe gleich, warum: Weil gegenüber ein nagelneues Hochhaus steht, sehr schön im Mallorca-Stil. Reiche Leute drin. Aber dann taugt der Bach nix. Denn wo meine Karte grüne Wiese zeigt, ist alles bebaut.

Ich komme auf eine große Ringstraße. Am Boden liegt eine Spielkarte Pik Sieben. Ich denke: Das bringt Glück. Und tatsächlich – grad als ich ein bisschen rumfotografiere, hält ein Student mit seinem roten Motorroller, ob er mich wo hinfahren kann.

Es ist Mahesh (sprich Mohesh), ganz schmal und fein. Er studiert Wirtschaft und englische Literatur. Damit kann er später Lehrer werden oder in eine Bank gehen. Er kommt aus der gleichen Stadt wie Saurav, im Tiefland zu Indien. Und fährt heute Nacht mit dem Bus dorthin, wegen des Dashain-Fests. Da kehren alle Nepalesen in ihre Heimatstädte zurück, um von den Eltern das rote Tika-Zeichen auf die Stirn zu bekommen.

Mahesh versteht sofort die Entennot. Ob ich Vogelkundler bin? Er bringt mich zu einem Bach, so sauber, in einem ungeahnten Idyll am Stadtrand. Eine wilde Schlucht liegt dahinter. Jetzt entwickelt er wahre Guide-Fähigkeiten: „Da klettern wir jetzt steil rauf, das ist Abenteuer. Ist doch gut für dich, ein bisschen Abenteuer?“ Runter müssen wir das hinterher auch. Es ist der vom Monsun runtergespülte Hang, wo mal eine Treppe war. Alles durcheinander. Ich packe meine alpinen Fähigkeiten zusammen = Hosenbodentechnik.

Weit oben ragt eine fotogene Hängebrücke in die Luft. Mahesh: „Bist du sowas schon mal gegangen?“ Nicht dass mir schlecht wird drauf, vor lauter Schwanken. Die Schlucht, beschließen wir dann von oben, ist nachts voller wilder Tiere und also nichts für Enten

Danach machen wir einen Ausflug: Durch die Universität, eine Art Gartenstadt. Zu den Tempeln von Kirlitpur. Zu einem Drachensteig-Platz mit viel märchenhaftem Umland. Zu einem abgelegenen Tempel am Fluss. Total enten-geeignet.

Dort hebt Mahesh den Arm, mit einer weiten Bewegung, und sagt: „Das hättest du nicht gedacht, dass du heute so viel siehst?“ Im halben Dunkel rollen wir zurück und im größten Dunkel bringt es Mahesh wunderbarerweise fertig, ohne jede Handbewegung einen Kleinbus zu stoppen, der mich zurück ins Zentrum bringt. Nur 20 Cent, obwohl eine lange Fahrt. Wo ich all meine Ortskenntnis aufs höchste schärfe, um mitzubekommen, wann ich raus muss.

9. Disney am See

Heute der Bus nach Pokhara ist das Tollste, was ich je an Bus gesehen hab. Sessel aus der Business-Class der Flugzeuge drin. Mords viel Platz. Und die 200 km nach Westen sind teils schon vierspurig. Prompt bin ich sehr früh da, um 15 Uhr. Aber dazwischen liegt viel Erdrutsch vom Monsun auf dem neuen Teer. Strommasten stehen schief. Einer ist abgestürzt

Ich nehme vom Busbahnhof ein Taxi in die Stadt. Der Fahrer sagt: „Ich kann grad so leben. Es reicht genau für Wohnen und Essen, nicht mehr. Ich komm so hin. Es ist ein mittelguter Job. Wenn es so bleibt, ist es gut.“

Mein kleines „Tibetan Guesthouse Hotel“ ist so schön mit seinem Palmengarten im Hof. Ich laufe dann am Ufer des Fewa-Sees entlang, wo Remi letzte Woche auch war und schockiert sagte: „Nie wieder Pokhara.“ Denn er erlebte den See vor 20 Jahren, als es noch keine Hotelflut gab und keinen Disneypark.

Am Ufer-Ende rumpele ich in eine Zeremonie – so schön. Direkt am Wasser, gedacht für die Göttin des Sees. Ich gratuliere mir für mein Glück, höre aber später: Dieser Dienst mit Musik ist an jedem Abend. Und seit neuestem auch in Kathmandu beim Verbrennungstempel. Für die Touristen.

Drei Jungs, alles Ehrenamtliche, stehen in super schöner historischer Kleidung da. Mit eleganten Bewegungen werfen sie erst Blüten in den See, dann blasen sie in Muscheln und dann schwenken sie Feuer und Rauch.

Am Ende darf jeder tanzen und es gibt rote Tikas auf die Stirn. Sunita´s Eltern sagen am nächsten Tag, dass die Nepalesen nur wegen des Tika-Segens hingehen.

10. Dashain und Nishchal

Mit dem Stadtbus fahre ich zu Sunita´s Eltern – kostenlos, weil Dashain… In der Gasse vor ihrem Haus rufen zwei Jungs von einem fernen Balkon: „Touris!!“ und flitzten voll speed durch die Flure runter zu mir. Einer hat so kluge, scharfe Augen trotz seiner neun Jahre – bestimmt im vorigen Leben ein buddhistischer Mönch gewesen.

Bei den Eltern ist es sehr schön, einmal wegen des vier Wochen alten Babys Aarav (es bedeutet Shiva) von Rabina (sprich: Rowina), der so guten Frau von Suman. Er ist der Bruder von Sunita. Dann wegen der Vorbereitungen für das große Fest. Alles muss picobello sauber sein und ist ein paar Stunden später genau das Gegenteil.
Auch Sunita´s Schwester Sushma kommt mit ihrem Mann. Sie erwarten ihr erstes Kind Ende Oktober.
Alle Damen tragen besonders schöne Kleider. Und jeder bekommt sein Tika auf die Stirn und etwas Geld. Ich will meins an Arme weitergeben.

Am Abend gehe ich noch einmal zum See, zur Zeremonie. Ich tanze am Ende mutig mit, als dafür aufgefordert wird, was gleich fünf Touristen von den Stühlen ins Tanzgewühl wirft. Ich hab dann vier nepalesische Jungs um mich, die es so freut, dass ich mitmache.

Am Rückweg entlang des Seeufers komme ich im Dunkeln wieder an einem schmalen, bescheidenen Mann vorbei, der am Wiesenrand Karaoke singt: Hinter einem Verstärker und mit Mikrophon. Ich hab ihm schon vorher etwas Dashain-Geld von Sunita´s Vater gegeben und jetzt wieder. Dann stelle ich mich 20 Meter abseits zum Zuhören.

Später sagt er, er hat mich da stehen gespürt. Weil er blind ist. Ich hab das im Dunkeln nicht gesehen. Und das kleine Mädchen neben ihm sagt zu ihm: „Sing ein englisches Lied, weil es ein Tourist ist, der da steht.“ Aber er antwortet: „Touristen hören lieber nepalesische Lieder.“

Ein bisschen weiter bestelle ich jetzt gerösteten Mais bei einem Mann, gleich hinter einer Karaoke-Sängerin. Sie sitzt für sich und singt im hellen Ton chinesischer Mädchen, der für Nepals Sängerinnen typisch ist.
Dann kommt der blinde Sänger mit dem kleinen, immer strahlenden Mädchen heran. Und hebt erst einmal einen Betrunkenen auf, der neben der Sängerin am Boden liegt.
Das Mädchen blickt bittend zu mir, ob ich helfe. Aber der Sänger schafft es. Dann zieht ihn das Mädchen zu mir und sagt ihm auf Nepali, dass ich der Tourist von vorhin bin.

Sie ist seine Nichte, und am Boden gekauert singt seine Schwester. Sie ist auch blind.

Der junge Mann setzt sich hin, um noch einmal für mich zu singen. Er hat so gute, feine Hände. Man müsste einen Film drehen nur über seine Hände. Seine Schwester hat auch die guten Bewegungen der Hände. Sie wechselt die Mikro-Batterien mit so viel Gefühl. Sie tastet die Geldscheine ab, die ihr die Leute viel zu wenig geben, und erkennt sofort den Geldwert. Sie sortiert alle richtig.

Ihr Bruder hat so ein freundlichen Gesicht. Aus diesem Gesicht strömt innere Größe. Ich duck´ mich fast, weil ich mich minder fühle davor. Er fragt mich: „Warum bin ich blind?“ Und sagt: „Gott machte es.“ – Ich sage: „Gott? – Gott ist weit weg, wenn überhaupt.“

Ich erzähle ihm von einer alten taubstummen Frau in Pegnitz, die mir einmal gesagt hat: „Schlimmer als blind zu sein ist es, nichts zu hören.“ Das gibt ihm minimal Trost. „Das hab ich noch nicht gehört.“

Es stellt sich ein älterer Mann dazu, im Dunkeln, einheimisch, vielleicht ein Lehrer. Er sagt zu mir: „Stellen Sie sich mal vor, Sie sehen Ihr ganzes Leben nichts. Geben Sie ihnen was, das sind ehrliche Leute.“

Ich denke beim Heimweg: Nie mehr jammern oder leer fühlen. Froh sein um mein „Alles-tun-können“.

Am nächsten Abend treffe ich wieder diesen blinden jungen Mann Nishchal, 29, und seine Nichte Junu, 12. Sie ist immer bei ihm, damit keiner das Geld aus ihrem Spendenteller nimmt. Nishchal´s blinde Schwester heißt Sami. Sie hat zwei Kinder und wohnt in der Nähe.

Nishchal stammt aus einem Dorf 18 Busstunden westlich. Er musste wegen Geldmangels vier Jahre Schule ausfallen lassen. Jetzt singt er jeden Abend, auch bei Regen, und kann so die Aufnahmegebühr, die Monats- und die Jahresgebühr für sein College bezahlen.

Seine Eltern brachten ihn mit acht Jahren zu einem Augenarzt. Danach konnte er sehen. Aber als er elf Jahre alt war, ohrfeigte ihn ein Lehrer. Er war wieder blind. „Aber ich hab die Welt einmal gesehen.“

Bis zur 10. Klasse half ihm ein Schulbuch in Blindenschrift. Nishchal lernte so in der sehenden Klasse. Danach kam er nur durch Zuhören und Audiogeräte weiter.

Jetzt steht er kurz vor dem Examen als Lehrer. Danach kann er sehende Kinder unterrichten.
Sein gutes Englisch kommt daher, dass er alle vier Wochen mit einem amerikanischen Tourist telefoniert, der einmal hier war. Ich nehme mir vor, ihn genauso oft anzurufen.

Vielleicht gibt es einen Augenarzt bei uns, der ihn einmal untersucht. Vielleicht kann man Nishchal noch einmal operieren.

Lehrerin Uma Karki erzählt ihr Leben

Ich bat Uma Karki (rechts), die in der Nachfolge von Kul Dhoj alle unsere Spenden so gut an die Kinder weitergibt, einmal aus ihrem Leben zu erzählen.

„Ich wurde am 5. 11. 2040 (nach unserem Kalender 1993) in Okhaldhunga geboren. Mein Vater ist Ganesh Bahadur Karki und meine Mutter Pabitra Karki. Wir sind sieben Kinder.
Meine Eltern waren Bauern und ihre finanzielle Lage war sehr schwach.

Meine Schule begann, als ich fünf Jahre alt war. Als ich in der 5. Klasse war, hatte mein Vater nicht genug Geld, die Schulgebühr zu bezahlen und er wollte deshalb meine Ausbildung abbrechen. Aber meine Lehrer sagten ihm, dass seine Tochter die beste Schülerin ist. Ich selbst hatte ihn nicht zu überzeugen versucht, aber nach dem Lehrergespräch konnte ich bleiben.

Unser Haus stand auf einem flachen Berg. Eines Tages kam es nachts zu einem großen Erdrutsch. Mein Vater rettete die ganze Familie vor den Geröllmassen. Aber unser ganzes Land war verschwunden, wovon wir das Bisschen für unser Überleben geerntet hatten. Für einige Monate lebten wir in einem brüchigen Schulzimmer, in Milanchautara Dhuske.

Danach stand ich sehr vielen Familienproblemen gegenüber. Mein Lehrer gab mir ein ganz kleines Stipendium, aber es war nicht genug. Niemand unterstützte mich und meine Familie hatte eines Tages kein Papier. Aber ich musste meine Hausaufgaben machen. Mein Vater hatte kein Geld, Papier zu kaufen. Ich schrieb auf dem Deckel des Schulbuchs und gab es meinem Lehrer für die Korrektur.

In dieser schweren Zeit machte ich den SEE-Abschluss. Ich wollte Krankenschwester werden. Aber wegen unserer Familiensituation zerbrach dieser Traum. Dann begann ich, in die 11. Klasse zu gehen, in die Erziehungs-Richtung, mit einem Stipendium. Nach der 12. Klasse begann ich, in Maidane zu arbeiten anstatt die Bachelor-Klassen zu besuchen. Aber ein paar Monate später konnte ich doch den Bachelor-Weg gehen, gleichzeitig in Maidane unterrichten und nach drei Jahren den Bachelor abschließen.

Als ich 18 Jahre alt war, begann ich, in Maidane zu arbeiten. Nach zwei Jahren heiratete ich Raju Baniya. Ich schickte mein ganzes Gehalt heim zu meinem Vater. Er kaufte davon Essen, Kleidung und bezahlte für seine Rente ein.

Im Jahr 2063 (2006), am 20. April, wurde mein Sohn Utsab geboren. Ich nahm ihn mit nach Maidane und  arbeitete weiter. Wir lebten dort lange in einem gemieteten Zimmer, weil ich kein Haus hatte. Als Utsab drei Jahre alt war, gab ich ihn in die Lali Guransh English-School in Okhaldhunga, in den Kindergarten dort.

Als er sechs Jahre alt war, kaufte ich ein kleines Stück Land in Okhadhunga. Aber es war teuer. Ich bezahlte 15 Lakh dafür (ein Lakh ist 100 000 Rupi = heute etwa 700 Euro, damals mehr). Ich brauchte auch ein Haus, hatte aber nicht genug Geld und ging zur Bank für einen Kredit, um es fertig zu bauen. Insgesamt kostete das 70 Lakh. 30 konnte ich geben und 40 sind immer noch offen (in Nepal sind die Kreditzinsen extrem hoch, über 30 %) . Mein ganzes Gehalt und das meines Mannes (er ist auch Lehrer) fließen da hinein. Deshalb ist nicht genug Geld für Utsab´s Studium da. Ich denke immer, ich bin nicht in meinem Haus, sondern im Haus der Bank. Es ist nicht mein Haus, aber ich will es zu meinem machen. Aber meine finanzielle Lage ist sehr schwach.

Der  Feldweg nach Maidane ist immer gefährlich. Jedes Mal habe ich Angst vor Bären, Tigern und Leoparden. Wenn ich von Maidane nach Okhaldhunga will, nehme ich manchmal einen Kleinbus. Dafür muss ich 600 Rupi (4,30 Euro) bezahlen.

Als ich in Maidane zu unterrichten begann, wurde bald auch die 10. Klasse eingeführt (alle kleineren Schulen wie Angpang haben nur acht Klassen). Ich war Lehrerin für die Grundschul-Klassen, unterrichtete jetzt aber auch die 10., 11. und 12. Klassen: 16 Jahre lang die 12. Klassen sowie 10. Klassen, und fünf Jahre 10 + 2 ( = mit zwei praxisbezogenen Jahren, hier in Maidane in der sozialen Richtung). Aber ich bekam nur 1,5 Jahre lang das Gehalt der oberen Stufen. Ich unterrichtete 14,5 Jahre lang mit dem Grundschulgehalt.

Ich bin sehr glücklich, weil ihr mir jetzt die Aufgabe gegeben habt, mich um arme Schüler zu kümmern. Ich denke immer an meine Kindheit, wenn ich die KvN-Hilfe an die armen Kinder übergebe.

Ich liebe meinen Vater und meine Mutter sehr. Mein Vater ist jetzt 87 Jahre alt, meine Mutter ist 85 Jahre. Sie sind meine Inspiration. Ich respektiere meinen Vater und meine Mutter immer, weil ich meine jetzige Stellung durch einen Bauern erhalten habe.

Das ist meine Geschichte bis heute. Manchmal werde ich sehr traurig, wenn ich darüber nachdenke.“